Von Armin Jähne
19.09.2009

Als Arminius den Varus verriet ...

Vor 2000 Jahren: Die »Schlacht im Teutoburger Wald« (I) – Rom und Magna Germania

Drei Jahre währte der Aufstand in Pannonien. Endlich ist er niedergeschlagen. Rom triumphiert. Ehrenbeschlüsse werden gefasst, die siegreichen Feldherren gewürdigt. Große Festlichkeiten stehen bevor. Dennoch ist man nicht glücklich. Der Krieg hat viele Opfer gekostet und kaum Beute gebracht. Und noch etwas beunruhigt: Die Verwaltung der neuen Provinzen scheint nicht zu funktionieren. »Ihr schickt zu euren Herden als Hüter nicht Hunde oder Hirten, sondern Wölfe«, wirft ein Anführer der Aufständischen den Römern vor.

Im Frühherbst des gleichen Jahres, im Jahr 9 nach Christi Geburt, erreicht eine niederschmetternde Nachricht die Stadt am Tiber. Drei Legionen sind im Norden von Magna Germania vernichtet worden. Ihr Befehlshaber, Quintilius Varus, tot. Furcht erfasst das stolze Rom. Schon sieht man germanische Kriegerscharen, wie einst die Kimbern und Teutonen, auf dem Weg nach Italien. Tag und Nacht bleiben die städtischen Kohorten unter Waffen. Vom greisen Kaiser August wird erzählt, dass er sich aus Trauer weder Haupthaar noch Bart scheren lässt. Wiederholt soll er voller Schmerz rufen: »Quintilius Varus, gib mir meine Legionen zurück.«

Wahrheit und Legende, historische Realität und Mythos – was wissen wir über die »Schlacht im Teutoburger Wald«? Die römischen Quellen sind zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben worden und widerspiegeln differente politische Standpunkte der Verfasser. Will man sich ein verlässliches Bild von der Situation in den germanischen Gebieten nördlich des Main und vom Verlauf der Varus-Katastrophe machen, dann sollten dafür die Berichte des Tacitus (etwa 55-120 u. Z.) und des Cassius Dio (etwa 150-235 u. Z.) zugrunde gelegt werden. Allein diese Berichte reichen nicht aus. »Es müssen«, wie Boris Dreyer fordert, »archäologische Funde hinzukommen … Aber auch dann wird eine Rekonstruktion immer spekulativ bleiben.«

Seit Ende des 1. Jahrhunderts v. u. Z. griffen die Römer zielstrebig auf das rechtsrheinische, von Germanen besiedelte Gebiet aus. Im Jahre 9 v. u. Z. wurde die Elbe erreicht. Ein klug fest geknüpftes Netz von Kastellen, Straßen, Brücken, Wachtürmen und Schiffsstationen fesselte das Land. Gut 15 Jahre später schien es, als hätte Rom zwischen Rhein und Elbe, Main und Nordsee festen Fuß gefasst. Sogar neue Pflanzstädte, Novae Coloniae, entstanden wie in Waldgirmes im Lahntal nahe des Militärlagers Dorlar. Eine zivile Stadt, die Handel und Wandel beleben und die Germanen assimilieren sollte.

Mit Varus, von dem es hieß, er habe als Statthalter arm das reiche Syrien betreten und reich das arm gewordenen Land verlassen, trat der Umschwung ein. Rom schickte sich an, die Magna Germania konsequent nach den Regeln des römischen Pronvinzialregimes zu verwalten. Varus begann, die freien und wehrfähigen Germanen wie Untertanen zu behandeln, ihnen unbedingten Gehorsam abzufordern und Steuern einzutreiben. Unmut und Widerstand wuchsen. An die Spitze der antirömischen Bewegung stellte sich Arminius, den die Römer als einen Mann von großer Tapferkeit, rascher Auffassungsgabe und außerordentlicher Klugheit schildern. Er stand in römischen Diensten, hatte sich in Pannonien militärisch ausgezeichnet, das römische Bürgerrecht erhalten und war in den Ritterstand erhoben worden – um dann zum Verräter an Rom zu werden. Welche Motive ihn bewegten, lässt sich schwer sagen. Keinesfalls war es allein die Liebe zu »seinem Volk«. Ein germanisches Volk als solches existierte nicht. Es gab nur einzelne Stämme, die sich oft genug bekriegten, und Stammesbünde. Arminius trug die Welle breiter Unzufriedenheit mit der Römerherrschaft empor. Er entschied sich – vielleicht aus einem ehrlichen Gerechtigkeitssinn heraus, vielleicht aber auch, weil er die Gelegenheit gekommen sah, sich im vereinenden antirömischen Kampf – nach dem Vorbild Marbods – ein eigenes Königreich zu schaffen.

