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Von Volkmar Draeger 08.09.2009 / Berlin / Brandenburg

Der ewige Gehorsam

Gefangene und Profis spielen »Wolokolamsker Chaussee – Hannibal« im Museum Karlshorst

Gefängnis im Theater: Die Wolokolamsker Chaussee im Museum
Gefängnis im Theater: Die Wolokolamsker Chaussee im Museum Karlshorst

Den ersten Teil seines Doppelprojekts ließ Regisseur Peter Atanassow vor dem Sommer im Ambiente der Jugendvollzugsanstalt Tegel spielen, auf dem von Zellengebäuden umstandenen, bestens einsehbaren Freistundenhof. »Wolokolamsker Chaussee – Hannibal« als Titel gab die Betonung vor: Um das Zusammentreffen zweier großer Armeen ging es, der eines nazideutschen Roms und eines sowjetischen Karthagos. Fast nur Texte Heiner Müllers verwendet die Fortsetzung »Wolokolamsker Chaussee – Hannibal«, die das Team vom Gefängnistheater aufBruch ins Freigelände eines geschichtsträchtigen Orts verlegt. Sie spinnt den Faden jener Auseinandersetzung um Nationalsozialismus und Sozialismus bis tief in die DDR-Ära fort, macht Hannibal zum Kommentator eines ständig sich wiederholenden Kreislaufs um Fehleinschätzung, Macht, Krieg. Holger Syrbes Bühnenbild arbeitet diesmal die Historie zu: Die Rohre originaler Panzer und Geschütze, wie sie im Garten des Deutsch-Russischen Museums Karlshorst auf Linie Position bezogen haben, richten sich drohend gegen die Zuschauer. Links läuft das Gebäude in eine ideal nutzbare Terrasse aus, hinter den Panzern ragen Podeste auf. Pappeln im Hintergrund und flankierende Kastanien sind der Natur-Wald für eine der Szenen, das Haus selbst ist stumme Geschichte.

Erbaut als Offizierskasino der Wehrmacht, wurde es Stätte von eben deren Kapitulation, danach Sitz sowjetischer Behörden und Zufluchtsort der SED-Führung beim Aufstand 1953. Seit 1995 ist es einziges bilaterales Museum der früheren Kriegsgegner. Mehr Bezug zum Thema der Inszenierung geht nicht. Als szenische Collage montiert sie Auszüge aus »Zement«, »Wolokolamsker Chaussee« I, II, III und V, »Der Auftrag«, »Lohndrücker« und »Germania Tod in Berlin« zwischen Prolog und Epilog, verwendet Tagebuchaufzeichnungen eines Wehrmachtssoldaten und Motive aus Bechers »Winterschlacht«, flicht eigene Texte ein. Der frühe, schon kritische, wiewohl systemverbundene Müller trifft auf den späten, den Rundumphilosophen und Moralisten. Wieder formt die Regie dabei eindringliche Bilder. Eine Trommlerin gibt in straffer Ansage die Stationen vor, von den Kämpfen zwischen Weißgardisten und Bolschewiki 1918 und der Abwehr des deutschen Angriffs über den Aufbau der DDR, Juni-Aufstand und Prager Frühling bis zum Duell zweier Generationen in der Spätphase eines untergehenden Landes.

Immer sind es Ideologien, die Köpfe verkleistern und Herzen verschließen. 1921 trifft es den heimkehrenden Sowjetsoldaten, dessen Frau aus Hingabe an die Partei das gemeinsame Kind ins Heim gesteckt hat. Beide Systeme haben Kommunisten eingesperrt, beide leben durch eine starke Partei, höhnt nach dem Überfall der Deutsche beim Verhör des sowjetischen Offiziers. Der Glaube an die jeweilige Ordnung fordert den Tod des Deserteurs, später die Verhaftung vermeintlicher Saboteure, hetzt Parteisekretär und Aktivist mit Nazi-Vergangenheit aufeinander, macht den fanatischen, weil KZ-geschädigten Vater und seinen für Veränderungen wirkenden Adoptivsohn mit Bautzen-Erfahrung zu unversöhnlichen Feinden – dies, auch in der Spielintensität von Thorsten Heidel und Sebastian, die wohl stärkste Szene eines packenden zweistündigen Geschichtspanoramas der klaren, oft tänzerischen Bildsprache und des Brechtschen Dialogs zwischen Sprechchor und Solisten. Professionelle Darsteller, Kammerchor, Musiker und Inhaftierte statten ihn auch mit Witz aus.

9. bis 13.9., 19.30 Uhr, Deutsch-Russisches Museum, Zwieseler Str. 4, Karlshorst, Infos im Internet unter: www.gefaengnistheater.de

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