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Von Daniel Dagan 11.09.2009 / Debatte

Bei den Fakten bleiben

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Antisemiten haben es in sich: Sie werden nie sagen, dass sie Antisemiten wären. Mehr noch: Sie werden durchweg behaupten, dass ihre besten Freunde Juden sind. Dieser markante Charakterzug gilt übrigens auch für Selbsthasser unter den Juden (und davon gibt es ja auch reichlich). Solche Personen würden sich natürlich nie Antisemiten nennen.

Also bitte ich darum, mich von der Aufgabe zu befreien, Seelenforschung zu betreiben. Erstens leben wir in einem freien Land. Man wird doch hassen dürfen, mitunter auch Juden. Zweitens will ich niemand gegen seinen oder ihren öffentlich bekundeten Willen mit dem Stempel »Antisemit« versehen.

Alle, die über Israel reden und schreiben, möchten ganz einfach die Wahrheit sagen und Heuchelei außen vor lassen. Das würde mir genügen – ehrlich! Denn es kann doch nicht hingenommen werden, dass die Regeln der Wahrheitssuche und des Anstandes ausgerechnet im Falle Israels ausgehebelt werden. Nun Beispiele für Behauptungen und Fakten.

Behauptung: Die Juden backen Mazza (ungesäuertes Brot) zum Pessachfest mit Blut von christlichen Kindern; die israelischen Streitkräfte jagen arme Palästinenser, um ihre Organe zu verkaufen oder für sich selbst zu benutzen.

Fakt: Der erste Teil dieser Ritualmordlegende ist ein alter Vorwurf, der als Vorlage für eine Story über Palästinenser diente, die in der meistverkauften (sozialdemokratischen!) Zeitung Schwedens erschien. Die mutige Botschafterin des skandinavischen Landes in Israel hat den Artikel verurteilt. Das Außenministerium in Stockholm bruskierte sie und nahm die Verurteilung zurück. Nebenbei wurde bekannt, dass dieses Außenministerium die »Recherche« zum angeblichen Organklau durch israelische Soldaten mitfinanzierte.

Behauptung: Tagtäglich, auf allen Kanälen, wird gehämmert: »Israel hat den Gaza-Streifen hermetisch abgeriegelt!«

Fakt: Der Gaza-Streifen hat eine lange gemeinsame Grenze zum größten, bevölkerungsreichsten arabischen Land Ägyten (aus dem ich übrigens komme). Wie kann also Israel »hermetisch« abriegeln? Haben die Redakteure wirklich keinen Atlas im Regal?

Behauptung: Israel baut eine Mauer zu den palästinensischen Gebieten – teilweise auf besetztem Land. Die häufigen Berichte suggerieren, dass Israel vielleicht das einzige Land in der Welt ist, das sich durch eine physische Barriere schützt.

Fakt: Die physische Barriere, die Israel baut, besteht zu mehr als 90 Prozent aus Stacheldraht. Meist also keine Mauer. Viele Staaten der Welt schützen sich durch ähnliche oder noch viel längere und größere Barrieren – darunter die USA, Saudi-Arabien, Südafrika, Indien – you name it. Der europäische Fall ist besonders markant und lehrreich: An der einzigen Landesgrenze zwischen der EU und der arabischen Welt gibt es seit vielen Jahren eine physische Barriere – Mauer, Stacheldraht, schwerbewaffnete Soldaten, Sensoren, Wachhunde... Diese Einrichtung befindet sich komplett – nicht nur teilweise – in europäischen Siedlungen im besetzem arabischem Gebiet in Nordafrika und wird ständig ausgebaut. Mit Steuergeldern der Bürger der EU, versteht sich.

Behauptung: Der arabisch-israelische Konflikt verursachte ein schreckliches Flüchtlingsproblem. Hundertausende Araber wurden durch Israel vertrieben.

Fakt: Als Folge des arabisch-israelischen Konflikts (oder wegen Judenhass, der auch zuvor in manchen arabischen Ländern verbreitet wurde), mussten über eine Million Juden ihre alte Heimat in Arabien verlassen. Diese Flüchtlinge (ich persönlich gehöre dazu), finden praktisch keine Erwähnung in der Berichterstattung. Es wird auch nicht gesagt, dass die arabische Liga damals offizielle Beschlüsse fasste, die Juden aus ihren Häusern zu vertreiben. Keiner redet von Rückkehrrecht, Reparationen, Hilfe. Nada.

Behauptung: Israel verletzt das Kriegsrecht, wenn es gegen Bewaffnete vorgeht, die sich unter Zivilisten verstecken. Gezielte Tötungen von Terroristen sind illegal.

Fakt: Die NATO bombardierte zivile Einrichtungen in Jugoslawien wochenlang – ohne das auch im geringsten nachgewiesen wurde, dass sich dort Bewaffnete aufhielten. In Afghanistan sind gezielte Tötungen von Taliban sowie Bombardements von Dörfern an der Tagesordnung. Gerade in den letzten Tagen ist auch Deutschland mit den tragischen Konsequenzen solcher Handlungen intensiv befasst.

Behauptung: Die haltlose Theorie wird immer wieder verbreitet, dass die Shoah für die Entstehung Israels verantwortlich wäre. Sebastian Haffner ging soweit zu sagen: »ohne Hitler kein Staat Israel« – und viele Intelektuelle scheinen ihm zuzustimmen.

Fakt: Die Grundlage für die Entstehung Israels wurde seit Mitte der 19. Jahrhunderts geschaffen, zunächst übrigens weitgehend durch orientalische Juden. Israel wurde nicht wegen, sondern trotz der Shoah gegründet. Die oben erwähnte Theorie, die »Hilfeleistung« für die Entstehung Israels durch Verbrecher an Juden suggeriert, ist nicht nur makaber, sondern auch gefährlich.

Behauptung: Organisationen wie Breaking Silence und Peace Now – oder gar private »Friedensaktivisten« – sind mit die Einzigen, die das israelische Gewissen wachrütteln und an gravierende Probleme wie Besatzung, Landnahme und Tötung von Zivilisten erinnern.

Fakt: Die besagten Organisationen sowie Persönlichkeiten werden weitgehend von Europa finanziert – oft direkt von der EU oder europäischen Regierungen. Dadurch verlieren sie an Glaubwürdigkeit. Breaking Silence ist eine GmbH, die es strikt ablehnt, sich als eingetragener Verein zu konstituieren. Durch die gewählte GmbH-Form entziehen sich die angeblich Friedenssuchenden der Transparenz und können sich finanzielle Vorteile verschaffen. Israelis in allen Gesellschaftsschichten diskutieren häufig und sehr kontrovers über die o. g. Misstände, die durch einen langanhaltenden Konflikt das Land immer wieder erschüttern. Intervention und Geldüberweisungen von außen sind gerade für die Anliegen der Kritiker äussert schädlich.

Antisemiten hin oder her. Meine herzliche Bitte an alle: Bleiben Sie einfach bei den Fakten. Auch wenn es um Israel geht. Danke!

Daniel Dagan, 1945 in Kairo geboren, wuchs in Israel und Frankreich auf und arbeitet heute in Berlin für die israelische öffentlich-rechtliche TV- und Radio-Anstalt IBA (Israel Broadcasting Authority) sowie für die israelische Tageszeitung »Jerusalem Post«. Beiträge von Daniel Dagan erschienen in der Vergangenheit u. a. in »The International Herald Tribune«, »Der Tagesspiegel«, »Die Zeit«, »Le Monde« und »El Mundo«. Seine Website: www.danieldagan.de

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