Ungewöhnliches stellt das Georg-Kolbe-Museum derzeit aus: Den gesamten früheren Atelierraum, lindgrün gestrichen, füllt eine Gesamtplastik. »Oase«, entstanden 2006 und schon vielerorts gezeigt, hat ihr Schöpfer Anton Henning sie genannt. Mit 322 x 900 x 600 Zentimetern Ausdehnung beeindruckt seine Mixed-Media-Installation und lädt zu einem ausgiebigen optischen Spaziergang.
Vorausgegangen ist der Installation ein »Interieur No. 342« bezeichnetes Ölgemälde aus dem selben Jahr, das in breiter Holzrahmung und mit eigener Beleuchtung den Teppich entwarf, auf dem nun die Einzelplastiken stehen. Er fügt sich aus farbigen Quadraten, stehenden oder liegenden Rechtecken. Was in Öl schlicht abstrakte Komposition ist, erhält in der Webausführung Räumlichkeit und flauschiges Relief. Über jenen geometrischen Rastern erheben sich auf hell furnierten Sockeln 21 Skulpturen aus Gips, Holz oder Bronze, die einen wundersam emporwuchernden Fantasiekanon bilden. Eine 10 Zentimeter dicke Plinthe entrückt die Installation der schmalen Umlauffläche des Betrachters. Der erlebt von jedem Standpunkt einen anderen Zusammenklang wie in einem arabischen Garten.
Da türmen sich auf einem Sockel, der nochmals auf weißem Podest thront, wie Kreisel die Teile einer wasserlosen Fontäne; da räufelt sich aus grün patiniertem Material die Büste eines gehörnten Tiers. Kuben mit bemalten Seiten, ob konzentrische Quadrate, Wolkenformationen oder Porträts, stehen graziös auf der Spitze und wirken dennoch austariert. Eine ebenfalls bemalte Kiste als höchsten Punkt überragt ein zerbeulter Regenbogen, der sich von Podest zu Podest wellt. Kugeln und Bälle balancieren luftig auf Streben, weiße Gestänge ringeln sich verschlungen.
Einzig Wasser als Naturelement taucht auf: Als rostige Bracke mit dem süffisanten Schild »Couture« darin steht es in einem abgewetzten, blau geblümten WC-Becken. Ein ornamentierter Couchtisch als Kunstobjekt schafft Wohnlichkeit, einigen leeren Podesten mag die eigene Fantasie eine Skulptur aufsetzen. Auch wenn Henning sagt, er wolle verunsichern, würde man gern in seiner gemütlich gedrängten Kunst-»Oase« Platz nehmen.
Zeigt das Kolbemuseum weitere seiner Plastiken – etwa einen auf hohem Podest ruhenden niedrigen Sessel, der seiner Sitzfunktion enthoben ist, mehrere »Interieur«- Bilder und einen Video-Loop zu selbst komponiertem Drehorgelwalzer – so nehmen besonders die 120 über zwei Wände dicht gehängten Handzeichnungen im Neubau für sich ein. Zwischen 1985 und 2009 sind sie entstanden und somit eine Werkschau des gebürtigen Berliners, Jahrgang 1964. Bei den Bratwürsten, die über geometrischen Mustern schweben, den Porträts, den abstrakten Konstruktionen, den handwerklich gediegenen Körperstudien besticht die künstlerisch dynamische Einflussnahme auf die Fläche.
Auf separater Wand hängt der 22 Blatt umfassende Zyklus »Matthäus Passion« von 2006. Comichaft witzig nähert sich Henning dem Sujet, zeichnet beinah krakelig in Tinte auf Papier. Den Hahn sieht man vor Judas’ Verrat auf dem Mist krähen, Kaiphas rät mit dem Kreuz in der Hand zu Geduld, in einer Wolke zittern des Volkes Rufe. Lediglich Schlagwörter, teils labyrinthisch angeordnet, tauchen auf, die entsprechenden, häufig dargestellten Bilder hat ohnehin jeder schon im Kopf. »Mein Jesu, Gute Nacht!« verabschiedet sich das letzte Blatt mit einem Irrgarten. Mehr Henning bietet unter dem Titel »Gegengift« zeitgleich eine Ausstellung im Haus am Waldsee.
Bis 15.11., Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg, Telefon 304 21 44, Infos unter www.georg-kolbe-museum.de
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