Sie verweigerten den Kriegsdienst, entzogen sich dem Waffendienst, desertierten, liefen über, leisteten dem nationalsozialistischen System Widerstand, klärten auf oder informierten über den verbrecherischen Vernichtungskrieg Hitlerdeutschlands. Gegen sie verhängte die NS-Militärjustiz zwischen 1939 und 1945 über 30 000 Todesurteile, mehr als 20 000 wurden vollstreckt, dazu Zehntausende von Freiheitsstrafen. Die Mediengalerie in der Dudenstraße erinnert mit ihrer aktuellen Ausstellung an die Frauen und Männer, die nicht mitmachen wollten, als der Zweite Weltkrieg vor 70 Jahren begann. »Als Gewerkschafter fühlen wir uns ihnen verbunden und empfinden die notwendige und tiefe Verpflichtung, die Opfer der NS-Militärjustiz zu ehren«, meint Constanze Lindenberg von der Mediengalerie.
Die Autorengruppe mit Hans Canjé, Lothar Eberhardt und Gerhard Fischer sowie dem Gestalter Siegfried Lachmann sehen die Schau »Sie verweigerten sich« als gewerkschaftlichen Beitrag, geschichtliche Zusammenhänge zu verdeutlichen und Einzelschicksale zu dokumentieren. Dabei spannen sie den Bogen von NS-Gesetzen bis zur Entschädigung der Opfer in der Gegenwart und der Problematik von Einsätzen deutscher Soldaten im Ausland. Denn auch das wollen die Autoren mit ihrer Ausstellung erreichen – ein Nachdenken über heutige Friedensarbeit anzuregen.
Der 87-jährige Ludwig Baumann ist nicht nur eines jener Einzelschicksale, über die die Ausstellung informiert. Ebenso ist sein langer Kampf um die Rehabilitierung der Kriegsdienstverweigerer, »Wehrkraftzersetzer« und »Kriegsverräter« dokumentiert. Der Bremer, der in sehr vielen Veranstaltungen auch vor Schülern und Jugendlichen über seine Geschichte spricht, tat dies auch zur Eröffnung der Ausstellung in der vergangenen Woche im Haus der Buchdrucker in Kreuzberg. Als 19-Jähriger wurde er 1940 in die Wehrmacht eingezogen. Als er mit seinem Freund Kurt Oldenburg Dienst im französischen Hafen von Bordeaux versah, überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Sie sahen Soldaten verhungern, erfrieren. »Wir wollten einfach leben und nicht töten.« Von Franzosen unterstützt, flüchteten er und sein Freund am 3. Juni 1942 aus Hitlers Armee. »Dummerweise fielen wir deutschen Grenzposten in die Hände.« Sie wurden verhaftet, gefoltert, weil sie die Namen ihrer Helfer nicht verrieten. Am 30. Juni 42 wurde Baumann wegen »Fahnenflucht im Felde« zum Tode verurteilt, verbrachte zehn Monate in der Todeszelle. »Das Grauen verfolgt mich heute noch«. Die Todesstrafe wurde aufgehoben, er kam ins KZ Esterwegen, ins Zuchthaus Torgau, ins Strafbataillon, das sehr wenige überlebten.
Auf Anerkennung hoffte er Jahrzehnte vergeblich. Im Gegenteil, er wurde als Feigling beschimpft, bekam als Vorbestrafter keine Arbeit. »Irgendwann ist man dann kaputt.« Schließlich engagierte er sich in der Friedensbewegung. 1990 gründete er mit noch 37 lebenden Wehrmachtsdeserteuren die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz e.V., um die Aufhebung der Unrechtsurteile zu erreichen, was für »Desertation« erst im Jahr 2002 gelang und für die »Kriegsverräter«, die letzte Gruppe deutscher Kriegsdienstverweigerer, erst dieser Tage.
Die Dokumentation ist bis zum 9. Oktober zu sehen und wird von Diskussionsrunden, u.a. am 9.9., 18 Uhr, zur Entschädigung der Opfer mit Jan Korte, und Filmveranstaltungen begleitet.
Mediengalerie, Dudenstraße 10, Kreuzberg, montags und freitags. 14-16, dienstags, 17-19, donnerstags 14-19 Uhr, Tel.: 88 66 54 02, Programm im Internet unter: www.mediengalerie.org
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