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Von Tom Mustroph 25.08.2009 /

Neue Blicke auf den Osten

Rohkunstbau im Schloss Marquardt in der Idylle Brandenburgs

Gregor Hildebrandt, Schallplattensäule, 2008, Vinyl
Gregor Hildebrandt, Schallplattensäule, 2008, Vinyl

Die allsommerliche Landkunstpartie Rohkunstbau hat einen neuen Ort und eine neue Bestimmung gefunden. Die inhaltliche Aufgabenstellung liegt jetzt in der Erforschung des jungen östlichen und südöstlichen Europas, das gleichzeitig ein Universum versunkener Geschichte(n) ist. Mit dem Titel »Atlantis I – Hidden Histories – New Identities« ist nicht nur der 16. Rohkunstbau überschrieben, sondern auch eine Reihe anderer künstlerischer und wissenschaftlicher Aktivitäten in der Slowakei, Bulgarien und Griechenland. Nachdem Rohkunstbau vor 15 Jahren als kulturelle Belebung eher karger märkischer Landstriche gestartet worden war, einen kurzen Höhenflug als »die märkische Documenta« erlebte, dann aber zum erweiterten Landausflug Berliner Offkünstler mit Kind & Kegel degradierte, haben der Initiator Arvid Boellert und der Kurator Mark Gisbourne nun wieder eine sinnvollere Position bestimmt.

Als neuen Standort haben sie ein weiteres Exemplar aus der Reihe dunkler und halb verfallener Herrensitze aufgetan. Diesmal handelt es sich um Schloss Marquardt, einen im späten 18. Jahrhundert ausgebauten und später mit einem von Lenné konzipierten Park versehenen Adelssitz am Ufer des Schlänitzsees westlich von Potsdam. Gegenwärtig ist das Haus innen wie außen ziemlich angenagt, weist aber noch genug Spuren der einstigen elitären Benutzung auf, was es für den Kunstkosmos eben hinreichend interessant macht.

Wenn man von der bei Rohkunstbau weiter herrschenden thematischen Überfrachtung absieht, dann ist dieses Mal sogar die Auswahl der künstlerischen Arbeiten eher gelungen. Der Litauer Deimantas Narkevicius widmet sich am intensivsten der Erforschung des vergangenen gesellschaftlichen Kosmos. Während hierzulande die Erinnerungsfronten in ökonomistischer und ideologischer Tabula rasa und ergrimmt-verschwommener Verklärung erstarrt sind, wählt Narkevicius einen so subtilen wie komplexen Zugang. Er lässt die Kamera über schneebedeckte weite Landschaften schweifen und in einer erloschenen Fabrik den Schauspieler Donatas Banionis versunken Erinnerungen nachgehen. Banionis spielte in Andrej Tarkowskis Film »Solaris« den Psychologen Kris Kelvin, der bei der Erkundung zivilisatorischer Überreste auf dem Planeten Solaris in fremdartige Bewusstseinszustände versetzt wird.

Auf der Schwelle zwischen Wachen, Träumen und Grauen befindet sich auch eine Video-Installation von Lisa Junghanß. Eine mal in einem weißen, mal im einem schwarzen Kleid steckende Frau tastet sich durch Schloss Marquardt. Mal wirkt sie stolz und herrisch, mal von Angst gepeinigt. Man findet sie erhängt und wird Zeuge ihres Ganges ins nahe Wasser. Eine im rechten Winkel auf eine Fensterfront gerichtete Projektion zeigt die Frau laufend. Weil die Umrisse der Fenster weiter sichtbar sind, wird ihr Laufen zum Balancieren auf dem Fensterbrett, was die Anmutung permanenter Gefährdung noch verstärkt.

Die effektvollste Arbeit liefert die polnische Künstlerin Katarzyna Kozyra. Sie lässt ein Märchenidyll von im Garten werkelnden Zwerginnen und gesangsbegabten Exzentrikern in eine blutige Schlacht ausufern. Die Zwerginnen meucheln schließlich die anderen Wesen.

Die dunklen Zimmer des Schlosses erweisen sich als geeignete Wunderkammern für gespenstische Kunstfilme. Statt – wie gewöhnlich bei Kunstevents – in anonyme Presspappe-Boxen gepfercht zu werden, verbinden sich die Filme hier mit ihrem Geschichte atmenden Ambiente zu einer die Sinne anregenden Einheit. Die Zukunft des Rohkunstbaus könnte in einem Ausbau der filmischen Komponente liegen.

Von den übrigen, nicht-filmischen Eingriffen überzeugen lediglich eine Spukinstallation von Robert Barta mit zwei verschlossenen Räumen und zwei Stimmen sowie die wie ein Keil in den Raum eindringende Bildwand aus farbigen abstrakten Flächen von Thomas Scheibitz. Gregor Hildebrandts Tonträgerskulpturen sind nette, kompakte Objekte, mit denen jeder Ausstellungsmacher auf Nummer sicher geht, die sich einer wirklichen Kommunikation mit Raum und Situation aber verweigern.

Gleiches gilt für Scheibitz’ Säule und Dennis Feddersens schwarze Plastik-Wucherungen. Sabine Hornigs Bildwand einer Elektronik-Müllkippe ist einfallslos; der Hinweis, dass sie sich an einem Ort befindet, an dem das mythische Atlantis vermutet wurde, macht die Arbeit nicht wesentlich zwingender. Martin Assig schreibt, zeichnet und baut viel, was sicher irgendwie mit Platon, Staaten und Utopien in Verbindung gebracht werden kann; seine Objekte emanzipieren sich aber nicht von diesem diskursiven Kauderwelsch. Wenig mehr als nur diffuse Erinnerungsspuren an Sarajevo hat die bosnische Künstlerin Sejla Kameric zu bieten. Es reicht nicht aus, sich mit ein paar Zeichen an die mediale Aufladungsmaschinerie anzuschließen und auf das Gedächtniskino in den Köpfen der Betrachter zu spekulieren.

Doch insgesamt ist der 16. Rohkunstbau kompakter und interessanter als die vorherigen Ausgaben. Der Blick über den östlichen Gartenzaun hinweg könnte dem ausgelaugten Berlin-Brandenburger Binnenverhältnis dauerhaft neue Impulse verleihen. Zu wünschen ist allerdings, dass mit dem Pfund der Ortsspezifik mehr gewuchert wird.

Schloss Marquardt, Hauptstraße 14, Potsdam-Marquardt. Bis 13.9., Do u. Fr 14-19, Sa u. So 12-19 Uhr

www.rohkunstbau.de

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