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Von Martin Ling 08.09.2009 / Nord-Süd

Bildungschancen für die Ghettokids

Der Verein HELP Jamaica! plant freie Bibliotheken in Elendsvierteln der Karibikinsel

Das Trenchtown Reading Centre (TTRC) in Jamaikas Hauptstadt Kingston soll Gesellschaft bekommen. Bisher ist es die einzige privat organisierte und finanzierte Bibliothek in einem jamaikanischen Ghetto mit freiem Zutritt für jedermann. Der deutsch-jamaikanische Verein HELP Jamaica! plant, an dem Erfolgsmodell TTRC anzuknüpfen.
Usain Bolt wirbt im Berliner Club Yaam für HELP Jamaica!
Usain Bolt wirbt im Berliner Club Yaam für HELP Jamaica!

Wer ist schneller? Wenn Usain Bolt mitläuft, ist das inzwischen eine rhetorische Frage und deswegen ist seine Heimatinsel Jamaika seit der Leichtathletik-WM in Berlin mal wieder in aller Munde. Doch darauf, dass die Realität in Jamaika nicht nur aus Freude, Sonne, Schnelligkeit besteht, hat schon in Berlin Bolts Sprintkollegin und gleichfalls 100-Meter Olympiasiegerin und Weltmeisterin Shelly-Ann Fraser verwiesen: Sie erzählte von ihrer Jugend im Kingstoner Ghetto Waterhouse und die war alles andere als romantisch: »Klar, tanzen ist gut. Wir mögen das. Aber es geht so viel ab in unserem Land, dass ich mir manchmal wünsche, ich könnte ganz viel ändern. Aber einer allein kann das nicht. Du bräuchtest so etwas wie eine Armee, um die tödlichen Situationen in Jamaika anzupacken.«

Die Armee ist freilich kein Muss, um die Realität in Jamaika im Kleinen im Positiven zu bewegen. Dass Einzelne den Anstoß geben und im Verein mit anderen etwas bewegen können, beweist das Trench Town Reading Centre (TTRC), eine private Bibliothek mit kostenfreiem Zugang für jung und alt, die von der Kanadierin Roslyn Ellison 1993 gegründet wurde. Der Anspruch des TTRC ist Wissensvermittlung, um eine Veränderung der Verhältnisse zu ermöglichen. In Trenchtown schauen täglich bis zu 50 Kinder herein – ein Faustpfand für eine bessere Zukunft – individuell und gesellschaftlich.

