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Von Andreas Heinz 29.09.2009 / Berlin / Brandenburg
Ohne Obdach in der Hauptstadt

»Ich war in einem anderen Leben«

Karin S. schildert, warum sie auf der Straße landete und nun wieder eine Wohnung hat

Abitur, Studium der Kunstgeschichte in England, anschließend Ausbildung zur Restauratorin. Karin S. blickte äußerst zuversichtlich in ihre berufliche Zukunft. Das war vor 20 Jahren. Wenn die 44-Jährige heute zurückschaut, kommt ihr diese Zeit vor, »als wäre ich in einem anderen Leben gewesen«, erzählt sie. Denn alles kam anders. Sie verlor Job und Wohnung, landete auf der Straße. Durch Zufall saß sie in Berlin gegenüber der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot. Seitdem geht es ganz langsam wieder bergauf. Gegenüber ND schildert sie Stationen ihres Lebens, bei denen sie manchmal dachte: »Schlimmer kann es nicht mehr kommen.«

»Das erste Mal wurde ich mit 25 Jahren alkoholauffällig«, berichtet sie. Der Umzug nach England belastete die Beziehung zu ihrem damaligen Freund, zerrte an den Nerven. Schließlich die Trennung. Karin griff zur Flasche, um zu vergessen. Doch das gelang nicht.

Zurück in Deutschland, fand Karin S. in Bayern eine Anstellung als Restauratorin. Aber sie trank weiter, inzwischen harte Sachen. Die Folge: Kündigung. Ihr Interesse war nur noch darauf ausgerichtet, Alkohol zu beschaffen. Die Mietrückstände wurden immer größer. Schließlich flog sie aus ihrer Dachauer Wohnung, saß auf der Straße. Das war vor 2007.

Karin S. wusste, was mit ihr passieren würde, wenn sie so weiter machte, kämpfte immer wieder dagegen an. »Ich brauche eine Tagesstruktur«, weiß sie heute. Vor zwei Jahren jedoch griff sie immer häufiger zur Flasche. »Aber ich kam immer noch mit kalten Entzügen hin«, sagt sie. Bis das auch nicht mehr funktionierte. Als sie nicht mehr weiter wusste, begann die Alkoholikerin eine Soziotherapie. Karin S. schildert, was da passiert: »Patienten mit schweren psychischen Störungen sollen in die Lage versetzt werden, andere medizinische Behandlungen in Anspruch zu nehmen.« In dieser Zeit lernte Karin S. einen neuen Partner kennen. Der trinkt ebenfalls, neben dem Alkoholismus muss sie jetzt noch körperliche Gewalt erfahren. »Der Mann hat mich ständig geprügelt, aber ich habe die Trennung von ihm nicht geschafft«, meint Karin. Beziehungsabhängigkeit nennen das die Therapeuten. Die schlimmsten Folgen der Gewalt: ein doppelter Kieferbruch, von den schweren Blutergüssen gar nicht zu reden. Inzwischen waren auch zwei Kinder da.

Nun kam der nächste Schlag für Karin S.: Das Jugendamt nahm ihr die Kinder weg, sie kamen zu einer Pflegefamilie. Alle drei Monate durfte Karin S. einen Kurzbesuch abstatten. Es kam noch schlimmer: Die Pflegeeltern zogen nach Berlin, für Karin so gut wie unerreichbar. Aber sie schaffte es immer wieder, ihre Kinder für ein paar Stunden sehen zu können. Sie übernachtete in einem Hostel im Bezirk Schöneberg. »Dort herrschte Alkoholverbot. Das habe ich mir selbst so ausgesucht, weil ich mich wegen meiner Sucht unter Druck setzen wollte.«

Inzwischen war ihr Plan immer konkreter geworden, in die Hauptstadt umzuziehen. »Natürlich wollte ich nach Schöneberg, was anderes kannte ich ja nicht«, schmunzelt sie heute über ihre Naivität. »Ich dachte, ich fahre hin und bekomme auch gleich eine Wohnung.« Mit ihrem Freund, dem Trinker, landete sie in Berlin. Die beiden nahmen ein Zimmer in dem Schöneberger Hostel. Das Alkoholverbot wurde diesmal ignoriert, Karin S. ließ sich dazu überreden, zwei Flaschen Wodka zu beschaffen. »Ein Glück, dass ich beim Klauen nicht erwischt wurde«, sagt sie heute.

Das Zimmer wurde nur noch verlassen, um Hochprozentiges zu besorgen. Das Geld war schon lange alle. Schließlich flogen sie aus dem Hostel, Karin S. landete in einer Ausnüchterungszelle. »Das war das Schlimmste«, berichtet sie. »Ich kam mir so elend vor, als ich wieder zur Besinnung kam, auf der niedrigsten Stufe gelandet.«

Schließlich fand Karin S .einen Platz in der Notunterkunft Franklinstraße im Bezirk Charlottenburg. Dann saß sie mal wieder mit einer Flasche Schnaps auf einer Bank – und las auf der Straßenseite gegenüber das Schild »Zentrale Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot«. Sie überwand sich, ging hin, kam sofort in eine Klinik zur Entgiftung.

Erstmals seit langer Zeit kümmerte sich nun wieder jemand um sie: Mitarbeiter der Beratungsstelle vermittelten einen Termin beim sozialpsychiatrischen Dienst, sie meldete sich beim Jobcenter wegen Hartz IV. Über die Stadtmission hat sie seit Juni eine Wohnung im Rahmen des Betreuten Einzelwohnens. Und sie erhielt Arbeit in den Lankwitzer Werkstätten, eine Einrichtung für berufliche Rehabilitation. Sie kann sogar in ihrem Beruf als Restauratorin arbeiten. »Welch ein Glück«, lächelt sie.

Außerdem besucht sie regelmäßig die psychiatrische Institutsambulanz in einer Klinik. Und sie kann alle sechs Wochen ihre Kinder treffen. »Ich habe das Gefühl, dass es nun ganz langsam wieder bergauf geht«, sagt Karin S. Sie muss gehen, die Vorbereitungen für die Jubiläumsausstellung der Beratungsstelle laufen. Und da ist sie mit Rat und Tat gefragt.


Zahlen & Fakten - 1737 Klienten

Durch die Einführung der Hartz-IV-Gesetze 2004 ist die Zahl der Obdachlosen in Berlin drastisch gestiegen. Allein ein Jahr nach der Gesetzesänderung hätten rund 300 Klienten mehr die Zentrale Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot besucht, informierte deren Leiterin Elfriede Brüning.

Zunehmend kämen »Menschen aus dem Mittelstand« zur Beratung in die Levetzowstraße in Berlin-Moabit, sagte Brüning. Im vergangenen Jahr führten die elf Mitarbeiter 5189 Gespräche mit 1737 Klienten, knapp ein Viertel davon Frauen. 28 Prozent der Hilfesuchenden hatten einen mittleren bis höheren Schulabschluss, 37,7 Prozent hatten einen mittleren bis hohen Ausbildungsabschluss. In diesem Jahr wurden bislang 1416 Menschen beraten.

Die Zahl der jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren sei dabei von 13 Prozent (2005) auf 16 Prozent (2008) angestiegen. Die Zahl der Migranten in Beratung, die Mitte der 1990er Jahre auf über 30 Prozent angestiegen war, liege jetzt bei 21 Prozent. Wegen der EU-Osterweiterung suchten jetzt mehr EU-Bürger Hilfe.

Seit ihrer Gründung im Jahr 1979 hat die Einrichtung 24 137 Menschen beraten. Insgesamt haben die Mitarbeiter knapp 160 000 Gespräche geführt. Ihr 30-jähriges Bestehen feiert die Beratungsstelle morgen mit einem Festakt in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Seit 1979 beraten in der Einrichtung Sozialarbeiter Menschen ohne eigene Wohnung oder bei drohendem Wohnungsverlust in rechtlichen und sozialen Fragen und vermitteln Hilfen. Zudem haben die Ratsuchenden die Möglichkeit, sich medizinisch untersuchen zu lassen, eine Postadresse und ein Schließfach einzurichten sowie ihre Wäsche zu reinigen.

Beratungen finden auch in Englisch, Französisch und Spanisch statt. Die Träger der Beratungsstelle sind die Stadtmission und die Caritas. epd


Rechtliches - Ohne Mietvertrag

Laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) in Bielefeld waren 2006 in Deutschland 254 000 wohnungslose Menschen registriert. Hiervon leben 24 Prozent in Mehrpersonenhaushalten, 76 Prozent sind alleinstehend. Wohnungslos ist, so definiert es die BAG W, wer nicht über einen per Mietvertrag abgesicherten Wohnraum verfügt.

Aus ordnungsrechtlicher Sicht sind Menschen von Wohnungslosigkeit betroffen, wenn sie keinen Mietvertrag besitzen und den Wohnraum nur mit Nutzungsverträgen bewohnen oder in Notunterkünften untergebracht sind. Unter sozialhilferechtlichem Blickwinkel besteht Wohnungslosigkeit, wenn Menschen ohne Mietvertrag untergebracht sind und die Kosten nach Sozialgesetzbuch XII und/oder II übernommen werden; außerdem bei Menschen, die sich in Heimen, Anstalten, Notübernachtungen, Asylen oder Frauenhäusern aufhalten.

Ebenso zählen Selbstzahler dazu, die in Billigpensionen leben, oder Menschen, die bei Verwandten, Freunden, Bekannten unterkommen, außerdem Menschen, die auf der Straße leben. Das sind laut BAG W um 18 000 Betroffene.

Aussiedler, die noch keinen Mietwohnraum finden konnten und in Unterkünften leben, gelten als Wohnungslose. Anerkannte Asylbewerber in Notunterkünften gelten zwar als wohnungslos, werden – wegen fehlender Daten – aber nicht berücksichtigt. Im Osten Deutschlands gibt es den Angaben zufolge 30 000 Wohnungslose, im Westen 214 000. 64 000 Wohnungslose sind weiblich, 162 000 männlich und 28 000 Kinder oder Jugendliche.

Die Pressesprecherin der BAG W, Werena Rosenke, sagte dazu: »Die Schätzung für 2006 ist unsere bislang aktuellste. Wir hoffen, bis November dieses Jahres eine neue Schätzung für 2007 und eventuell auch 2008 veröffentlichen zu können.« ND

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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