Von Folke Havekost
18.09.2009

Der Hochsitz des Herrn Mustermann

Erkundungen neben der Wahlkampftour. Mit Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) auf der Insel Nordstrand

Den Regenschirm, den er zur Übernahme der Schirmherrschaft überreicht bekommt, muss Peter Harry Carstensen nicht benutzen. Die Sonne strahlt, als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident eine Brücke auf dem Gelände der Landesgartenschau Norderstedt 2011 einweiht. »Schleswig-Holstein ist das Land mit den meisten Baumschulen, den besten Rosenzüchtern und den besten Rhododendronzüchtern«, preist Carstensen und fordert die Journalisten auf, im 17 Grad kühlen Baggersee zu baden. Als er die Brücke verlässt, schreitet er zu einigen Uferpflanzen und schlägt vor, noch »eine Ecke mit schönen blauen Iris japonica« einzurichten. Der Repräsentationstermin ist ideal für den populären CDU-Politiker, der nach dem Bruch der Großen Koalition für eine schwarz-gelbe Mehrheit bei den Landtagswahlen am 27. September kämpft.
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Moin, moin! Typisch norddeutsche Begrüssung auch im Pharisäerhof. Pharisäer sind von altersher als »Selbstgerechte« oder »Heuchler« bekannt. Als Getränk gereicht, versteckt sich in Kaffee und unter einem Sahnehäubchen noch ein gehöriger Schuss Alkohol.

Ein unterschätzter »Gute-Laune-Bär«

Drei Tage nach der Wahl wird Carstensen in seiner Heimat Nordstrand die Sturmflut-Tage eröffnen – im Gedenken an die peitschende See, die auf der nordfriesischen Insel 1634 über 6000 Leben forderte. Ob er dann strahlender Wahlsieger einer künftigen CDU-FDP-Koalition oder Regierungschef auf Abruf ist, steht laut den jüngsten Umfragen auf der Kippe. Die Hoffnung, dass an Carstensens breiter landesväterlicher Brust auch brisante Themen wie der HSH-Nordbank-Skandal abprallen wie die Gischt an den Deichen, könnte sich als trügerisch erweisen. Allerdings ist der bisweilen als »Gute-Laune-Bär« verspottete Carstensen längst gewohnt, unterschätzt zu werden. Sein SPD-Kontrahent Ralf Stegner hat ihn im Wahlkampf vor vier Jahren den »dicken peinlichen Verlobten« genannt. Die gleichnamige TV-Soap ist längst eingestellt, der im Lande beliebte Carstensen noch da. 65 Prozent der Schleswig-Holsteiner finden Carstensen sympathischer, 18 Prozent seinen Herausforderer. »Der Wahltag selbst ist die beste Umfrage«, gibt der Nordfriese sich bei einer Wahlkampfveranstaltung im Eutiner Autohaus am Bungsberg selbstbewusst. Und natürlich gut gelaunt.

Auf Nordstrand, dessen »fette Marschen und schöne Ochsen« der Bremer Hauslehrer Johann Georg Kohl im 19. Jahrhundert lobte, ist es nicht unbedingt die Regel, einfach eigene Wege zu gehen. Man muss sie sich im Widerstand gegen die Flut erst erkämpfen. Das gilt auch für den Agraringenieur und Berufsschullehrer Carstensen, 1947 hier geboren, 2005 nach 22 Jahren im Bundestag zum schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten gewählt, mittlerweile öfter in Kiel als auf der Insel. »Manchmal haut er seinen Leibwächtern ab, setzt sich ins Auto seiner Freundin und fährt einfach ’rum«, erzählt eine bekennende Nichtwählerin im Café Dat Preesterhus.

An Carstensens grün umzäunten Haus auf dem Elisabeth-Sophien-Koog steht »K. Mustermann« auf dem Klingelschild, hinter dem Gelände erstreckt sich der Uthlander Windpark, den der passionierte Jäger Carstensen von seinem privaten Hochsitz ebenso überblicken kann wie seine subventionierten Weinreben – wenn er mal zu Hause ist. »Die Polizei kurvt hier nicht mehr so oft herum, also ist er in Kiel«, schlussfolgert Michaela Sellin, Kellnerin im nahe gelegenen Hotel-Restaurant England. Als er noch ständiger Nachbar war, habe er am liebsten die Sandscholle bestellt, berichtet Restaurantbetreiber André Wilckerding und erzählt, wie er vor Jahren mit dem damaligen Abgeordneten die Tourismus-Website nordstrand.de entwickelt habe: »Auf seinen Dienstreisen hat er immer Computerzeitschriften gelesen, sie mir dann gegeben und gesagt: André, da müssen wir noch ein bisschen was machen.«

«In Nordstrand habe ich das Gefühl, durchatmen zu können«, hat Carstensen einmal gesagt. Heinz-Uwe Domeyer, Bürgermeister der 2300-Seelen-Gemeinde, müsste sich als SPD-Politiker eigentlich dafür einsetzen, dass der Landeschef bald wieder mehr Zeit zum Durchatmen hat. »Für die Westküste steht er gerade, die liegt ihm am Herzen«, sagt Domeyer statt dessen, wünscht sich, ohne Namen zu nennen, »eine Mehrheit für vernünftige Politik« und fügt noch hinzu: »Wir sind natürlich stolz darauf, dass ein Nordstrander Ministerpräsident ist.« Carstensens Bürgermeister ist Domeyer allerdings nicht – was nicht an den verschiedenen Parteibüchern liegt, sondern an einer historischen Kuriosität.

