Von Lena Tietgen
14.08.2009

Gymnasium ab der ersten Klasse?

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Karikatur: Christiane Pfohlmann

In einem Villenvorort in Hamburg an der Elbe steht das Christianeum – eines der fünf altsprachlichen Gymnasien, auf die die Hamburger Elite besonders stolz ist. Es ist nicht leicht auf eines dieser Gymnasien zu kommen; nur ist es um Längen schwerer, sich dort zu halten. Der Schulalltag am Christianeum ist auf die Bedürfnisse der bürgerlichen Elite zugeschnitten, entsprechend groß ist die Unterstützung durch die Eltern. Wer hier aus Geldnöten nicht mithalten kann, gerät schnell ins Abseits, ebenso wie derjenige, der die sozialen und kulturellen Codes nicht verstehen und anwenden kann.

Dennoch stehen die Zeichen an Hamburgs Eliteschmieden auf Sturm, seitdem der schwarz-grüne Senat die Einführung der sechsjährigen Primarschule angekündigt hat. Das Christianeum fürchtet um seine Existenzberechtigung. Mit dem späten Beginn der siebten Klasse könne der diffizil aufgebaute altsprachliche Unterricht nicht mehr gewährleistet werden, heißt es. Auch der schuleigene Chor sei bedroht; die Jungs kommen doch in den Stimmbruch.

Was tun? – fragten sich Lehrer, Eltern und Schüler jüngst auf der regionalen Schulentwicklungskonferenz. Die Rettung kam durch die Hintertür. Die Elternabgeordneten schlugen vor, einem Teil der Grundschulkinder ab Klasse vier die frei werdenden Räume der Gymnasien anzubieten. Diese stünden mit der Verlängerung der Grundschulzeit frei, während die Grundschulen auf Kapazitätsprobleme stießen. »Jedes Kind in Klasse drei kann nach seinen Neigungen entscheiden, an welcher Schule es die Stufe vier bis sechs verbringen möchte. Es besucht dann als Primarschüler eine Schule mit dem Profilangebot seiner Wahl, kombiniert mit dem Angebot der jeweiligen Schule«, heißt es in dem Vorschlag.

Prima: Ein Bildungsgang als Einheit von der Schulanfangsphase bis zur Hochschulreife – sozusagen die Gemeinschaftsschule unter elitär-bildungsbürgerlichen Vorzeichen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt!

Die Autorin ist Erziehungswissenschaftlerin und lebt in Berlin.

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