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Fragwürdig

Wie steht es um die Kinderrechte?

Sozialarbeiter Reinel Garcia Martínez über Gewalt und Armut in Kolumbien / Reinel Garcia Martínez, Sozialarbeiter, kümmert sich um Straßenkinder in Bogotá

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ND: Am 20. September wird auch in Kolumbien der Weltkindertag gefeiert. Wie steht es um die Kinderrechte in ihrem Heimatland?
Garcia Martínez: In Kolumbien werden die Rechte der Kinder nicht respektiert. Es gibt keine qualitativ hochwertigen Bildungsangebote für alle Kinder, auch das Gesundheitssystem lässt mehr und mehr zu wünschen übrig. Ein zentrales Problem ist jedoch die Gewalt gegenüber Kindern, die stetig zunimmt. In Kolumbien leben mehr als sechs Millionen Kinder in Armut, schätzungsweise 30 000 Kinder wurden und werden sexuell missbraucht, mindestens 10 000 Kinder leben auf der Straße. All das zeigt nur zu deutlich, dass die Rechte der Kinder kaum zählen.

Kolumbien hat die Konvention zum Schutz des Kindes unterzeichnet und zeigt sich international bemüht. Ein Widerspruch?
Ja, denn obwohl die Regierung in Bogotá die Kinderschutzkonvention der Internationalen Arbeitsorganisation ILO unterzeichnet hat und auch die entsprechenden Initiativen und Verträge auf UN-Ebene begrüßt beziehungsweise unterschrieben hat, wird nicht in die Kinder investiert. Es gibt in Kolumbien kaum Programme, um Kindern aus armen Verhältnissen ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Das Gegenteil ist der Fall. Es wird systematisch in den Krieg investiert und die Kinderrechte werden auch durch den Staat verletzt.

Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Es gibt viele Herausforderungen, doch zuerst einmal müssen wir es schaffen, ein Klima des Schutzes für die Kinderrechte herstellen. Wir müssen die Bevölkerung sensibilisieren, um die Rechte der Kinder garantieren zu können. Dazu gehört der Zugang zu Bildung, zur Gesundheitsversorgung und das Recht auf eine menschenwürdige Unterkunft.

All diese Grundrechte werden in Kolumbien nicht ausreichend respektiert und der Staat stellt nicht ausreichend Mittel zur Verfügung, um die entsprechende Infrastruktur zu schaffen. Was uns auch fehlt sind die Einrichtungen, um die Rechte der Kinder effektiv zu verteidigen. Wir müssen erreichen, dass die Kindheit strikt gegen jede Form der Gewaltanwendung geschützt werden.

Sie arbeiten in einem ehemaligen Arbeiterviertel am Rande Bogotás. Wie ist die Lage derzeit?
Ausgesprochen schwierig, denn in dem Viertel sind bewaffnete Jugendliche genauso unterwegs wie Kommandos der »sozialen Säuberung«. Das sind Todeskommandos, die gegen Obdachlose, gegen Jugendliche, gegen politisch Missliebige genauso wie gegen Prostituierte, Homosexuelle und andere schlecht in die Gesellschaft integrierte Menschen vorgehen und sie verfolgen, oftmals umbringen.

Diese »sozialen Säuberungen« haben zugenommen, immer öfter werden Jugendliche bedroht. Die haben es ohnehin schon schwer genug, denn die Perspektiven für Jugendliche sind schlecht. Es fehlt an Arbeit und Perspektiven und es gibt viele Jugendliche die zu Drogen greifen. Darunter ist auch das Schnüffeln von Klebstoff weit verbreitet. Die im Klebstoff enthaltenen Lösungsmittel verursachen massive Hirnschäden.

Demnach bleibt vielen Jugendlichen als Alternative nur der informelle Sektor?
Ja, aber Kinder dürfen nicht auf der Straße arbeiten, weil die sichtbare Kinderarbeit in Kolumbien geahndet wird. Auch Marktfrauen und fliegende Händler haben es schwer, weil die Polizei gegen sie vorgeht. Faktisch werden die Armen kriminalisiert. Wir setzen uns gerade für eine junge Mutter ein, die wegen des Straßenverkaufs von gebrannten CDs zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sandra sitzt derzeit im Gefängnis.

Fragen: Knut Henkel

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