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Von David Siebert
19.09.2009

Geschichtsnachhilfe aus den Banlieues ...

Das multikulturelle französische Ensemble »Mémoires Vives« arbeitet die Kolonialvergangenheit der »Grande Nation« auf. Am Sonntag ist ihr HipHop-Musical »A nos morts« erstmals in Deutschland zu sehen. Ein Besuch bei den Rappern und Breakdancern in Straßbu

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Oberhausbergen liegt zwar im Ballungsgebiet von Straßburg, doch Fachwerkhäuser, Winzerstuben und Geranientöpfe versprühen bereits den Charme elsässischer Dorfidylle. Vor dem nagelneuen lokalen Kulturzentrum »PreO« absolviert ein Breakdancer mit Muskelshirt und Trainingshose Aufwärmübungen. »Als wir jung waren, haben wir ganz ohne Schutz auf dem Beton getanzt. Schau: so!« Majid wirbelt grinsend mit Armen und Beinen über den bloßen Asphalt. »Wir haben uns alles von HipHop-Videos abgeschaut, damals konnte uns niemand zeigen wie das geht«, erinnert sich der 30-jährige Sohn marokkanischer Einwanderer. Anfang der 90er Jahre brachten er und seine Kumpels sich in der Plattenbauwüste des Straßburger Stadtteils Elsau die ersten Tanzschritte bei. Heute arbeitet Majid als professioneller Tänzer und gibt Workshops.

Name als Programm: Lebendige Erinnerung

Später steht Majid auf der Bühne des Veranstaltungssaals. Hier finden sonst Lesungen oder Konzerte des Blasmusikvereins statt. Heute sind schwere HipHop-Beats zu hören, gemischt mit Zirkusmusik. Breakdancer stampfen in Anzug und Melone über die Bühne, die weißen Hemden mit Kissen zu riesigen Bäuchen ausgestopft. Die Berliner Kolonialkonferenz von 1884 wird als groteske Lotterie-Veranstaltung persifliert. Damals hatten die europäischen Großmächte die Kolonien untereinander aufgeteilt. »Folies Colonies« (»Verrückte Kolonien«) heißt das HipHop-Musical, das hier geprobt wird – bereits die zweite Produktion, mit der die Compagnie »Mémoires Vives« (Lebendige Erinnerung) die französischen Kolonialvergangenheit thematisiert.

»Unser erstes Stück ›A nos morts‹ (Unseren Toten) haben wir in Frankreich schon mehr als 60 Mal aufgeführt, demnächst spielen wir sogar in Marokko und im Senegal«, erklärt ein Mittdreißiger mit Glatzkopf, Militaryjacke und blitzend weißen Turnschuhen. Yan Gilg ist gebürtiger Elsässer, Leiter der Tanztruppe, und der Einzige im Ensemble mit weißer Hautfarbe. Alle anderen haben einen Migrationshintergrund. Die Geschichte, von der sie in »A nos morts« erzählen, könnte die ihrer Vorfahren sein: Das Stück handelt von den Tirailleurs, jenen Soldaten aus Frankreichs Kolonien, die in den beiden Weltkriegen für die Republik an die Front zogen.

Hunderttausende Soldaten aus West- und Nordafrika, Indochina oder von den Antillen und den Pazifikinseln kämpften damals in und außerhalb Europas unter der Flagge Frankreichs. Anerkennung erfuhren sie kaum. In der Geschichtsschreibung wurde ihre Rolle lange verschwiegen. »Frankreich hat seine ganze Kolonialvergangenheit einfach unter den Tisch gekehrt«, kommentiert Yan Gilg. »Das ist so, wie wenn man in Deutschland nie über die Judenverfolgung gesprochen hätte.«

In »A nos morts« wird das Schicksal der Tirailleurs als Geschichtsdrama im HipHop-Rhythmus inszeniert: Rap-Beats mischen sich mit dem Staccato von Maschinengewehren, abgehackte Breakdance-Bewegungen karikieren Exerzierübungen, Headspins und akrobatische Sprünge im Bombengewitter versinnbildlichen das Grauen des Krieges. Im Hintergrund laufen historische Filme, die Rekruten aus Afrika oder Asien zeigen – kommandiert von französischen Offizieren mit Spitzbart und Tropenhelm.

Später singt ein Rapper über das Massaker von Thiaroye: 1944 wurden heimgekehrte afrikanische Tirailleurs in einem Militärcamp bei Dakar interniert. Als sie gegen das Ausbleiben des Solds und die menschenunwürdige Unterbringung protestierten, schritt die französischen Armee ein und bombardierte das Lager. Die Familie des 23-jährigen Ibrahim, der die Geschichte im afrikanischen Wolof-Dialekt vorträgt, stammt aus dem Senegal. Von der Geschichte seiner Vorfahren hat er zum ersten Mal durch das Hip-Hop-Musical erfahren: »In der Schule wurde uns so etwas nie erzählt.«

Noch immer gibt es in Frankreich starke Widerstände gegen eine Aufarbeitung der Kolonialvergangenheit: 2005 legten konservative Abgeordnete dem Parlament ein Gesetzt vor, mit dem man Lehrern vorschreiben wollte, Frankreichs Rolle als Kolonialmacht in Unterricht und Universität »positiv« zu bewerten. 2007 entschuldigte sich Präsident Sarkozy auf seiner Antrittsreise in Afrika zwar für die Fehler der Vergangenheit, erklärte aber, dass der Kolonialismus »auch sein Gutes« gehabt habe, weil er den Kolonien »Straßen, Krankenhäuser und Schulen« gebracht habe.