Beeindruckt vom TTRC waren bei ihrem Besuch im Oktober 2007 auch die beiden Berliner Jamaika-Freunde Hilmar Keding und Birte Timm. »Die Auswahl der Bücher hat mich begeistert, qualitativ hochwertig und mit schwarzer Geschichte aus emanzipatorischer Sicht«, erzählt Timm, die ihre Doktorarbeit über die Jamaica Progressive League schreibt, eine von karibischen Einwanderern in den USA gegründete Organisation, die die Unabhängigkeitsbestrebungen in Jamaika unterstützte. Keding, Jamaika als Reggae-DJ über die Musik eng verbunden, fand im TTRC die englische Version von »Raupe Nimmersatt« und erinnerte sich darüber an seine »lesenswerte« Kindheit. Eine Bibliothek mit solchen Büchern, guter Lern- und Leseatmosphäre für die zahlreichen Kinder, verdient Unterstützung, waren sich beide unisono einig. Doch nicht nur das: Die Idee bedarf der Verbreiterung und der Erweiterung. Bis dahin ist zwar noch ein weiter Weg, doch die ersten Schritte sind gemacht: Im August 2008 wurde der Verein HELP Jamaica! in Deutschland gegründet, der weit mehr als Hilfe bieten soll: HELP steht für Help Establish Library Projects in Jamaica. Ein, zwei, drei, viele Bibliotheksprojekte auf der Karibikinsel zu errichten, ist die kühn anmutende langfristige Vision – mit dem TTRC als Rollenmodell. Am Bedarf gibt es keinen Zweifel. Roslyn Ellison hat Timm und Keding ermuntert, ihr Ding zu machen, zumal HELP Jamaica!, dessen jamaikanischer Ableger im März 2009 aus der Taufe gehoben wurde, auch das TTRC weiter unterstützen wird. Dass das alles aber kein Selbstläufer wird, ist Keding und Timm klar. Zwar haben sie bereits mit Cassava Piece einen Stadtteil und selbst ein leerstehendes Gebäude für das erste Bibliotheksprojekt ausgemacht, die Verhandlungen laufen aber zäh. Und wer Jamaika kennt, weiß, dass ohne den Abgeordneten im Wahlkreis nichts geht. Dort handelt es sich um das JLP-Schwergewicht, Industrieminister Karl Samuda. Das Gebäude – eine durch einen Hurrikan zerstörte Klink – ist jedoch unter der Ägide des Gesundheitsministeriums. Seit Wochen warten die HELP Jamaica! Mitglieder nun schon auf eine Zusage und die Amtsmühlen mahlen langsam … Vielleicht auch weil Cassava Piece selbst eine Hochburg der sozialdemokratischen People's National Party (PNP) ist, der Wahlkreis insgesamt aber in Händen des Erzfeindes von der Jamaica Labour Party (JLP) liegt. Jenseits von solchen Hürden gibt es jede Menge Ideen, die ihrer Verwirklichung harren: Die Bibliotheken sollen neben Büchern auch mit Computern ausgestattet werden – zum Lernen und nicht zum virtuellen Herumballern. Denkbar seien E-Mail-Freundschaften mit deutschen Schulklassen, womit beide Seiten an ihren Englischkenntnissen feilen könnten, nennt Keding ein Beispiel. Schulgärten, in denen die Kinder Verantwortung anhand der Pflege von Pflanzen erlernen könnten, sind eine andere Idee im Spektrum, das von Töpferkursen bis hin zu Beratungsstunden für Eltern und werdende Eltern reicht, zumal Teenagerschwangerschaften in Jamaika alles andere als selten sind.

Das Projekt Cassava Piece kann also beginnen, sobald Samuda und Co. ihre endgültige Zustimmung geben. Und da auch andernorts Bedarf besteht, ist auf Seiten der Jamaikaner Handlungsdruck. Untätig auf die Entscheidungsfindung in Jamaika zu schauen, ist derweil Timms und Kedings Sache nicht. Im Juni wurden in Deutschland, Holland und Ungarn Konzerte veranstaltet, bei denen insgesamt 3500 Zuschauer kamen. Das ermöglichte den Veranstaltern, 7600 Euro Reingewinn an HELP Jamaica! zu überweisen. In Osnabrück fand am 15. August sogar ein eigens für HELP Jamaica! organisiertes Festival mit deutschen und europäischen Reggaekünstlern statt, das zusätzliche 2000 Euro spenden konnte. Wenn man bedenkt, dass der jährliche Unterhalt inklusive Personal des TTRC sich auf 12 000 Dollar beläuft, sind das alles andere als Peanuts.

Ihre gute Vernetzung in der deutschen, europäischen und jamaikanischen Reggae-Szene, ist ein Trumpf, auf den Timm und Keding setzen. Kooperationsprojekte mit Veranstaltern wie dem Reggae Jam in Bersenbrück sind in Vorbereitung, der angesagte jamaikanische Reggae-Sänger Mavado, der selbst aus Cassava Piece stammt, will das Projekt unterstützen. Und Usain Bolt ist immerhin seit seiner Pressekonferenz in der Berliner Strandbar Yaam informiert und interessiert. Auch er weiß, dass man bei aller Schnelligkeit nicht vor den Problemen weglaufen kann. Darüber täuscht auch der Bolt-Slogan (Faster than a bullet, schneller als eine Kugel) nicht hinweg.

Info: www.helpjamaica.org; Spendenkonto HELP Jamaica e.V.: 900 143 431, BLZ: 360 100 43, Postbank Essen, Stichwort: HELP

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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