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Von Andreas Fritsche 31.08.2009 / Berlin / Brandenburg
Brandenburg

Enkelmann als Putzfrau im Bundestag

6000 Besucher kamen zum Strausberger Friedensfest, das im Zeichen der Wahlen stand

Kaiser singt, Enkelmann spielt Kabarett und »Team Enkelmann
Kaiser singt, Enkelmann spielt Kabarett und »Team Enkelmann« belegt Platz 2 im Fußballturnier.

Schwungvoll spielt die Kreismusikschulgruppe »Ersatzteillager« einen Titel von Bryan Adams. Von den zumeist älteren Zuhörern auf dem Alten Gutshof in Strausberg-Nord wippen einige den Kopf im Takt. Ein heftiger Windstoß weht die Noten von einem Ständer weg. Der Keyboarder schlägt unbeirrt die Tasten, während ihm eine der drei Sängerinnen die Notenblätter mit Klebeband befestigt.

Rund 6000 Besucher kamen am Sonnabend zum Strausberger Friedensfest der Linkspartei Märkisch-Oderland. Das Publikum scheint sich verändert zu haben. Am ND-Bücherstand waren in den 90er Jahren Armeebücher der Renner. Jetzt bleiben diese Titel liegen. Reißenden Absatz finden dagegen die aktuellen politischen Bücher. Heinz Florian Oertels »Pfui Teufel« ist nach einiger Zeit ausverkauft.

Während »Ersatzteillager« auf der Hofbühne steht, liest Günter Herlt im Untergeschoss des Kreativhauses aus seiner Satire »Opa auf der Matte«. Seine Zuhörer grinsen und lachen. Eine Etage höher stellen sich die hiesigen Landtagskandidaten der Linkspartei vor. Landtagsfraktionschefin Kerstin Kaiser lobt, dass in Märkisch-Oderland besonders viele Jobs mit dem Kommunal-Kombilohn geschaffen worden sind. Der zuständige Dezernent in der Kreisverwaltung, Lutz Amsel, gehört der Linkspartei an.

Von der Mischung aus Kultur und Politik, aus Lesungen und Gesprächsrunden, lebt das Friedensfest seit jeher. Es stand diesmal aber natürlich auch besonders im Zeichen der Bundes- und Landtagswahlen am 27. September.

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Wenn die Sozialisten die 26,6 Prozent, die sie in Brandenburg bei der Bundestagswahl 2005 erhielten, wieder erreichen, dann wäre dies ein »hervorragendes Ergebnis«, findet der Landesvorsitzende Thomas Nord. Bei der Landtagswahl 2004 fuhr die PDS zwar 28 Prozent ein. Doch bei einer Bundestagswahl ist die Wahlbeteiligung gewöhnlich höher. Um bei 70 Prozent Beteiligung wieder auf 28 Prozent zu kommen, müsste die LINKE 100 000 Stimmen mehr erkämpfen, rechnet Nord am Rande des Friedensfestes vor. Dies sei ein anspruchsvolles Ziel. 2004 habe man 354 000 Stimmen erhalten.

Während Nord dies erläutert, tritt Kerstin Niebsch an ihn heran und stellt sich vor. Die parteilose Kulturhausleiterin möchte in Seelow Bürgermeisterin werden, bewirbt sich dort für die Linkspartei um das Amt. In Seelow und in einer ganzen Reihe anderer Kommunen wählen die Bürger am 27. September neben Bundestag und Landtag auch noch die Rathauschefs.

In ihrer Kampagne tritt die Bundestagsabgeordnete Dagmar Enkelmann gemeinsam mit dem Strausberger Senioren-Brett'l auf. Zu den Tourstationen zählte auch das Friedensfest. In einer im Programm einkalkulierten Zugabe mimt Enkelmann eine Putzfrau aus dem Bundestag, die sich mit einer Beiköchin aus dem Abgeordnetenrestaurant unterhält. Die hat Stress, muss fünf Kilo gute Butter für den Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg besorgen, die der sich wohl in die Haare schmiere, und Senf für Guido Westerwelle, damit der den überall dazugeben könne. Während des Gesprächs fragt eine neue Abgeordnete, wo hier abgestimmt werde – wie, das hätten ihr schon die Lobbyisten gesagt. Als ein großer Darsteller mit Halbglatze vorbei läuft, bemerkt die Putzfrau erstaunt, das sei ja Gregor Gysi. Den hätte sie fast nicht erkannt, der sei ja über sich hinausgewachsen. Am Ende der Szene möchte die Putzfrau nicht Abgeordnete werden, sondern lieber »sauber bleiben«. In Wirklichkeit will Dagmar Enkelmann natürlich »sauber bleiben«, aber auch Abgeordnete, verrät ihr Mitarbeiter Bernd Sachse.

Künstlerisch betätigt sich auf dem Friedensfest und darüber hinaus im Wahlkampf ebenso Landtagsfraktionschefin Kaiser – sie singt. Aber sie redet auch. Sie bekennt, nicht zu verstehen, wie Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) behaupten könne, er kämpfe um jeden Arbeitsplatz. Dabei sind doch in den vergangenen fünf Jahren Stellen von Polizisten, Lehrern und Forstleuten gestrichen worden.

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Nicht nur die LINKE wirbt auf dem Alten Gutshof für sich, das tun auch die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) und die Piratenpartei. Die brandenburgische DKP beteiligt sich erstmals an einer Landtagswahl, macht sich jedoch offenkundig keine Illusionen, die Fünf-Prozent-Hürde zu meistern.

Die Piraten sind für die Landtagswahl nicht zugelassen, bemühen sich jedoch mit Forderungen wie »Privatsphäre im digitalen und im echten Leben« um den Einzug in den Bundestag. Ihr Brandenburger Spitzenkandidat Axel Mehldau gibt sich »fest überzeugt«, dass die Piraten es schaffen. Zwar sehe Forsa die Piratenpartei nur bei ein bis zwei Prozent, doch Emnid prognostiziere sechs. Meh ldau räumt ein, dass sich zentrale Forderungen der Piraten mit denen der Linkspartei decken. Sicher kein Zufall, dass Petra Wirth hinter dem Infotisch der Piraten steht. Einst kam sie über die Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit zur Linkspartei, saß sogar im Landesvorstand. Unermüdlich diskutiert Mehldau. Zwei neue Mitglieder habe er hier schon gewonnen, erzählt er. 190 seien es jetzt im Bundesland.

Doch viele Besucher des Friedensfestes winken ab. Sie haben oft kein Internet, manchmal nicht einmal ein Handy und wollen sowieso die LINKE ankreuzen. Sie warten auf Gysi, der ganz zum Schluss spricht. Obwohl es da schon regnet, harren die Menschen aus und lauschen ihm.

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