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Man ist ja so anfällig ...

Christopher Hampton, Colette und das Schreiben

ND: Mister Hampton, Ihr letztes Drehbuch für Stephen Frears’ Film »Chéri« basiert auf einem Roman der französischen Autorin Colette. Inwiefern ist sie heute noch aktuell?
Hampton: Mich hat Philip Roth auf sie aufmerksam gemacht: Sie sei eine der größten Autoren des 20. Jahrhunderts und »Chéri« ihr Meisterwerk. Das war meine Einführung in das Thema. Und ich finde, was für Roth recht ist, ist für uns nur billig.

Was macht den Reiz einer französischen Liebesgeschichte in der Belle Époque aus?
Ich glaube, dass Colette wirklich eine reifere Schriftstellerin ist als ihre englischen oder amerikanischen Kollegen zu der Zeit. Sie verstand einfach mehr von den Verwinkelungen des menschlichen Herzens als ihre Zeitgenossen.

Ist es einfacher, diese Verwinkelungen in einem Historienfilm zu erforschen?
Wenn man einen Abstand zu einer Epoche hat, kann man besser erkennen, was spezifisch für diese Epoche ist und was allgemeingültig ist. Es ist verwirrender, über ein rein zeitgenössisches Thema zu schreiben. Man kann die eigene Wahrnehmung nicht von der allgemeinen unterscheiden und weiß nicht, wie die Dinge sich entwickeln werden.

Was haben Sie an »Chéri« verändert?
»Chéri« war Colettes erfolgreichster Roman. Aus ihm adaptierte sie ein Theaterstück, das ein Riesenerfolg war. Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb sie eine Fortsetzung, »Das Ende von Chéri«, in dem sie schildert, dass er in den Krieg zog, dass seine Frau ihn betrog und wie er in der Nachkriegswelt verloren war, während Léa, die Figur von Michelle Pfeiffer, recht glücklich ist. Als Colette schließlich in den 50er Jahren ein Drehbuch über den Stoff schrieb, verband sie die beiden Teile, erzählte in einer Art Rückblenden-Struktur. Ich dagegen konzentrierte mich auf den ersten Roman. Wir wollten das Ende des zweiten Teils aber wenigstens andeuten.

Zu der prachtvollen Ausstattung des Films gehören auch die Bauten …
Ja. Unser Setdesigner hat zum Beispiel entdeckt, dass das Haus, in dem Léa wohnt, im Jahre 1906 dem Architekten Hector Guimard gehörte, der viele Stationseingänge der Pariser Metro entworfen hat. So haben wir eine scharfe Trennlinie gezogen zwischen jemandem, der sehr modern war wie Léa und einer Figur wie Madame Peloux, die Kathy Bates spielt. Diese ist immer noch im französischen Pendant der Viktorianischen Ära verhaftet. Also charakterisiert der Stil die Figuren.

Haben Sie nach all diesen Jahren noch Angst vor dem weißen Blatt Papier?
Oh ja. Das ist furchtbar. Aber ich habe immer eine Art Skelett der Geschichte im Kopf und weiß, wie und wo sie enden wird. Danach plane ich jedoch nicht zu genau, weil ich hoffe, dass die guten Ideen beim Schreiben kommen. So bleibt man flexibel. Trotzdem dauert die Planung bei mir recht lange. Das eigentliche Schreiben geht dann sehr schnell.

Brauchen Sie beim Schreiben ein besonderes Umfeld?
Ich brauche absolute Ruhe. Deshalb habe ich früher viel in Hotelzimmern geschrieben. Dann wissen die Leute nicht, wo man ist. Man ist ja so anfällig für jede Form von Ablenkung. Jeder Telefonanruf ist eine gute Entschuldigung dafür, nicht zu schreiben. Wenn ich mich also bereit zum Schreiben fühle, verschwinde ich einfach.

Interview: Kira Taszman

Der »Oscar«-prämierte Christopher Hampton, Jg. 1946, ist einer der angesehensten Drehbuchautoren Großbritanniens. Berühmt wurde er vor allem durch seine Adaption des französischen Klassikers »Gefährliche Liebschaften«. Sie diente auch als Vorlage für Stephen Frears’ gleichnamigen Film von 1989. Mit dem britischen Meisterregisseur arbeitete Hampton nun wieder zusammen. »Chéri«: die Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann und einer deutlich älteren Frau zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

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