Von Jürgen Holz
02.09.2009

Selbstbewusst zur ersten Medaille

Volleyball: Ab Donnerstag EM in der Türkei

Der Wundermann im deutschen Männer-Volleyball heißt Raul Lozano, kommt aus Argentinien und ist 52 Jahre alt. Seit dem Frühjahr ist er Nachfolger des langjährigen Bundestrainers Stelian Moculesu, der die deutschen Männer 2008 nach 36 Jahren wieder zur Olympiateilnahme führte und danach – wie angekündigt – zurücktrat. Inzwischen ist der gebürtige Rumäne, der nach wie vor als Trainer des deutschen Serienmeisters VfB Friedrichshafen fungiert, rumänischer Nationalcoach.

Raul Lozano genießt im Gegensatz zu Moculescu den Vorzug, völlig unbelastet von der Vergangenheit im deutschen Volleyball und unberührt von den Querelen der Bundesliga zu sein. Als »Mann von Außen« hat er sich bisher aus allen Ränkespielen herausgehalten und seine Traineraufgabe mit einer souveränen Sicht von Außen wahrgenommen. Und das mit wachsendem Erfolg.

Unter Lozanos Regie spielen die deutschen Männer gegenwärtig so erfolgreich wie schon lange nicht mehr. Sie wurden Gewinner der Europaliga, in deren Finale Spanien mit 3:2 (25:20, 21:25, 25:20, 17:25, 15:7) niedergerungen wurde. Und trotz vieler Widrigkeiten schaffte das Team auch die Qualifikation zur WM 2010 in Italien.

Die Gegnerschaft rühmt inzwischen unisono: Die deutsche Mannschaft spielt diszipliniert, mit positiver Aggressivität, agiert taktisch ausgereift. Ein Team, das schwer zu schlagen ist. Lozano bestätigt den Aufwärtstrend: »Die Mannschaft hat eine enorme Entwicklung genommen. Alle Spieler sind unglaublich beweglich und abwehrstark und auch technisch hervorragend ausgebildet.«

Der Coach hat es zudem geschafft, einen Mix aus Jugend und Erfahrung auf das Feld zu bringen. Aber er sagt auch: »In der Liga muss mitgearbeitet werden. Nur mit dem Training der Nationalmannschaft werden wir den Anschluss nach vorn nicht schaffen. Es muss das Ziel sein, auch in den Klubs im Training die gleiche Qualität und Quantität umzusetzen wie in der Nationalmannschaft.«

Vor der am Donnerstag beginnenden Europameisterschaft in der Türkei will Lozano keine großen Töne spucken. Insgeheim setzt er aber darauf, dass seine Männer durchaus ihre erste Medaille in der EM-Geschichte gewinnen könnten.

Der letzte Auftritt vor knapp zwei Wochen in Berlin in zwei Qualifikationsspielen für die Weltliga gegen Mexiko war überzeugend. Beide Male wurde mit 3:0 und Satzständen von 25:18, 25:20, 25:16 sowie 25:17, 26:24, 25:14 gewonnen. Zu den auffälligsten und zugleich erfolgreichsten Akteuren zählten der in Italien spielende Ex-Berliner Björn Andrae und der Russland-Legionär Jochen Schöps. Unmittelbar nach der EM stehen die Endspiele (18./ 20. September in Riesa) gegen Venezuela an, bei denen es um die endgültige Teilnahme an der hochkarätig besetzten Weltliga geht. Sie ist auf lange Sicht gesehen der beste Prüfstein für die deutschen Volleyballmänner auf dem Weg zur Spitze.

Genau dafür wäre ein starker Rückenwind durch die EM günstig. In der Vorrundengruppe A trifft die DVV-Auswahl auf Gastgeber Türkei, Polen und Frankreich. »Wir sind nicht das einzige Team, bei dem es nach Olympia personelle Veränderungen gegeben hat. Insofern erwarte ich eine interessente EM«, sagt Björn Andrae, der letztes Wochenende noch in der Beachszene aktiv war und zusammen mit Marcus Popp deutscher Vizemeister wurde. Und der 28-jährige Außenangreifer sagt noch: »Wer die deutsche Mannschaft nicht auf der Rechnung hat, macht einen schweren Fehler.«

Ein völlig neues Selbstbewusstsein im deutschen Team – dank Raul Lozano. Der einzige Wermutstropfen könnte sein: Lange wird der Wundermann – nach eigenen Worten – nicht im Bundestraineramt bleiben. »Ein Trainer kann einer Mannschaft nur in den ersten beiden Jahren wirklich Input geben«, ist seine Philosophie. Danach wiederhole sich alles und stumpfe ab. Doch das ist Zukunft – die EM ist Gegenwart.


Rund um die EM

Modus: Die EM der Männer wird mit 16 Mannschaften in vier Vorrundengruppen mit je vier Teams gespielt. Drei aus jeder Gruppe qualifizieren sich für die zwei Zwischenrundengruppen mit jeweils sechs Mannschaften, wobei die Vorrundenresultate gegen die ebenfalls qualifizierten Teams mitgenommen werden. Aus diesen beiden Gruppen (Spiele 8. bis 10. September) erreichen die jeweils Erst- und Zweitplatzierten das Halbfinale (12. September) in Izmir, wobei die beiden Ersten gesetzt und ihre Gegner zugelost werden. Finale und Spiel um Platz 3 am 13. September in Izmir.

Gruppe A in Izmir: Polen, Frankreich, Deutschland, Türkei. Gruppe B in Istanbul: Estland, Russland, Niederlande, Finnland. Gruppe C in Izmir: Slowenien, Spanien, Griechenland, Slowakei. Gruppe D in Istanbul: Bulgarien, Serbien, Italien, Tschechien.

Deutsche Vorrundenspiele:
3. September: Türkei (19.30 Uhr). 4. September: Polen (16.30 Uhr). 5. September: Frankreich (14.00).

Deutsche Bilanz: Die deutschen Männer belegten vor der Wende als beste Platzierungen zweimal Rang vier (1967, 1971) durch die DDR-Auswahl. Bilanz nach der Wende:

Jahr / Europameister Deutschland

1991 UdSSR Vierter
1993 Italien Vierter
1995 Italien Achter
1997 Niederlande Neunter
1999 Italien nicht qualifiziert
2001 Jugoslawien Neunter
2003 Italien Siebenter
2005 Italien nicht qualifiziert
2007 Spanien Fünfter

Erfolgreichstes Land: Sieben Länder trugen sich bislang in die EM-Siegerliste ein. An der Spitze liegt die UdSSR (12 Titelgewinne), dahinter folgen Italien (6), Tschechoslowakei (3), Rumänien, Niederlande, Jugoslawien und Spanien (je 1). joh