Ähnlich wie das marode Atommülllager Asse II hat der Salzstock in Gorleben viele geologische Mängel. Trotzdem wollen CDU und FDP dort hochradioaktiven Atommüll einlagern. Nächstes Jahr läuft das Erkundungsmoratorium ab. Die Linksfraktion im niedersächsischen Landtag hat deshalb ein von ihr in Auftrag gegebenes Gutachten vorgestellt.
Der Verfasser der »Expertise zum Salzstock Gorleben – Der aktuelle Kenntnisstand im Lichte der aktuellen Ereignisse in der ASSE II« ist kein unbeschriebenes Blatt. Der Kieler Diplomgeologe Ulrich Schneider untersuchte bereits in den 80er Jahren im Auftrag der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt den Salzstock zusammen mit Prof. Klaus Duphorn. In seinem aktuellen Gutachten geht Schneider ausführlich darauf ein, ob die Fragen, die während des Gorleben-Moratoriums geklärt werden sollten, beantwortet wurden. Er beschreibt die neuesten Erkenntnisse über das Lagermedium Salz und, wie es sich verhält, wenn es mit dem heißen, hochradioaktiven Atommüll in Kontakt kommt.
In Gorleben werden die Behälter an der Oberfläche rund 200 Grad warm sein. Dadurch heizt sich der Salzstock über mehrere Jahrhunderte hin langsam auf – und das hat Folgen: »Es gibt keine Langzeitsicherheit für das Endlager Gorleben«, sagte Ulrich Schneider bei der Vorstellung seiner Expertise am Montag in Hannover. Man könne sich das Deckgebirge über dem Salzstock wie einen hohlen Zahn vorstellen. Wie Karies dringe das Wasser in die nach unten führenden Schichten aus Kalisalz ein, die das Steinsalz des geplanten Endlagers umgeben. Davon zeuge der eher zufällig gefundene eingespülte Sand bis in rund 400 Metern Tiefe. Der heiße Atommüll mache das Salz dünnflüssiger. Dadurch reiße der schon zerklüftete Hauptanhydrit – die Schicht zwischen den innersten Salzen des Endlagers und den äußeren Salzgesteinen – auf und könne absinken. »Dies könnte dazu führen, dass radioaktives Material in die Biosphäre gelangt, was die Menschen in der Region massiv gefährden würde«, mahnt Schneider. »Aus diesen Gründen ist die Langzeitsicherheit für ein atomares Endlager in Gorleben nicht zu gewährleisten.« Dabei geht es um einen Betrachtungszeitraum von einer Million Jahren.
Der Geologe plädiert dafür, das zehnjährige Moratorium zur Erkundung des Salzstocks in Gorleben zu verlängern. Bis zum nächsten Jahr sollten eigentlich alle Zweifel am Standort ausgeräumt werden. »Diese sogenannten Zweifelsfragen sind keineswegs zufriedenstellend abgearbeitet«, kritisierte Schneider. »Das bisherige Untersuchungskonzept war teilweise unzureichend und die vorliegenden aktuellen Standortbeschreibungen weisen zum Teil Widersprüche und Fehler in der Auswertung auf.« Er forderte die Politik auf, nicht nur das Moratorium zu verlängern, sondern auch nach alternativen Endlagerstandorten zu suchen.
Auch die Linksfraktion im niedersächsischen Landtag fordert, aus den Ergebnissen der Studie Schlüsse zu ziehen. »Wir brauchen eine vergleichende Standortsuche für ein Endlager unter Ausschluss von Gorleben«, unterstricht Kurt Herzog. Der Umweltpolitiker meint damit nicht nur die Suche nach einem neuen Atommüll-Endlager, sondern auch, mögliche Standorte miteinander zu vergleichen und zu bewerten. In vielen anderen Ländern sei das bereits Standard. »Die Entscheidung für Gorleben basiert nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern wurde politisch gefällt«, so der Linkspolitiker. Dies belegten auch Akten über die Standortentscheidung aus den Jahren 1976 und 1977.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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