Als Israels Premier Netanjahu gestern in London vorsprach, um sich Rückendeckung für seinen Nahostfahrplan zu holen, lag dort bereits ein palästinensischer auf dem Tisch, abgedruckt am selben Tage in der »Times« – mit dem Kerngedanken, jetzt an den Aufbau eines de-facto-Staates Palästina zu gehen. Ein kühner, ja trotziger Plan, völkerrechtlich legitim, moralisch gerechtfertigt sowieso. Aber auch klug, realistisch?
Sicher, große Werke bedürfen zunächst großer Courage, um überhaupt begonnen zu werden. Doch der Gedanke, dass hier die PR- die Strategieabteilung in der Autonomiebehörde überrumpelt hat, ist bei näherer Betrachtung schwer zu verdrängen. Premier Fayad hofft in seinem Plan auf »gutgehende Wirtschaft« und »fähige Sicherheitskräfte«, oder besser: Er träumt davon. Aber wie will er sie erreichen ohne souveräne Behörden und Armee? Mit einem Etat, der zu 100 Prozent vom Ausland gespeist wird? In einem Staat ohne reguläre Grenzen, dafür mit Hunderten (Siedlungs)-Pfählen im Fleische, die bislang stetig wuchsen?
Offensichtlich ist ein Befreiungsschlag geplant. Doch Stillstand überwinden, indem der dritte Schritt vor dem ersten versucht wird? Genau das wäre es, denn angesichts des ungelösten Konflikts mit der Hamas, des jüngsten streitbeladenen Fatah-Parteitags ist nicht einmal an Einvernehmen innerhalb der Palästinenser-Bewegung zu glauben – ganz abgesehen von Rückendeckung durch strategische Partner im Ausland.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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