Am Rande agitieren zwei als Bundeskanzlerin und Pinocchio verkleidete Demonstranten unermüdlich für die Atomkraft: »Atomenergie ist Öko-Energie. Atomenergie hilft uns aus der Krise.« Ein riesiges Wahlplakat der CDU mit Merkel-Konterfei und dem Spruch »Klug aus der Krise – Wir haben die Kraft« muss dran glauben. Atomgegner schneiden ein großes Loch hinein, überkleben das CDU-Zeichen mit Unmengen an »Atomkraft Nein Danke«-Aufklebern und posieren davor mit eigenen Parolen für die Fotografen. Sechs Polizisten stehen tatenlos daneben.
Auch Karin Behr lässt sich das Motiv nicht entgehen. Gemeinsam mit einem Kollegen hat die Fotografin der wendländischen Agentur »PubliXviewing« die ganze Woche lang den Anti-Atom-Treck der Lüchow-Dannenberger Bauern mit der Kamera begleitet. Hunderte Bilder haben sie ins Netz gestellt, Zeitungen durften sich kostenlos bedienen. »Jetzt produzieren wir noch eine CD mit den besten Fotos für alle Treck-Teilnehmer«, sagt Behr.
Langsam schiebt sich der Zug durch die Friedrichstraße. Delegationen von den Atom-Standorten zeigen ihre Ortsschilder: Lubmin, Brokdorf, Biblis, Neckarwestheim. Ergraute Widerstands-Veteranen recken Plakate von vor 30 Jahren in die Luft. »Bürger gegen Atomkraft«. »Diese Fahne war schon in Brokdorf dabei«, sagt ein Mathematik-Professor aus Flensburg. Die Anti-Atom-Sonne auf dem verwaschenen Wimpel hat die linke Hand zur Faust geballt.
Auf einem der Lautsprecherwagen wird ein Lied angestimmt. »Wehrt euch, leistet Widerstand«, fallen einige mit brüchigen Stimmen ein. Sie werden schnell übertönt von der dahinter marschierenden Sambagruppe. »Endlagerstätte unter Merkels Bette«, fordert etwas holperig ein Transparent. »Vattenfall abschalten«, »Dezentral statt katastrophal« und »Atomausstieg ist Handarbeit« steht auf anderen. Globalisierungskritiker von Attac, die Robin Wood-Leute und die BUND-Jugend haben sich um eigene Banner geschart.
Zeitungsverkäufer und Flugblattverteiler nutzen die Gunst der Stunde. »100 Prozent Erneuerbare sind möglich!«, verspricht der Solarenergie-Förderverein Deutschland. »Nutzt die Risse im System«, appelliert die Ökologische Linke. Und ein Berliner Bündnis ruft auf: »Lasst uns Mumia Abu-Jamals drohende Hinrichtung verhindern.« Auch die Wochenendausgaben von ND, taz und Junge Welt gibt es an diesem Tag kostenlos.
Einige Demonstranten haben sich als Atommüllfässer verkleidet. Junge Leute, die in weißen Strahlenschutzanzügen stecken, bieten Passanten kostenlose Radioaktivitätsmessungen an. Ein Riesen-Atom-Krake fordert zum Energie-Wechsel auf. An den Kreuzungen telefonieren sich auseinander gerissene Bezugsgruppen zusammen: »Wir stehen hier am Friedrichsstadtpalast, wo seid ihr, wir treffen uns am Brandenburger Tor.«
Doch da ist die Lage noch unübersichtlicher. Auf der Straße des 17. Juni stehen die Traktoren dicht an dicht in drei Reihen. Vor den Bio-Bratwurst- und Getränke-Ständen bilden sich lange Schlangen und dichte Knäuel von Hungrigen und Durstigen. Die Band »Jupiter Jones« versucht, die Stimmung weiter anzuheizen, doch die Lautsprecheranlage trägt nicht weit, und der Wind verzerrt die Musik zu einem dumpfen Brei.
Mitten auf der Straße hat ein Tischler seine Werkstatt aufgebaut, er fertigt das »Wendland-X« und das »Asse-A« nach Maß. Marianne Fritzen, die 85-jährige Altvordere des Gorleben-Widerstandes, verkauft das Buch »ÜberMacht und Phantasie«, einen Sammelband mit Geschichten aus dem Widerstand rund um Gorleben.
