Von Tom Mustroph, Turin
01.09.2009

Italien bejubelt Diegogol

Der ehemalige Bremer Fußballer will über Turin nach Südafrika

Zwei Pflichtspiele erst hat Diego Ribas da Cunha, genannt Diego, in der weiß-schwarzen Spielkleidung von Juventus Turin absolviert – und schon erklären seine neuen Fans den ehemaligen Bremer Fußballer zum legitimen Nachfolger von Zinedine Zidane.

Der Franzose hatte Wochen gebraucht, sich in der neuen Mannschaft und vor allem in der knochenharten italienischen Serie A einzuleben. Der Brasilianer Diego hingegen schlug sofort ein. Mit zwei Toren und einer Torvorlage hat er der »alten Dame« quasi im Alleingang die sechs Punkte beschert, die die momentane Tabellenführung bedeuten.

Dabei trat er nur als Teilzeit-Spielmacher auf. Diego ist nicht zu hundert Prozent fit. Er hat die Vorbereitung aufgrund von Muskelproblemen nur sporadisch absolviert. Auch unter der Woche war meist schonendes Einzeltraining angesagt. »Wir haben unser System umgestellt und einen Monat lang auch ohne Diego in der Konstellation trainiert, in der er seine Stärken am besten einbringen kann«, erzählt Abwehrspieler Cannavaro.

Beim mit 3:1 gewonnenen Spiel beim AS Rom waren die Auswirkungen des Phantomtrainings durchaus zu spüren. Diego war am rechten Platz. Doch der Ball ignorierte ihn. Nicht einmal ein Einwurf gelangte zu ihm. Erst nachdem er seinen kleinen Körper zu einem sehenswerten Tackling waagerecht in die Luft befördert hatte, wurden seine Mitspieler auf ihn aufmerksam und bedachten ihn mit Zuspielen. Diego wurde nun aktiver. Flüssige Kombinationen hatten aber Seltenheitswert.

Diegos Tore gegen AS Rom entsprangen Einzelleistungen. Erst nahm er dem unsicheren Cassetti den Ball vom Fuß, sprintete mit seinen kurzen Beinen über den halben Platz und versenkte den Ball schließlich kaltschnäuzig. Das zweite Mal zog er trocken von der Strafraumgrenze ab.

Gerade weil Juventus seit dem Wiederaufstieg den rustikalen Kampf praktiziert, werden die technischen Finessen Diegos nun so gefeiert wie ein paar unverhoffte Wassertropfen in der Wüste. Sie werden vor allem deshalb bejubelt, weil Diego sich auch defensiv nicht schont. »Er ist gut, wenn wir in Ballbesitz sind, und er ist gut, wenn wir den Ball nicht haben«, lobt Trainer Ciro Ferrara. Der Ex-Assistent von Nationalcoach Lippi ist auch von den technischen Fertigkeiten Diegos begeistert.

Diego selbst hat sich ebenfalls gewandelt. Nicht als Spieler, aber doch im öffentlichen Auftritt. Der in Bremer Tagen eher zurückhaltend wirkende Brasilianer hat sich vom aufreizenden Selbstbewusstsein bei Juventus anstecken lassen. »Wieso Meisterschaft oder Champions League? Wir wollen beides gewinnen«, verkündet er.

Die ganze Aufmerksamkeit des Brasilianers mit italienischem Pass gilt aber seinem neuen Karriereabschnitt. Er will in die Nationalmannschaft, nicht in die italienische, sondern in die brasilianische Selecao. »Über gute Leistungen bei Juventus will ich zur WM 2010 nach Südafrika«, umreißt Diego sein Fernziel. Italien jedenfalls liegt »Diegogol« zu Füßen. Wenn er weiter so gut spielt, läßt sich vielleicht auch Brasiliens Nationalcoach Carlos Dunga erweichen.

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