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Von Reinhard Renneberg, Hongkong 02.10.2009 / Natur & Wissenschaft
Biolumne

Lila Tomaten gegen Krebs

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Vignette: Chow Ming

Nach einem Bericht der Vereinten Nationen leidet etwa die Hälfte der Menschheit an Mangelernährung bei lebenswichtigen Spurenelementen und Vitaminen, obwohl diese Menschen ausreichend Kalorien zu sich nehmen. Biotechnologen arbeiten deshalb auf Hochtouren an neuen Nahrungsmitteln. So hat ein Schweizer Team um Ingo Potrykus den »Goldenen Reis« geschaffen, dessen hoher beta-Karotin-Anteil Erblindungen bei Millionen Menschen verhindern könnte. Die neue Richtung bei den Lebensmitteln heißt biofortified Food, übersetzt etwa als »bioangereicherte Nahrung« oder auch »biofunktionelle Lebensmittel«. Brauchen wir das? Viele Leute schon, denn Hand aufs Herz: Essen Sie, wie ärztlich empfohlen, fünfmal(!) am Tage Obst und Gemüse?

Cathie Martin, Genetikerin am John Innes Centre im britischen Norwich, entwickelte mit ihrer Gruppe gentechnisch eine Tomate, die weniger für Unterernährte als für Fehlernährte nützlich sein kann. Wie die Forscher in »Nature Biotechnology« berichten, übertrugen sie zwei Gene des Löwenmäulchens (Antirrhinum majalis), die für die Farbgebung der Blüten zuständig sind. Entscheidend sind dabei die Anthocyane. Diese blauroten Farbstoffe sind hochwirksame Antioxidanzien, sie verhindern die Bildung gefährlicher freier Radikale im Körper. Die neuen Tomaten haben eine schöne dunkel-lila Farbe. Insgesamt wurden sieben Löwenmäulchen-Enzyme in der Tomatenpflanze aktiv. Dazu kam noch ein Anthocyan-Transportmolekül, das die Farbstoffe in die Vakuolen der Pflanzenzellen bringt. Im Ergebnis enthalten die neuen Tomaten fast dreimal so viele »gesunde« Antioxidanzien wie die Originale.

Die Wirkung untersuchten die Forscher dann an Labormäusen, die besonders anfällig für bestimmte Krebsarten sind. Ein Drittel dieser Mäuse bekam normales Futter, das zweite Drittel normales Futter mit zehn Prozent »normalem« Tomatenextrakt. Für die dritte Gruppe kam der Extrakt aus den lila Tomaten. Während nun bei Gruppe eins und zwei kein Unterschied in der Lebensdauer auftrat, schenkte die lila Tomate ihren Essern 40 Tage Leben, das waren für die Versuchsmäuse 30 Prozent mehr als bei ihren Kolleginnen!

Gemach, gemach! Auch wenn das erste Untersuchungsergebnis vielversprechend wirkt, muss erst ermittelt werden, wie die lebensverlängernde Wirkung zustande kommt. Die Forscher: »Vermutlich ist die Wirkung nicht komplett auf die Antioxidanzien zurückzuführen. Erst wenn der Wirkmechanismus geklärt ist und giftige Nebenwirkungen ausgeschlossen werden können, kann dieses funktionelle Lebensmittel am Menschen erprobt werden.« Als nächstes werde daher die Wirkung der Purpur-Tomaten auf verschiedene Tumorarten erforscht.

Anthocyane sind natürliche Farbstoffe, die in besonders großen Mengen in dunklen Beeren, wie Brom- und Heidelbeeren, vorkommen. Es gibt schon lange Hinweise darauf, dass diese Farbstoffe gewissen Krebsarten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Alterserscheinungen, Übergewicht und Diabetes vorbeugen. Außerdem sollen Anthocyane entzündungshemmend wirken und das Sehen verbessern.

Was sagen nun die Gegner der lila Tomaten? Erst einmal werden die neuen Früchte wie der »Gen-Mais« über den Namen als »Genfood« disqualifiziert. Und: Man kann ja statt der Gen-Tomaten auch anthocyanhaltige Beeren essen, zum Beispiel Heidelbeeren! Goldrichtig! Aber auch realistisch, wenn man an das Budget von Hartz-IV-Empfängern denkt?

Ein wenig erinnert mich das, mit Verlaub, an die erstaunte Frage der französischen Königin Marie- Antoinette: »Wenn das Volk kein Brot hat, wieso isst es dann keinen Kuchen?« Der 1755 im kuchenbegeisterten Wien geborenen Marie-Antoinette könnte ich die Ignoranz im nachhinein leichter verzeihen …

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1 Kommentar zu diesem Artikel

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  • MurxPickwick, 03. Aug 2010 17:00

    Hartz IV und die Sinnigkeit teurer lila Tomaten ...

    Hartz IV Empfänger zeichnen sich doch gerade dadurch aus, daß sie viel Zeit haben ... also können sie sich den Luxus leisten, Wildobst zu essen - kostet nix und enthält viele, viele Anthocyane und diverse weitere sekundäre Pflanzenstoffe, welche teuer gekaufte Tomaten nicht enthalten ... auch nicht die lilanen Tomaten!
    Brombeeren und Himbeeren, Schlehen, Weißdorn, Quitten und Hagebutten finden sich in so ziemlich jeder Stadt und überall auf dem Land, selbst Heidelbeeren und Preiselbeeren finden sich in vielen Gegenden Deutschlands ... kostenlos und gesund!
    Wozu also Geld für Genfood-Tomaten ausgeben?

    Auch mit dem goldenen Reis ist ein einziger Witz ... weshalb soll ich goldenen, geschälten und vor allem teuren Reis essen, wenn ich die gleichen Beta-Carotine auch im Wildobst und Wildsalaten habe?

    Für Hartz IV Empfänger ist das sogar eine sehr gute Beschäftigung, um nicht endgültig in der Tristness der Arbeitslosigkeit zu versumpfen ... man ist an der frischen Luft, trifft nette Menschen und beschäftigt sich ganz automatisch weiter mit seiner Umwelt, was Depressionen stark entgegenwirkt.

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