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Der Ministerpräsident allerdings geht ganz nüchtern auf sein Wahlziel los.

Der Ministerpräsident stammt vom Elisabeth-Sophien-Koog, einem kleinen Inselflecken, der 1771 vom Grafen Jean Henri Desmercières besiedelt und eingedeicht worden ist. Der Graf benannte das Areal nach seiner Frau und setzte für die Übernahme der Kosten politische Eigenständigkeit durch. Ein Privileg, das sich bis heute erhalten hat und manchen Nordstrander von der wohlsituierten Winzgemeinde scherzhaft als »Butterkoog« reden lässt. »Viele sagen, wir haben 45 Einwohner«, sagt Ute Clausen, »ich komme auf 38, wenn ich die Gemeinde durchzähle.«

Die Bäuerin vom Frollein-Hoff ist 2008 zur Bürgermeisterin des Koogs gewählt worden, sie beruft drei- bis viermal jährlich – »ein Weihnachtstreffen muss sein« – die Gemeindeversammlung der 32 Erwachsenen ein, um über Windkraftbebauungspläne oder Zuschüsse für Jugendfahrten zu debattieren. Etwa in den Pharisäerhof, wo 1872 das Inselgetränk erfunden wurde: süßer Kaffee mit einem ordentlichen Schuss Rum, verdeckt unter einer Sahnehaube. »Bei uns ist Basisdemokratie wie bei Asterix und Obelix«, erzählt die parteilose Clausen, »das ist schön, weil jeder sich einbringen kann.« Ob Carstensens joviale Art von dieser Schule in Miniaturdemokratie herrührt, mag die Wechselwählerin (»Ich bin nicht immer einer Partei treu.«) nicht beurteilen. »Bürgernähe hat er aber allemal«, meint sie, »das ist schon ein Vorteil für ihn.«

Die politischen Verhältnisse in der Enklave sind recht eindeutig. Als er aus der 22 000-Einwohner- Stadt Husum auf die Insel gezogen war, habe ihm ein älterer Herr zur Begrüßung gesagt: »Min Jung, hier wählt wi CDU!‹« erzählt Kay Clausen, Ehemann der Bürgermeisterin. Die meisten halten sich dran: Bei der Europawahl erhielt die CDU 16 der 24 abgegebenen Stimmen, die FDP vier. Dass auch auf die Linkspartei drei Stimmen entfielen, konnte als Überraschung gelten. Doch in Nordfriesland ist manches nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint. Die Insel ist ziemlich grün, auch wenn hier kaum jemand die Grünen wählt. »Weil die Getreide- und die Milchpreise im Keller sind, setzen viele Bauern mit Solardächern auf ein neues Standbein«, berichtet die Bürgermeisterin vom Elisabeth-Sophien-Koog.

Wenn leistungsstärkere Windräder die alte Generation ersetzt haben, soll die Insel den Sprung zur CO2-freien Gemeinde geschafft haben. »Wir können dann das, was wir verbrauchen, auch selber produzieren«, kündigt Werner-Peter Paulsen an, Zweiter Bürgermeister von Nordstrand. Der CDU-Mann spricht oft von Heimat (»Wenn ich in Hamburg durch den Elbtunnel fahre und Schleswig-Holstein sehe, kurbele ich erst mal die Scheibe runter und atme tief ein.«) und genauso oft über erneuerbare Energien, Windräder, Photovoltaik, Biogasanlagen. »Dass das AKW Krümmel abgeschaltet werden sollte, kann ich Peter Harry gerne sagen«, meint der Vorsitzende des örtlichen Ringreitervereins, als wäre der Ausstieg aus der Atomkraft der wichtigste Punkt im CDU-Parteiprogramm.

Sprotten oder Scholle – der Wähler serviert

»Wir sind mit dem Wasser und dem Sturm groß geworden«, führt Paulsen aus und deutet über den Norderhafen, »was für andere unverständlich ist, ist für uns selbstverständlich.« Der südliche Nachbar Hamburg erlebt die erste schwarz-grüne Koalition auf Länderebene. Schleswig-Holstein könnte zur Premierenbühne für eine Jamaika-Koalition aus CDU, FDP und Grünen werden. »Wenn es mit der FDP nicht reicht, reden wir über alles andere«, hat Carstensen bereits angekündigt. Sein Verhältnis zu Grünen-Landeschef Robert Habeck bezeichnet er als gut, eine Rückführung des einstigen rot-grünen Leib- und Magenprojekts Gemeinschaftsschule hat er ausgeschlossen. »Die Leute brauchen hier endlich Ruhe«, sind seine begründenden Worte. Wenn CDU, FDP und Grüne sich verständigen können, muss Peter Harry Carstensen wohl weiterhin die meiste Zeit mit Kieler Sprotten vorlieb nehmen und die Sandscholle für seltene Besuche reservieren.