In diesem Jahr wird viel über das Ende der DDR geredet. Einige ehemalige Bürgerrechtler feiern das heutige Deutschland als Endpunkt der »Friedlichen Revolution« 1989. Die Autoren und Herausgeber der ostdeutschen Zeitschrift »telegraph« feiern nicht mit. Mit ihrem gerade erschienenen Doppelheft »Gescheiterte Revolutionen« halten sie die Erinnerung an eine DDR-Opposition wach, die die Wiedervereinigung nicht zum Ziel hatte.
Gleich im Vorwort reden die Herausgeber Klartext: »Mit dem 20. Jahrestag der gescheiterten Herbstrevolution von 1989 und dem das Jubiläum begleitenden Propagandafeldzug ist die offizielle Geschichtsschreibung offensichtlich am Ziel.« Der Aktivist der DDR-Umweltbewegung Andreas Schreier spricht von einer halben Revolution in der DDR, der eine ganze Konterrevolution folgte. Er sieht in der überstürzten Maueröffnung einen wesentlichen Grund für diese Entwicklung. Das teilten im November 1989 viele DDR-Oppositionelle, vergaßen es aber bald, als sie sich zu deutschen Bürgerrechtlern mauserten. Die telegraph-Autoren sind die Ausnahme.
Die 19 Aufsätze des aktuellen Heftes widmen sich neben der DDR-Geschichte weiteren mehr oder weniger gescheiterten Reformbewegungen. Der Historiker Thomas Klein untersucht die Rolle von Linkssozialisten und antistalinistischen Kommunisten bei der Entstehung der Außerparlamentarischen Bewegung der 60er Jahre. Dabei erinnert er an weitgehend vergessene Theoretiker wie den Marburger Politologen Wolfgang Abendroth, den Linksgewerkschafter Viktor Agartz und den Soziologen Leo Kofler, die er der linken Bewegung heute zur Lektüre empfiehlt. Der Historiker Karol Modzelewski schaut zurück auf die polnische Opposition, die 1968 versuchte, eine Arbeiterselbstverwaltung zu etablieren. Davon ist wenig geblieben, wie Tadeusz Kowalik in seinem Aufsatz »Polens dorniger Weg in den Kapitalismus« zeigte. Kamil Majchrzak untersucht die »Kolonisierung Osteuropas« und legt dabei auch den Schwerpunkt auf die polnische Entwicklung. »In Polen tragen unzählige Arbeiter einen alltäglichen Selbsthass in sich, der seit 1989 stetig zunimmt«, sein ernüchterndes Fazit.
Weitere Texte widmen sich internationalen Themen: Heike Schrader der griechische Jugendrevolte, Malte Daniljuk Venezuela, wo die sozialen Bewegungen mit der Verfassung von 1999 »in einzigartiger Weise politisch privilegiert« seien. Mit Jean-Marc Rouillan kommt ein Mitbegründer der französischen Stadtguerilla Action Directe (AD) zu Wort, die sich an der RAF orientierte. Die Vielzahl der Positionen, die im telegraph Platz finden, macht die Ausgabe zum Vorbild einer linken Debattenkultur, wie sie heute nur selten zu finden ist.
Telegraph 118/119, 160 S., 6 €.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Preis: 7,95 €
Preis: 9,95 €
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