Schwindende Mittelklasse: Aus Geldmangel lebt über ein Drittel der jungen US-Arbeitnehmer bei den Eltern.
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Den kommenden Montag werden viele Arbeiter in den USA an ihrem Arbeitsplatz verbringen, insbesondere die jüngeren. Dabei ist eigentlich ein bezahlter Feiertag. Seit sich am 5. September 1882 Zehntausende im New Yorker Elm Park versammelten, um für den Achtstundentag zu streiten, wird der Labor Day am ersten Montag im September begangen – nicht am 1. Mai, wie in Europa üblich. Zwar ist Labor Day kein gesetzlicher Feiertag, die Tradition wurde aber stets respektiert. Im letzten Jahrzehnt jedoch hat sich das geändert. Nach einer repräsentativen Untersuchung, die der US-amerikanische Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO zum Labor Day präsentiert, haben gerade unter den Arbeitnehmern bis 35 Jahren nur noch 60 Prozent am Montag frei.
Alle zehn Jahre führt der AFL-CIO eine große Studie unter jungen Arbeitnehmern durch, um längerfristige Entwicklungen überblicken zu können. Nach den nun erhobenen Daten hat sich die Lage derer, die die Zukunft der noch immer größten Volkswirtschaft der Welt erarbeiten sollen, seit 1999 in einer dramatischen Weise eingetrübt. »A Lost Decade« ist die Untersuchung überschrieben, und dass das vergangene Jahrzehnt ein verlorenes ist, zeigt sich zuerst an der Stimmung der Jungen. In den USA mit ihrer tief verwurzelten Kultur des Optimismus und dem Vertrauen auf die eigenen individuellen Kräfte glaubt gerade mal noch die Hälfte der Jungen daran, durch eigene Arbeit auf einen grünen Zweig zu kommen. Vor zehn Jahren waren sich noch drei Viertel sicher, innerhalb der nächsten fünf Jahre persönliche Ziele verwirklichen zu können.
Darunter ist in den USA vielleicht noch mehr als anderswo der eigene, unabhängige Haushalt zu verstehen. Insofern ist es der vielleicht alarmierendste Befund der Untersuchung, dass mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer bis 35 Jahre noch bei den Eltern lebt und fürchtet, aus Geldmangel keine Familie gründen zu können.
Ein Grund dafür: Viele junge Arbeitnehmer konnten ihre Karrierepläne nicht verfolgen. Besonders oft trifft dieses Laufbahn-Loch die Nicht-Weißen: Von ihnen geben 48 Prozent an, geplante Aus- oder Weiterbildungen aus Geldmangel abgebrochen oder gar nicht erst angetreten zu haben. Aber auch bei Weißen betrifft das inzwischen 32 Prozent. Auch die, die ihre gewünschte Ausbildung absolvieren konnten, finden immer öfter keinen angemessenen Job. Mehr als jeder fünfte junge US-Amerikaner mit guter Ausbildung hält sich für überqualifiziert.
Entsprechend hat sich die Einkommenssituation verschlechtert. Nur 31 Prozent der jungen Arbeitnehmer in den USA geben heute an, von ihrem Lohn die Rechnungen bezahlen und noch etwas zur Seite legen zu können – 1999 waren es noch 53 Prozent. Heute sagen 45 Prozent, sie kämen gerade so zurecht, vor zehn Jahren waren es 36 Prozent. Fast jeder vierte junge Arbeitnehmer sagt heute, sein Einkommen reiche nicht einmal für die laufenden Kosten – 1999 sah sich nur jeder zehnte in einer solchen Lage.
Nahezu jeder dritte junge Beschäftigte ist nicht krankenversichert, 1999 war es jeder vierte. 40 Prozent haben keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, 33 Prozent keinen bezahlten Urlaub. 45 Prozent arbeiten mehr als 40 Stunden in der Woche – doch wegen ihrer schlechten Lage würden 28 Prozent der Befragten gern sogar noch mehr arbeiten.
Neben der deprimierenden Wirklichkeit zeigt die Studie aber auch, dass eine klare Mehrheit der jungen Arbeitnehmer in den USA an den Nutzen kollektiver Vertretung und von Gewerkschaften glaubt – während nur ein kleiner Teil von ihnen tatsächlich organisiert ist. Diese Lücke soll der »Employee Free Choice Act« (EFCA) schließen helfen, den die Obama-Administration vor Monaten in den Kongress eingebracht hat. Doch die Konservativen verteidigen die extrem gewerkschaftsfeindliche Gesetzgebung in den USA mit allen Mitteln. Der gewerkschaftsfreundliche EFCA wird dementsprechend im Zentrum stehen, wenn die USA-Gewerkschaften am Montag ihre Mitglieder mobilisieren. Sofern diese nicht arbeiten müssen.
19:00 Uhr, Berlin
Preis: 39,99 €
Preis: 24,90 €