Von Britta Petersen, Kabul
20.08.2009

Der Mann, der Karsai beerben will

Abdullah Abdullah hat durchaus Chancen, den Amtsinhaber zumindest in eine Stichwahl zu zwingen

Die drei aussichtsreichsten Bewerber Abdullah Abdullah, Hamid Ka
Die drei aussichtsreichsten Bewerber Abdullah Abdullah, Hamid Karsai und Ashraf Ghani (von links) Fotos: dpa

Sieht so der Wandel in Afghanistan aus? In eine helle Kurta, das weite afghanische Obergewand und einen paschtunischen Turban gehüllt, bahnt sich Abdullah Abdullah den Weg durch seine Anhängerschar in der südafghanischen Stadt Kandahar. Er hat lange gewartet mit seinem Auftritt in der Stadt seines Vaters. In der Hochburg der Taliban überlebte Präsident Hamid Karsai 2002 nur knapp einen Anschlag. Doch im Festzelt seines Herausforderers am gestrigen Mittwoch ist die Sicherheit lax: Die Polizei bittet am Eingang jeden Gast, seine Waffe abzugeben – das ist alles.

Als Abdullah endlich die Bühne erreicht, fällt prompt der Lautsprecher aus. Doch seine Anhänger lassen sich davon nicht irritieren. In seinem US-amerikanisch inspirierten Wahlkampf hat der 49-jährige Augenarzt sich im Obama-Stil als Mann des Wandels inszeniert. Und das ist es, was seine Anhänger sehen wollen. Was Abdullah zu sagen hat, ist zweitrangig. Der Kandidat verspricht, die Korruption zu bekämpfen und Distriktgouverneure direkt vom Volk wählen zu lassen. Aber Wandel bedeutet im Afghanistan dieser Tage vor allem,: Karsai loszuwerden.

Dabei fällt auf, wie sehr der paschtunische Präsident das Bild des Politikers in Afghanistan in den letzten Jahren geprägt hat – und wie wenig sich Abdullah davon lösen kann oder will. Während Karsai in Kurta, Anzugjacke, weitem Chapan-Mantel und verschiedenen Kopfbedeckungen stets elegant den ideellen Gesamtafghanen gibt, trägt Abdullah in jeder Provinz politisch korrekt die vorherrschende Kleidung: im Süden Kurta und Turban; Pakul, die flache Massud-Mütze im Pandschirtal; und in Kabul schon einmal eine Lederjacke. Dabei bevorzugte er in seiner Amtszeit als Außenminister Nadelstreifenanzug und Krawatte.

Auch sein Politikstil orientiert sich an Karsai. Er schmiedet Koalitionen, wo er nur kann und präsentiert sich ebenso als Versöhner wie sein Konkurrent. Dabei stellt sich der Mann, der lange Zeit als Arzt in pakistanischen Flüchtlingslagern praktizierte und nach seiner Entlassung als Außenminister sich vor allem als Vorsitzender der wohltätigen »Massud Stiftung« engagierte, erstaunlich geschickt an. Wurde der ehemalige Sprecher des ermordeten Widerstandshelden Ahmed Schah Massud lange Zeit vor allem als Vertreter der Nordallianz wahrgenommen – jener Mudschaheddin-Gruppe, die die Taliban bis zuletzt bekämpfte und ihren Rückhalt vor allem unter ethnischen Tadschiken hatte – ist es ihm in den letzten Monaten gelungen, sein Image auf eine breitere Basis zu stellen. Als Sohn einer Tadschikin aus dem Pandschir-Tal und eines Paschtunen aus Kandahar, der unter König Zaher Schah Senator in Kabul war, ist er dazu vielleicht besser geeignet als jeder andere. Er holte sich als eine Art Vizepräsident Humayoun Shah Assefi ins Boot – ein Mitglied der königlichen Familie, Paschtune und Politikwissenschaftler mit einem Diplom der »Ecole Politique« in Paris.

Auch sein zweiter Stellvertreter, der angesehene Chirurg Cheraghali Cheragh, gibt seinem Küchenkabinett den Eindruck von Bürgerlichkeit, Intelligenz und Zivilität – Eigenschaften, nach denen vor allem die städtische Mittelschicht in Afghanistan dürstet.

Karsai machte im Gegensatz dazu den berüchtigten Kriegsfürsten Qasem Fahim zu seinem Stellvertreter – um die Nordallianz zu spalten. Mit zweifelhaftem Erfolg. Kürzlich kündigte Ishaq Gilani, der Vertreter einer einflussreichen paschtunischen Sufi-Familie und Chef der Partei »National Solidarity Movement« seine Unterstützung für Abdullah an. Bei den letzten Wahlen hatte er sich noch hinter Karsai gestellt.

Wer nach Inhalten sucht, wird bei Abdullah allerdings auch nicht mehr fündig als beim Präsidenten. Er versucht, sich als »saubere Alternative« zum Amtsinhaber zu präsentieren. Und man muss ihm zugute halten, dass sein eigenes Ministerium während seiner Amtszeit nicht zu den schlimmsten in Kabul zählte. Darüber hinaus setzt der Vater von vier Kindern sich dafür ein, das politische System Afghanistans zu dezentralisieren und das Amt eines Premierministers einzuführen – Vorschläge, die in Kreisen der Nordallianz und unter den ethnischen Minderheiten Afghanistans seit langem favorisiert werden.

Das alles hat ihm in Umfragen gute Werte gebracht. Während zu Beginn seiner Kampagne nur sieben Prozent der Afghanen für Abdullah stimmen wollten, sind es inzwischen 20 Prozent. Damit liegt er hinter Karsai mit 30 Prozent an zweiter Stelle. Sein Wahlkampfmanager kündigte kürzlich bereits mit drohendem Unterton an, dass alles andere als ein zweiter Wahlgang (der dann fällig wird, wenn in der ersten Runde keiner der Kandidaten die absolute Mehrheit bekommt), von seinem Lager nicht akzeptiert werde. Dass Anhänger der Nordalllianz auch großflächig Unruhen in Kabul organisieren können, weiß man aus der Vergangenheit.

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