Von Roberto Becker
12.08.2009

Opfer des Dionysos

Festspiele Bregenz

Bei den Bregenzer Festspielen gibt es nicht nur das große Spektakel. Der eigentliche Reiz liegt in den ambitionierten Ausgrabungen. Diesmal hat Intendant David Pountney »König Roger« von Karol Szymanowski (1882- 1937) inszeniert. Ein irisierend betörender, sinnlich aufrauschender polnischer Opernsolitär aus dem Jahre 1926.

Die festgefügte orthodoxe Werteordnung König Rogers wird durch einen Hirten aufgebrochen, der sich am Ende in den Gott Dionysos verwandelt. Königin Roxana und das Volk verfallen ihm, und auch Roger ist am Ende ein ganz anderer. Für Pountney ist dabei nicht (wie bei den kürzlich in Bonn und in Paris herausgekommenen Inszenierungen der Oper) die autobiografisch legitimierte homoerotische Komponente des Verführers von Interesse, sondern die Entfesselung des domestiziert Archaischen. Der Hirt (eindringlich: Will Hartmann) dringt mit Farbenpracht in eine nüchtern festgefügte, von Ausstatter Raimund Bauer auf gewaltige Amphitheater-Stufen verfrachtete Welt ein. Mit imponierenden Farben und aufbrechender Motorik – dank Fabrice Kebour und Gilles Papain.

Im dritten Akt schließlich bricht das Archaische voll aus. Köpfe von geopferten Tieren, blutverschmierte, jeder zivilisatorischen Hülle entledigte Menschen, die Dionysos verfallen und, wie Roxana, zu dessen Opfern werden. Das ist mit starkem optischem Aplomb an der Geschichte entlang inszeniert und obendrein erstklassig musiziert. Wobei Sir Mark Elder mit den Wiener Symphonikern die Sinnlichkeit der Musik pointiert entfaltet und die Hauptpartien mit der höhensicheren Olga Pasichnyk (Königin Roxana), dem eindringlichen Scott Hendricks als Roger und dem sinnlichen Will Hartmann als Hirt bestens besetzt sind. Durch die Gäste aus Katowice und Krakau waren die Chöre ohnehin auch sprachlich authentisch dicht an Szymanowskis in Bregenz bejubeltem Meisterwerk.

www.bregenzerfestspiele.com

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