Das Friedenssymbol an der A 24 ist rostig geworden. Seit vielen Jahren signalisiert es, rechter Hand in Richtung Hamburg kurz nach einem Waldstück montiert, den Beginn des Aktionsradius von Deutschlands vielleicht erfolgreichster Bürgerinitiative: Wer nach Fretzdorf möchte, wo die »Freie Heide« in der Dorfkirche von Pfarrer Benedikt Schirge ein Hauptquartier hat, muss die nächste Ausfahrt nehmen, den Abzweig mit dem schönen Namen Herzsprung.
Wer aber am Sonntag den Frieden feiern wollte, tat gut daran, die Autobahn erst in Wittstock zu verlassen. Von hier aus ist Schweinrich, der Weiler an der Straße nach Rheinsberg, am besten zu erreichen. Denn obwohl die beiden kleinen Orte in Luftlinie nur wenige Kilometer trennen, beträgt die Entfernung auf Landstraßen an die 50 Kilometer. So lang ist der Umweg um das »Bombodrom«.
Schweinrich und Fretzdorf sind nicht die einzigen Orte, die durch das 1400 Hektar umfassende Militärgelände getrennt werden, das Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) jüngst einen »Sperrriegel« genannt hat. Aber die Dörfchen stehen symbolisch für einen langen, erfolgreichen Kampf. In Schweinrich, an der nördlichen Grenze der Bomben-Heide, wurde genau vor 17 Jahren die erste Bürgerinitiative gegen das Bombodrom gegründet. In Fretzdorf, südlich des Areals, starteten über Jahre die Ostermärsche, die stets viele tausend Friedensbewegte anzogen und sich zuletzt auch für Landesminister zu Pflichtterminen entwickelt hatten. Es mögen die Fretzdorfer Märsche gewesen sein, die dem Widerstand zum Durchbruch verhalfen. Doch der Geist dieser Bewegung – friedlich, überparteilich, beharrlich und ein wenig religiös – zeigte sich erstmals am 15. August 1992 auf einer Wiese bei Schweinrich, wo die erste Kundgebung gegen Tiefflieger und Bomben stattfand.
Dort, an historischer Stätte, versammelten sich am Sonntagnachmittag Tausende, um bei einem »Fest zum Verzicht« mit klassischer und Rockmusik, mit besinnlichen Worten, vor allem aber miteinander ihren Sieg zu feiern. Ganz am Ziel sieht Benedikt Schirge die Initiative zwar noch nicht, doch sei das Gelände »als Truppenübungsplatz nicht zu halten«. Zuletzt hatte es Irritationen gegeben, als ein Sprecher des Verteidigungsministeriums eine Nutzung als Boden-Übungsplatz ins Gespräch gebracht hatte. Doch dafür wäre ein komplett neues Verfahren nötig. Dass sich das Militär dem aussetzen könnte, will niemand so recht glauben.
Praktischer ist die Sorge um die explosiven Altlasten. Erst kürzlich wurden gefährliche »Schmetterlingsminen« auf einem Teil des Geländes entdeckt, der als unbelastet gegolten hatte. Die Bundeswehr warnt, dass Blindgänger über die Jahre vom Wurzelwerk an die Oberfläche gedrückt worden seien. In diesen Tagen soll mit den Munitionssprengungen begonnen werden. Die Rede ist von unbestimmten »dreistelligen« Millionensummen, die das kosten werde – wer zahlt, ist alles andere als klar.
Doch angesichts der überwundenen Hürden sind solche Fragen nur Details. Die Leute wollen über die Zukunft reden, ihre Zukunft am Rand eines Geländes, das vom potenziellen Besucherschreck zur Attraktion werden könnte. Mitte September soll in Rheinsberg eine Tourismuskonferenz der Schweriner und Potsdamer Landesregierung das Potenzial sondieren.
Die Region könnte sich sehr verändern in den nächsten Jahren. Nur eines wird wohl bleiben, wie es ist: Der lange Umweg von Fretzdorf nach Schweinrich. Autostraßen gehören nicht zu den ersten Projekten, über die hier nachgedacht wird. Allenfalls einen Radweg hat Landesminister Junghanns ins Gespräch gebracht. Gebaut könne der aber auch nur dann werden, wenn sich der Bund daran beteilige.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
Berlin befindet sich im Wandel. Die damit einhergehenden Veränderungen sehen die einen als unvermeidliche und positive Stadtentwicklung. Andere verstehen diesen Prozess als Bedrohung. Investoren, die vom Berliner Charme profitieren möchten, werten ganze Viertel auf: Die Mieten steigen, Clubs werden rausgeklagt und am Ende steht eine ausgetauschte Mieterschaft.
Preis: 7,95 €
Preis: 12,95 €
Werbung:
Werbung: