Berlin wird dieses Wochenende zur Weltmetropole der zeitgenössischen Kunst. Sowohl das Artforum Berlin als auch die Konkurrenzunternehmen Preview Berlin, abc, Kunstsalon und Berliner Liste haben bis Sonntag ihre Pforten geöffnet. Über 300 Aussteller, davon gut die Hälfte von außerhalb, sorgen für eine kurzzeitig sehr hohe Konzentration an bildender Kunst in der Stadt. Mutter aller Berliner Kunstmessen ist das Artforum. Die größte und traditionsreichste Kunstschau beansprucht in diesem Jahr drei der Messehallen am Funkturm sowie den kleinen Park hinter dem Palais.
Für das Berliner Publikum sind vor allem die Positionen der auswärtigen Galeristen interessant. Die südafrikanische Galerie Stevenson etwa beeindruckt mit den fotografischen Inszenierungen von Pieter Hugo. Er hat in vergangenen Jahren bereits mit einer Fotoserie zu Männern und Hyänen auf sich aufmerksam gemacht. Es handelte sich dabei um nigerianische Gangster, Drogenhändler, Zuhälter und Paramilitärs, die den Eindruck ihrer Gefährlichkeit mit der Begleitung durch die gefleckten Raubtiere noch verschärfen. Mit dem Projekt »Nollywoood« dringt Hugo in die anarchische nigerianische Filmszene ein. Männer mit Macheten im Busch, bleich geschminkte Geister oder eine schwarze Lady in der Uniform der Bundesmarine legen Zeugnis von einer alle kulturellen Bezüge durcheinander wirbelnden Illusionsindustrie ab.
Die Brüsseler Galerie Rodolphe Janssen ist mit düsteren Fabelfiguren von Kendell Geers präsent. Sorgsam verfeinertes Elend bietet Jörg Lozek auf seiner Leinwand »Keller« für die Pariser Galerie Templon an. Lozek frischt die Ornamente einer vergammelten Tapete an den Wänden der dargestellten Kellerwohnung auf und setzt sie so in einen starken Kontrast zum restlichen Ambiente.
Kräftige Akzente wie dieser sind beim Artforum notwendig, um aus der Masse der aneinander gereihten Kojen herauszuragen. Ein Besuch konventioneller Messen kann wegen der immer gleichen Architektur zum Martyrium für Augen und Füße werden. Ein wenig versucht das Artforum dieses strenge Arrangement im Sector »focus« in der Halle 11.2 (Foto) aufzulockern. Rechts und links eines zentralen Gangs präsentieren jüngere Galerien ihre Künstler vor allem in Form von Rauminstallationen.
Die erfrischendste Arbeit stammt hier von der Galerie West aus Den Haag. Der Besucher kann in einen rotierenden Metallzylinder treten und darauf warten, wie sich durch die drehenden Wände sein Gefühl für den Raum verändert. Beschwingt tritt man wieder aus dieser Wahrnehmungsveränderungsmaschine heraus und ist offen für neue Eindrücke.
Einen konsequenten Schritt weiter als das Artforum geht die »Preview Berlin«. Diese Messe für neue Kunst verzichtet ganz auf die Parzellenstruktur. In der Haupthalle des Flughafen Tempelhof sind Großskulpturen zu einem offenen Parcours geordnet. Blickfänger sind die gestapelten Europaletten von Dieter Lutsch (Galerie Jarmuschek und Partner). Eine subtile Intervention mit einem übrig gebliebenen Laufband für Gepäck gelingt Frederik Foert (Projektraum Myvisit): Ein auf das laufende Gepäckband montiertes Einrad gibt einem Mobile in Vogelform den nötigen Energieimpuls.
Die Galeristen halten sich dabei in der Nähe der Arbeiten ihrer Künstler auf. Hier wird die Qualität der Arbeiten zum Kommunikationsanlass, und nicht die – ein wenig zu versteckt – angebrachten Namen von Galerien und Künstlern. Während die Galeristen beim Artforum vor allem darauf aus sein müssen, die in der Koje platzierte Ware auch ja zu verkaufen, ist die Preview von einer offenen Marktatmosphäre geprägt. Die Veranstalter dieser Messe machen aus der gegenwärtigen Krise eine Tugend. Statt auf unmittelbaren Verkauf zu setzen, kann man erst einmal miteinander ins Gespräch kommen. Ein schöner Ansatz.
Artforum: noch bis 27.9, 11-19 Uhr, Messehallen am Funkturm; Preview: 25.-27.9., 13-20, sonntags 13-18 Uhr, Flughafen Tempelhof
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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