Unter dem Vorwand, einen Aufstand nordwestgermanischer Stämme niederschlagen zu müssen, lockte er Varus in die Falle. Im Spätsommer des Jahres 9 setzte sich das etwa 15 000 Mann starke, doch durch Tross und Familien der Legionäre übermäßig behinderte römische Heer in Marsch. Varus muss sich sehr sicher gefühlt haben, denn er ließ die üblichen Vorsichtsmaßregeln sträflich außer Acht. Unterdessen hatten die germanischen Verbände an den Flanken des römischen Marschweges Aufstellung genommen und Hinterhalte angelegt. Arminius, der mit der Lüge, Hilfstruppen heranzuholen, Varus verlassen hatte, übernahm die Führung. Was nun folgte war keine klassische Feldschlacht an einem Ort, sondern ein drei Tage andauernder Kampf.

Immer wieder wurde das schwerfällige, lange Marschband der Römer in unübersichtlichem Gelände angegriffen. Es goss in Strömen. Gefecht reihte sich an Gefecht. Dann ließ die Reiterei das Fußvolk feige im Stich. Varus und die noch übrigen hohen Offiziere stürzten sich in ihre Schwerter. Die Sieger wüteten fürchterlich: Gefangene wurden den Göttern geopfert, an Bäumen aufgehängt, grausam verstümmelt oder zu Knechten gemacht. Der klägliche Untergang des römischen Heeres war das Signal zu einem allgemeinen Aufstand der germanischen Stämme. Ihm fiel auch die Stadt in Waldgirmes zum Opfer, die Anfang der 1990er Jahre wieder aufgefunden worden ist.

Über den Ort der Varusschlacht wurde jahrhundertelang gestritten. Heute wird sie in einer Senke bei Osnabrück, nordwärts des Kalkrieser Berges lokalisiert. Zahlreiche archäologische Funde deuten mit einiger Sicherheit darauf hin: Münzen, Schleuderbleie, Menschenknochen samt militärischer Ausrüstung, Knochen von Maultieren und Pferden. Paradefund ist der Maskenteil eines Gesichtshelms, von den Siegern achtlos weggeworfen.

In Deutschland ist es üblich geworden, bestimmte historische Ereignisse in den Rang von Mythen zu erheben. Der Mythos der »Schlacht im Teutoburger Wald« besagt, sie sei ein Wendepunkt in der Außenpolitik Roms oder gar der Weltgeschichte gewesen und habe die Befreiung Germaniens bewirkt (Theodor Mommsen, ihm folgend Friedrich Engels). Doch Rom führte auch nach Varus erfolgreich Krieg gegen die Germanen. Ende des 1. Jahrhunderts wurden die Provinzen Germania inferior und superior gegründet. Die Schlacht im Jahre 9 u. Z. war und bleibt ein reales Ereignis, das später bedeutsam war für die kulturelle Identität der Deutschen. Ihr Held Arminius war 21 u. Z. von den eigenen Verwandten umgebracht worden.

Prof. Dr. Jähne ist Althistoriker. Lesen Sie demnächst über das Nachleben der Schlacht.

Neuerscheinungen zum Thema:

  • Boris Dreyer: Arminius und der Untergang des Varus. Klett-Cotta, 317 S., geb., 24,90 €.
  • Michael Sommer: Die Arminius-schlacht. Spurensuche im Teutoburger Wald. Alfred-Kröner-Verlag, 190 S., br., 12,90 €.
  • Hans Dieter Stöver: Der Sieg über Varus. dtv, 400 S., br., 14,90 €.

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