Am Ende des mehrstündigen Verfahrens stand ein Freispruch. Die Tat konnte der Beschuldigten Stephanie nicht nachgewiesen werden. Dabei soll sie in Neukölln wie eine Furie auf eine ältere Dame eingeschlagen, -getreten und sie bespuckt haben. Die ältere Dame ist eine stramme Nationale, heißt Manuela Tönhardt und war gestern Kronzeugin des Geschehens.
Am 5. September, redet sich die stramme deutsche Frau vor Gericht in Rage, war sie mit Kameradin und Kamerad auf einem Selbstfindungstrip in der Boddin-Straße. Der »Ring nationaler Frauen (RNF)« rief und die drei kamen. Doch sie hatten sich verirrt. Als sie wieder auf dem rechten Pfad waren, wurden sie von Nazigegnern bestürmt. Kameradin Manuela: Es prasselte von allen Seiten Tritte und Schläge. Fahrräder wurden in die Hand genommen und damit geschlagen. Stühle wurden auf die Rücken geprügelt. Zehn Tritte in den Hintern habe sie bekommen. Die bewaffnete Ordnungsmacht sah diesem Treiben tatenlos zu.
Auf der Polizeiwache gab sie später an, sie sei von zwei Frauen in brutalster Weise attackiert worden. Von Stephanie war keine Rede. Auch NPD-Kameradin Nummer zwei, die reife Zeugin Cornelia Berger, konnte sich an die Treterin nicht erinnern. Erst im März, als die NPD an einem Infostand ihre braune Propaganda unter die Leute bringen wollte und ihnen Protest entgegenwehte, erkannte sie schlagartig Stephanie. Nun kam auch Kameradin Manuela die Erleuchtung.
Ein Schlag von hinten sei es gewesen. Als sie am Boden lag und sich umdrehte, sah sie sie. »Das hassverzerrte Gesicht war über mir, so etwas werde ich mein Leben lang nicht vergessen.« Nun war sich auch Kameradin Cornelia sicher. Die und keine andere war es. Nur Kamerad Zimmermann, der Zwei-Meter-Mann Lars Zimmermann von der gleichen braunen Zunft, dem an diesem Tage vor Ort die Naziklamotten entzogen wurden und der halb nackt durch Neukölln laufen musste, der hatte nichts gesehen. Es blieben die beiden älteren Damen, die zwar auch nicht wussten, ob, wann und wie sie getreten und geschlagen wurden, ob eine oder viele Frauen an der Aktion beteiligt waren oder ob sonst irgend etwas Auffälliges in Erinnerung geblieben war. All das konnten sie nicht beantworten. Nur das »hasserfüllte Gesicht«, das sich sieben Monate nach dem Geschehen in ihren Köpfen festgesetzt hatte, blieb am Ende übrig. Und so konnte es nur Freispruch geben.
Fakt ist, es ist auf beide Frauen eingeschlagen worden, konstatierte der Richter in seiner Begründung. Dafür gebe es keine Rechtfertigung. Doch es ist nicht erwiesen, dass Stephanie diejenige war, die die NPD-Frau Manuela aufs Pflaster geschickt hat, ja, ob sie überhaupt an jenem Tag vor Ort war. Die Möglichkeit, dass die beiden strohblonden Altrechten sich eine Antifaschistin bewusst ausgesucht haben, um sich an ihr für erlittene Schmach juristisch zu rächen, konnte nicht ausgeschlossen werden.
Da beide Kameradinnen, die davon träumen, für die NPD in den Bundestag zu ziehen, sich als Nebenklägerinnen betätigten, müssen sie nun, statt ein erhofftes Schmerzensgeld zu kassieren, ihre eigenen Anwaltskosten bezahlen. Wutentbrannt verließ die braune Anhängerschaft unter den Zuhörern den Gerichtssaal.
Die 2006 gegründete Vereinigung versteht sich als Frauenorganisation der NPD. Da die NPD-Führung vor allem von Männern beherrscht wird, suchen die Nationalisten mit einem eigenen Frauentrupp mehr Einfluss auf die weibliche Wählerschaft zu gewinnen. Im Sommer tobte ein erbitterter Machtkampf der verfeindeten Frauenflügel, in dessen Ergebnis die bisherigen Führungsfrauen das Handtuch warfen. Das könnte für Manuela Tönhardt die Chance bieten, sich an die Spitze zu schieben.
Aktuelle Ausgabe: 23.05.2012
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