Von April bis Juni ist das mexikanische Bruttoinlandsprodukt laut aktuellen Statistiken um 10,4 bis 12 Prozent eingebrochen. Die Werte für Industrieproduktion, Inlandskonsum, Export und Arbeitslosigkeit hätten Tiefststände erreicht, die nicht einmal bei der Krise von 1995 beobachtet wurden, warnen Analysten.
Die christdemokratisch-konservative Regierung des seit 2006 regierenden Felipe Calderón hatte versucht, durch eine Erhöhung der öffentlichen Ausgaben den »Schock« abzuwenden. Doch in Mexiko geht die Angst vor einer Inflation um, die aktuell bei sechs Prozent liegt. Darum lockert die Zentralbank die Zinsschraube nicht, was wegen der Rezession eigentlich nötig wäre. Und so bleibt der mexikanische Peso teuer, was die Exporte behindert.
»Mexiko hat Probleme in der Fertigstellung von Infrastrukturprogrammen«, erklärt Manuel Guzmán, Experte des Finanzdienstleisters Ixe Casa de Bolsa mit Verweis auf die zunehmende Kreditklemme. Damit habe die Regierung den »besten Moment für eine Stimulierung der Wirtschaft vertan«.
Deutlich wird jetzt auch die große Abhängigkeit von den USA. Die »graduelle Stabilität« werde erst kommen, wenn sich die »Wirtschaft der Vereinigten Staaten erholt hat«, umschreibt Bankanalyst Rafael Camarena die Folgen der Mitgliedschaft Mexikos im Nordamerikanischen Freihandelsbündnis (NAFTA). Seit dem Beitritt im Januar 1994 gehen rund 75 Prozent der Exporte in das Nachbarland im Norden, wobei 80 Prozent Industrieerzeugnisse darstellen.
Der wirtschaftliche Druck wird direkt nach unten weitergereicht. Während die Industrieproduktion im Automobilsektor und in den zahlreichen Billigmanufakturen im April und Mai um 12 Prozent zurückging, stieg die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit auf 2,3 Millionen, was gegenüber dem Vorjahr einen Anstieg um 596 000 Erwerbslose bedeutete. Die Dunkelziffer liegt um vieles höher, denn die Mehrheit meldet sich nicht arbeitslos, da sie informellen Beschäftigungen nachgeht, die staatliche Statistiken nicht erfassen.
Die aussichtslose Lage auf dem Arbeitsmarkt trifft vor allem die Jugend. Von den rund vier Millionen Mexikanern zwischen 12 und 29 Jahren hat knapp ein Viertel weder Arbeit noch eine Ausbildungsstelle, so eine Studie des »Mexikanischen Instituts für Jugend«. Nur rund 15 Prozent gehen einer formellen Arbeit nach, während 200 000 Jugendliche ein Gerichtsverfahren wegen Raubes hinter sich haben. Die Wirtschaftskrise ist somit längst zu einer sozialen Krise geworden.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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