»Wer macht die Stadt für wen?«, lautet der Titel einer Ausstellung, in der es um die Veränderungen in Neukölln, insbesondere im Norden, geht. Seit zwei, drei Jahren mausert sich der einstige »Schmuddelbezirk« zum neuen In-Kiez, rund um Reuter- und Weserstraße eröffnen Galerien, Ateliers, Szenekneipen und Cafés. Doch schon machen sich Ängste breit: Droht eine Gentrifizierung, also eine Aufwertung des Kiezes mit Mieterhöhungen und der Verdrängung alteingesessener Bewohner? Inwieweit ist die Entwicklung von der Politik gesteuert und wie kann man ihr entgegenwirken?
Mit diesen Fragen hat sich eine Gruppe von (Nord-)Neuköllnern beschäftigt, die als Studierende und Akademiker selbst Teil dieses »Aufwertungsprozesses« sind und sich dennoch – oder eben deshalb – gegen die Gentrifizierungstendenzen in ihrem Kiez wehrt. Ihre These: Die Aufwertung von Stadtteilen wird immer auch von der Politik mit angestoßen, zum Beispiel über die Festlegung von Sanierungsgebieten und die Förderung von Projekten, die den Kiez positiv in die Medien bringen und so das Image verbessern sollen.
Vier solcher Projekte und ihre Auswirkungen für die Mieter dokumentiert die nüchtern und übersichtlich angeordnete Schau »Aktion! Karl-Marx-Straße«, die Wirtschaft, Handel und Dienstleistungen stärken soll, der geplante »Campus Rütli«, die Umgestaltung der Kindl-Brauerei zum Kulturstandort und die Pläne für den Flughafen Tempelhof. Man sieht, dass die Macher der Ausstellung daran gewöhnt sind, wissenschaftlich und exakt zu arbeiten und die Ergebnisse ihrer Recherchen zu präsentieren. In kurzen Textblöcken werden die einzelnen Projekte präsentiert, ihre Geschichte ebenso wie der momentane Stand, Investoren und Förderer aufgelistet sowie die beabsichtigten Ziele. Fotos, Skizzen, Zeichnungen und Zitate verhindern, dass die textlastige Dokumentation zur »Bleiwüste« wird, die den interessierten Zuschauer schon von Weitem abgeschreckt. Das wäre nicht im Sinne der Ausstellungsmacher, die von Anfang an klar machen, dass sie nicht »neutral« sind, sondern sich aktiv für mehr Bürgerbeteiligung einsetzen. Das macht schon die Wahl des Ausstellungsortes klar: Mit der Entscheidung, die Schau im »New Yorck im Bethanien« zu zeigen, also im 2005 besetzten Südflügel des einstigen Krankenhauses am Mariannenplatz, zeigt man eine bestimmte Haltung: pro Hausbesetzer-Szene, pro Selbstbestimmung.
Trotzdem wirken die zehn Schautafeln weder dogmatisch noch wird die Sachlage zu sehr vereinfacht.
Die Grundthese ist, dass die gezielte Aufwertung eines Gebiets dieses zwar vorübergehend attraktiver, interessanter und abwechslungsreicher macht, auf Dauer aber vor allem denjenigen etwas bringt, die das Geld haben – Investoren und Zugezogene mit hohem Einkommen. Angesprochen werden immer wieder auch die beliebten Zwischennutzungsprojekte, ob die preiswerte Vermietung leer stehender Ladenlokale an Künstler und Kreative oder die zeitlich begrenzten Projekte wie die Modemesse »Bread & Butter« im Flughafen Tempelhof. Von außen sieht es oft so aus, als ob es bei solchen Zwischennutzungen nur Gewinner gibt, auf Seiten der Nutzer ebenso wie der Eigentümer bzw. der Stadt. Doch auch diese Zwischennutzungsprojekte werten Gegenden auf, die dadurch letztendlich teurer werden – finanz- und lokalpolitisch ein geschicktes Steuerungsinstrument.
Ausstellung bis zum 31.8. im »New Yorck«, Mariannenplatz 2, Kreuzberg Foto: Galerie
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