»Hallo Berlin!« Fritz Pothmer hat seinen Hof in Teichlosen im Kreis Lüchow-Dannenberg. Sein Vater Heinrich Pothmer war schon beim ersten Treck der atomkritischen Landwirte vor 30 Jahren nach Hannover dabei, jetzt begleitet er den Sohn in Berlin auf die Bühne. Eigentlich sei es nicht ihr Job, hier zu demonstrieren, sagt Fritz Pothmer. Eigentlich würden alle Leute und alle Trecker bei der Kartoffelernte gebraucht. »Aber der politische Irrsinn zwingt uns. Wir müssen wieder auf die Straße. Wir wollen keine Atomkraft, und wir werden sie uns nicht aufzwingen lassen.«
Ingo Hummel ist Gewerkschafter aus Salzgitter. Beim Treck haben sich Gorleben-Bauern und Motor-Bauer am Standort des geplanten Endlagers Schacht Konrad getroffen, die Wendländer brachten da einen Findling mit. Jetzt revanchiert sich Hummel mit einem Motor. Der sei »ein Zeichen der Verbundenheit im Kampf gegen die Atompolitik«. Und ein Symbol, »denn die IG Metall ist auch ein Motor im Widerstand gegen Schacht Konrad«.
Lange Zeit hatten Atomkraftgegner und Gewerkschafter ein eher gespanntes Verhältnis; die Gewerkschaften befürchteten bei einer Abschaltung der AKW den Verlust von Arbeitsplätzen. Jetzt scheint ein neues Bündnis geschmiedet. Gewissermaßen besiegelt wird es durch das eingespielte Grußwort von IG Metall-Chef Berthold Huber aus Frankfurt am Main. Dort demonstrieren zeitgleich Tausende für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen. Huber sagt: »Es darf keinen Ausstieg aus dem Atomausstieg geben.«
Auf der Demo wurde ein »Niedersachsenaufruf gegen Atomkraft« verteilt, den prominente SPD- und Grünenpolitiker sowie Gewerkschaftschefs aus dem nordwestlichen Bundesland am Vortag vorgestellt hatten. Darin werden die Abschaltung der AKW, die Förderung regenerativer Energien und der Verzicht auf ein Endlager in Gorleben gefordert. Unterzeichner sind unter anderen SPD-Landesvorsitzender Garrelt Duin und Fraktionschef Wolfgang Jüttner.
Die Anti-Atom-Bewegung und die LINKE wurden nicht eingeladen. Kurt Herzog, Umweltexperte der Linksfraktion in Niedersachsen, kritisiert das heftig. »Es ist typisch für ihren Politikstil, dass SPD und Grüne die Anti-Atom-Bewegung mit ihren Bürgerinitiativen bei dem Aufruf außen vor lassen wollen, von anderen Parteien wie der LINKEN ganz zu schweigen.«
Zudem seien SPD und Grüne in der Atompolitik nur bedingt glaubwürdig. Wer so einen Aufruf verbreite, müsse auch die ganze Wahrheit sagen und zu seinen Fehlern stehen, findet Herzog. »Schließlich hat Rot-Grün selbst im Jahr 2000 den Atomkonsens mit der Industrie ausgehandelt und den schnellen Ausstieg aus der Atomenergie so verhindert.«
Noch 250 Kilometer bis Lüchow! Nach ihrer fulminanten Parade in Berlin waren die Trecker am Sonntag auf dem Rückweg ins Wendland. Um 12 Uhr passierte die Spitze des fast fünf Kilometer langen Konvois die Ortschaft Ribbeck, Schauplatz von Theodor Fontanes Ballade über den freigiebigen Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland. Der verschenkte damals Birnen an vorbeikommende Kinder, seine Nachkommen leben noch hier.
Die meisten Trecker-Fahrer seien nach den Strapazen unglaublich müde und geschafft. Sie freuten sich aber über die 50 000 Demonstranten, die den Treck in Berlin empfingen, und die tolle Stimmung bei der Kundgebung. »Das war ein super Tag – ein Zeichen, eine Geschichte, ein Meilenstein«, meldet der Treck-Ticker. »Wir haben gemeinsam mit euch in Berlin klar gemacht, dass wer auch immer nach der Bundestagswahl in Deutschland Politik machen will, er kommt am Thema Atomausstieg, Gorleben und Endlagerung nicht vorbei!«
Anti-Atom-Strategen schmieden Pläne, wie es nach der Demo weitergehen soll mit dem Widerstand. »Nach all unserer Erfahrung wird es nicht ausreichen, bei der Bundestagswahl atomkritische Parteien zu wählen«, sagt Jochen Stay aus dem Wendland. Deshalb will die Anti-Atom-Bewegung in der Zeit der Koalitionsverhandlungen eine »ständige Vertretung« in Berlin einrichten und vor Ort demonstrieren.
Die Bauern kümmern sich jetzt erst mal um Hof und Ernte. Wenn es dann erneut losgeht mit Gorleben und Castor-Transporten, sind sie aber wieder mit den Treckern auf der Straße. Wat mutt, dat mutt, sagen sie.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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