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Von Hilmar König, Delhi
12.08.2009

Tochter des Nationalhelden wurde zum Staatsfeind Nr. 1

Myanmars regierungstreue Medien geizen nicht mit Anklagen gegen Aung San Suu Kyi: Sie sei eine »Handlangerin von Neokolonialisten«, eine »Interessenvertreterin Washingtons und des Westens«. Für sie ist die 64-jährige Generalsekretärin der Nationalen Liga für Demokratie (NLD) die gefährlichste Gegnerin der Militärregierung.

Schon Tage vor der Urteilsverkündung am Dienstag warnte die einheimische Presse die Bürger Myanmars (Burmas), sie sollten nicht »aufrührerischen, vom Ausland gesteuerten Elementen« auf den Leim gehen und sich nicht an Protestbekundungen beteiligen.

Prozess und Urteil fielen nämlich in die Zeit um den 21. Jahrestag des Massenaufstands »8888« vom 8. August 1988. Der wurde seinerzeit gewaltsam niedergeschlagen, hatte jedoch zur Folge, dass das Militär 1990 Parlamentswahlen ansetzte, bei denen die NLD unter Führung Aung San Suu Kyis einen haushohen Sieg errang: 394 von 492 Abgeordnetenmandaten. Unter normalen politischen Verhältnissen wäre die Politikerin Premierministerin geworden. Doch die Generäle akzeptierten das Wahlergebnis nicht. Hunderte Anhänger der Demokratiebewegung wurden inhaftiert oder flohen ins Ausland.

Von den seither verstrichenen 21 Jahren musste die 1991 mit dem Friedensnobelpreis geehrte NLD-Generalsekretärin 14 innerhalb der eigenen vier Wände oder in Gefängnissen zubringen.

Jahrzehnte zuvor hatte sie im Ausland studiert, gearbeitet und gelebt. Deshalb wirft ihr die Militärregierung vor, sie sei gar keine echte Burmesin, verstehe die Bräuche und Traditionen der Heimat nicht, missachte nationale Besonderheiten des Vielvölkerstaates Myanmar und wolle dem Land das kulturelle und wirtschaftliche System des Westens überstülpen. Wasser auf die Mühlen der Generäle ist, dass Suu Kyi Touristen und Geschäftsleute mehrfach aufforderte, nicht ins Land zu kommen und die Diktatur nicht noch durch Investitionen zu stärken.

Die »Demokratie-Ikone« stammt aus prominentem Haus. Ihr Vater, General Aung San, gilt als Gründer der modernen burmesischen Armee, als Nationalheld, der 1947 mit der britischen Kolonialmacht die Bedingungen für die Unabhängigkeit aushandelte. Die Tochter erhielt ihre Bildung zunächst an einer englischen katholischen Schule, ist allerdings bis heute bekennende Buddhistin. Der ältere Bruder emigrierte in die USA und wurde deren Staatsbürger. Als ihre Mutter 1960 als Botschafterin nach Indien ging, studierte die Tochter in Delhi Politikwissenschaften und verinnerlichte Gandhis Philosophie der Gewaltlosigkeit. Sie setzte ihre Studien in Oxford fort und arbeitete später bei der UNO in New York.

1972 heiratete Suu Kyi den britischen Tibetologen Dr. Michael Aris und lebte mit ihm mehrere Jahre in Bhutan. Das Paar hat zwei Söhne. Dr. Aris starb 1999. Er durfte seine Frau, die seit 1988 wieder in Myanmar lebte, zum letzen Mal im Jahre 1995 besuchen. Danach erhielt er kein Einreisevisum mehr.

Zurückgekehrt war Suu Kyi 1988, um ihre im Sterben liegende Mutter zu pflegen. Zugleich begann sie jedoch politisch zu arbeiten. Im August jenes Jahres forderte sie auf einer Kundgebung vor 500 000 Menschen in Yangon (Rangun) demokratische Verhältnisse. Einen Monat später gründete sie die Nationale Liga für Demokratie (NLD). Mehrmals wurde sie vom regierenden Militärrat gedrängt, das Land zu verlassen. Sie lehnte dieses Ansinnen jedoch ab, weil sie sich als Integrationsfigur des gewaltlosen Widerstands versteht, trotz der begrenzten Wirkungsmöglichkeiten. Der emeritierte Prof. Josef Silverstein, ein Landeskenner, kommentierte: »Schreibt sie nicht ab. Wenn man ihr zu leben erlaubt, dann hat sie noch eine bedeutsame Rolle im Drama Burmas zu spielen.«

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