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Von Manfred Wieczorek 22.09.2009 / Wirtschaft

XS-Löhne im XL-Markt

Gewerkschafter und Betriebsräte verärgert über Umstrukturierungspläne bei Schlecker

In ganz Deutschland eröffnet Schlecker neue, sogenannte XL-Märkte. Die Filialen der Drogeriemarktkette werden größer, doch die Löhne sollen halbiert werden. Betriebsräte und Gewerkschaft machen dagegen mobil.
Eine neue XL-Filiale im bayerischen Bad Grönenbach
Eine neue XL-Filiale im bayerischen Bad Grönenbach

Bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di ist man stinksauer auf Schlecker. Wieder einmal. Denn die Drogeriemarktkette steht ohnehin in dem Ruf, schlechte Arbeitsbedingungen mit nicht gerade üppiger Bezahlung zu verbinden und Gewerkschaften sowie Betriebsräte auszubremsen.

Der jüngste Schlecker-Coup: Kleine Märkte der Kette werden geschlossen und ihre Mitarbeiter entlassen, um große XL-Märkte zu eröffnen. Die werden von einer Schlecker-Tochtergesellschaft betrieben, die die alten Schlecker-Mitarbeiter nicht übernimmt, sondern neue einstellt. Und wenn die alten Mitarbeiter dort arbeiten, dann zu schlechteren Konditionen. Laut ver.di will Schlecker so aus dem Tarif ausbrechen und sich gleichzeitig der Betriebsräte entledigen. Die neuen Mitarbeiter der XL-Läden würden »XS-Löhne« erhalten, so ver.di. Die Gewerkschaft nennt einen Stundenlohn von 6,50 Euro. In den kleineren Läden habe eine Verkäuferin dagegen einen fast doppelt so hohen Stundenlohn erhalten.

In einigen Regionen wie zum Beispiel im Kreis Gütersloh oder im ver.di-Bezirk Rhein-Neckar regt sich aber Widerstand gegen die Pläne. Mit Unterstützung der Gewerkschaft machten Schlecker-Mitarbeiter an Info-Ständen auf die neue Strategie der Drogeriemarktkette aufmerksam. Die setze ihre Mitarbeiter mit der Drohung unter Druck, sie in weit entfernte Filialen zu versetzen, wenn sie nicht bereit wären, schlechter entlohnt in einem der neuen XL-Läden vor Ort zu arbeiten.

Bei ver.di schätzt man, dass bundesweit rund 10 000 Arbeitnehmer in fast 3000 Filialen von den Strukturveränderungen betroffen sein könnten. Bis Ende 2010 sollen bis zu 1000 XL-Märkte entstehen, die ein umfassenderes Warenangebot haben als die kleinen Filialen. Bei der Suche nach geeigneten Immobilien hat Schlecker auch ein Auge auf 71 ehemalige Woolworth-Filialen geworfen.

Offenbar will Schlecker mit Expansionsdrang und Lohndumping einen Weg aus der Krise finden. Einem Bericht der »Wirtschaftswoche« zufolge büßten die Filialen des Branchenprimus in Deutschland zuletzt etwa 20 Prozent beim Umsatz ein: von 5,3 Milliarden im Jahr 2005 auf 4,2 Milliarden Euro in 2008.

Auf der Internetseite von Schlecker ist von Krise nicht die Rede. Hier rühmt man sich, mit einem Marktanteil von 76 Prozent unangefochtener Marktführer unter den Drogeriemärkten in Deutschland zu sein. Vermutlich kratzen die Verluste durch die zunehmende Konkurrenz nicht sonderlich am Privatvermögen des millionenschweren Firmenpatriarchen Anton Schlecker – an seinem Nervenkostüm vielleicht schon. So soll er laut Medienberichten Mitte Mai im fränkischen Städtchen Lauf überraschend in einer Filiale aufgetaucht sein, die Tür zum Betriebsratszimmer aufgerissen und die Betriebsratsvorsitzende lautstark dreimal als »blöde Kuh« bezeichnet haben. Inzwischen befasst sich das Arbeitsgericht Nürnberg mit dem Fall. Anton Schleckers Anwalt bestritt dort die Vorwürfe. Der alleinige Inhaber des Drogerieimperiums hielt es nicht für nötig, vor Gericht zu erscheinen.

Auf Anton Schlecker kommen demnächst aber ganz andere Auseinandersetzungen zu. Bundesweit wollen die Betriebsräte, unterstützt von ver.di unter dem Motto »Rote Karte für Schlecker« ihre Aktionen gegen das Lohndumping in den XL-Märkten verstärken. »Über die frühkapitalistischen Ausbeutungsmethoden werden wir die Kunden informieren. Mit ihrer Unterschrift auf den ›Roten Karten‹ können sie unsere Forderungen nach tariflichen Löhnen und Betriebsräten in allen Verkaufsstellen unterstützen«, erläutert ver.di- Gewerkschaftssekretär Alex Sauer die Aktion.

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