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Von Ulla Jelpke
17.09.2009
Literatur

Feige Staatssozialisten

Heinz Niemanns Geschichte der Sozialdemokratie – auch eine Warnung an die LINKE

Am 28. Mai 1912 blieb der SPD-Reichstagsabgeordnete Otto Landsberg beim üblichen »Kaiser hoch« entgegen der Tradition der Partei als einziger Sozialdemokrat im Plenarsaal des Reichstags. Zusammen mit den anderen Abgeordneten stimmte er stehend in den Hochruf auf den Hohenzollernkaiser Wilhelm II ein. Diese Episode ist symbolhaft für den begonnenen Wandel der einstmals auf der Grundlage eines marxistischen Programms stehenden Sozialdemokratie zur Vaterlandsverteidigung im Weltkrieg 1914 und der auch auf die alten militärischen Eliten gestützten Verhinderung eines tiefgreifenden Wandels während der Revolution 1918/19.

Mit seiner fast 800-seitigen »Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1914-1945« hat der marxistische Historiker Heinz Niemann ein im wahrsten Sinne des Wortes gewichtiges Werk zu der Phase vorgelegt, in der für die SPD die Weichen für Entwicklungen gestellt wurden, die sich bis heute prägend erweisen. Er knüpft an eine 1982 von einem DDR-Autorenkollektiv unter seiner Leitung herausgegebene Edition an. Niemann, der der marxistischen Methode trotz mancher von der DDR-Geschichtsschreibung abweichender Deutungen treu bleibt, versteht sein Werk als Gegenbild zur »gängigen halboffiziösen Historiographie zur Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, die unbestreitbar Züge von Hofgeschichtsschreibung und neuem Siegerdenken hat.« Akribisch werden die Etappen der Integration der SPD in das staatsmonopolitische System nachgezeichnet.

Gerne wird von sozialdemokratischer Seite auf die These der KPD von der Wandlung der Sozialdemokratie zum Sozialfaschismus als Hauptgrund für das Scheitern einer antifaschistischen Einheitsfront verwiesen. Übersehen wird dabei, dass der Blutmai 1929, als unter der Verantwortung sozialdemokratischer Politiker Maidemonstrationen in Berlin verboten und rund 30 Arbeiter von der Polizei erschossen wurden, diese falsche und sektiererische These in den Augen vieler Kommunisten zu bestätigen schien. Und es gab ein sozialdemokratisches Gegenstück zur Sozialfaschismustheorie. So erklärte SPD-Chef Otto Wels 1930: »Bolschewismus und Faschismus sind Brüder«. Und als die SPD 1932 den kaiserlichen Generalfeldmarschall Hindenburg als Kandidaten bei der Reichspräsidentenwahl unterstützte, wurde die Losung ausgegeben: »Jede Stimme, die Thälmann entrissen wird und Hindenburg zugeführt wird, ist eine Stimme gegen Hitler.« Wie viel richtiger lag doch der kommunistische Präsidentschaftskandidat Ernst Thälmann mit seiner Warnung: »Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Und wer Hitler wählt, wählt den Krieg.«

Mit dem Papen-Putsch am 20. Juli 1932 ließ sich die SPD kampflos ihre Bastion Preußen abnehmen – die Bereitschaft der eigenen Parteibasis zum Widerstand wurde im blinden Vertrauen auf erhoffte Gerichtsentscheidungen ebenso ignoriert wie das Angebot der KPD zum gemeinsamen Massenstreik. Dies war die entscheidende Niederlage der antifaschistischen Kräfte in der Weimarer Republik zu einem Zeitpunkt, an dem der drohende Faschismus durch geeinte und entschlossene Aktion der Arbeiterparteien und Gewerkschaften noch zu stoppen gewesen wäre. Was bleibt, ist das Bild einer Partei, die sich – von feigen Führern geleitet – fast widerstandslos in die Illegalität drängen ließ, weil ihr tief verwurzelter Antikommunismus jeder Zusammenarbeit mit den Kommunisten im Wege stand, auch nach der faschistischen Machtübernahme 1933.

Ausführlich behandelt Niemann Parteiprogramme, Parteitagsbeschlüsse und die Äußerungen führender Sozialdemokraten. Hier wäre es wünschenswert gewesen, auch sozialwissenschaftliche Untersuchungen zu integrieren. Denn nicht nur die Aufgabe marxistischer Grundsätze zugunsten einer an bloßen Tagesinteressen der Werktätigen orientierten Politik führte zur Integration der Partei ins kapitalistische System, sondern eben auch die Herausbildung eines immer größeren Apparates von Hauptamtlichen, die bereits im Kaiserreich nicht mehr für die Partei, sondern von ihr lebten. In der Weimarer Republik verschmolz dieser Apparat über die Parlamentsfraktionen und Ministerposten mit dem bürgerlichen Staat, dessen Interessen mit den eigenen gleichgesetzt wurden. Was ebenfalls zu kurz kommt, ist das sozialdemokratische Milieu an der Basis. Sozialdemokratische Institutionen und Massenorganisationen – von den Arbeitersportlern bis zur Wohngenossenschaft – boten eine politische Heimat »von der Wiege bis zur Bahre«. Die Einbindung in diese Kultur machte für viele Sozialdemokraten den Bruch mit ihrer Parteiführung oder gar der Partei so schwer. Hier muss angesetzt werden, um zu erklären, warum die Masse der sozialdemokratischen Basis trotz aller Enttäuschungen angesichts des offenkundigen Versagens der rechten Staatssozialisten mit zusammengebissenen Zähnen ihrer Führung in den Abgrund folgte.

Angesichts des Neuformierungsprozesses einer sozialistischen Linken in Deutschland warnt der Autor im Epilog, dass sich diese entscheiden müsse, »den Weg zu einer Staatspartei und des ›Parlamentelns‹ zu gehen oder den, der sie zu einer für die Alltagsinteressen und die kämpferische Vertretung der Lebensinteressen des Volkes tauglichen Partei werden lässt.« Will die Partei DIE LINKE nicht auch den Weg der SPD gehen, muss sie die Lehren aus der Geschichte der Arbeiterbewegung ziehen. Das bedeutet vor allem, zu erkennen, dass sich nur in konkreten Kämpfen um dringende und in jeder Beziehung für die Massen nachvollziehbare Forderungen die Emanzipation des Bewusstseins und damit die Bewegung für eine andere Politik und eine andere Welt entwickeln kann.

Heinz Niemann: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1914-1945. Edition Ost, Berlin 2008. 760 S., br., 39,90 €.

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