Nach viel historischer Spurensuche landet die bewegende Tanzshow plötzlich im Hier und Jetzt: Armeeuniformen werden gegen Kapuzenjacken eingetauscht. Aus Soldaten werden revoltierende Jugendliche aus den Vorstädten. Polizeisirenen ertönen, Rauch steigt auf. »Frankreich will einfach nicht anerkennen, welche Rolle die Kolonialvölker, erst als Tirailleurs, später als Gastarbeiter, in der Geschichte gespielt haben. Man hat sich nie für die Verbrechen des Kolonialismus entschuldigt. Kein Wunder, dass das bei ihren Nachfahren zu Frustration und Hass führt«, mein Majid und spielt damit auf die Unruhen an, die regelmäßig die Vorstädte mit hohem Immigrantenanteil erschüttern.

Das Tanzprojekt und seine Darsteller haben ihre Wurzeln in der Subkultur der Banlieues von Straßburg. 1996 gründete Yan Gilg mit befreundeten Rapper im Problemviertel Neudorf das Hip-Hop-Kollektiv »Sons d'la rue« (»Klänge der Straße«): Das Projekt sollte Jugendlichen aus den Banlieues helfen, sich über Musik und Tanz zu emanzipieren. Die Hip-Hop-Aktivisten organisierten im gesamten Elsass Rap-Schreibatelliers und Breakdance-Workshops in Schulen, Jugendzentren oder Gefängnissen. Erst vor Kurzem sind »Sons d'la Rue« umgezogen. In Neudorf, einem Multikulti-Viertel in der Innenstadt, haben sie in einer Seitenstraße zwei winzige Räume gemietet. Ein kleines Studio bietet Jugendlichen billig Aufnahmemöglichkeiten.

»Hier kommen jeden Monat mehrere hundert Besucher vorbei«, erzählt Mouss stolz. Der Rapper mit Goldkette und Lederjacke organisiert Rap-Workshops und moderiert die tägliche Radioshow der »Sons d'la rue« auf einem Lokalsender. »Unser Publikum ist bunt gemischt und kommt aus allen Schichten«, ergänzt Nessrine, Sängerin des R'n'B-Duos Djiness und einzige Festangestellte der »Sons d'la rue«. Aus der Kulturszene von Straßburg sind »Sons d'la rue« nicht mehr wegzudenken. Die Liste der Auftrittsmöglichkeiten, die Nessrine ihren Rappern vermittelt, reicht vom autonomen Zentrum »Molodoi« über ein Maghreb-Kultur-Festival bis hin zum Konzertabend gegen »Gewalt gegen Frauen«.

HipHop ist ein fester Bestandteil der Kultur

»Klar, der HipHop ist in den Banlieues groß geworden, aber mittlerweile ist er ein fester Bestandteil der Kulturlandschaft geworden«, meint sie. Slam-Poetry und Spoken-Word-Lyrik haben das Repertoire des Rap erweitert, landauf und landab entstehen Kompanien, die Breakdance mit Theater und zeitgenössischem Tanz verbinden. Trotzdem stecken immer noch viele den HipHop in die Banlieue-Schublade: Nach den Vorstadt-Unruhen vom Herbst 2005 machten Politiker die Rapper für die Unruhen verantwortlich. Konservative Abgeordnete stellten Rapper wie Monsieur R, Sniper oder La Rumeur wegen »gewaltverherrlichender« und »diffamierender« Texte vor die Justiz. Doch von den Gerichten wurden ihre provokanten Worte im Verlan-Slang als Freiheit der Kunst gewertet.

Auch die Premiere von »Folies Colonies« zeigt, dass der französische HipHop längst mehr ist als Gangsta-Subkultur: Das Stück zieht ein bunt gemischtes Publikum an. Unter Dorfbewohner aus Oberhausbergen mischen sich Schulklassen wie auch Kids aus den Vorstädten. »Folies Colonies« zeichnet in grellen Farben ein Panorama von der gesamten Epoche des Kolonialismus. Moderiert von einem Zirkusdirektor, wird über Sklaverei, Völkerschauen und Exotismus berichtet. »Wir haben das Stück im Stil eines Varietéspektakels inszeniert«, erklärt Yan Gilg, »sonst würde uns bei einem so düsteren Thema das Publikum gleich wieder aus dem Theater rennen.«

Trotz aller Parodie bleibt manchem Zuschauer das Lachen im Halse stecken: Viele der Vorurteile aus der Kolonialzeit haben überlebt, lautet die Message des Stücks. »Schwarze werden immer noch entweder als Muskelpakete oder als Verbrecher dargestellt«, meint Yan Gilg. »In unserer Fußballnationalmannschaft spielen lauter Afrikaner, aber in der Nationalversammlung sitzen fast nur Weiße.«

Foto: Das Musical »Die vergessenen Befreier – A nos morts« wird am Sonntag, dem 20.9., um 20 Uhr im Haus der Berliner Festspiele gezeigt. Die Aufführung ist Abschlussveranstaltung des Internationalen Literaturfestivals Berlin und gleichzeitig Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung »Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg«.Auf dem Bild sieht man das Ensemble bei den Probenarbeiten in Frankreich.

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