Von Johnny Norden
02.10.2009

Ein General, vom Volk geliebt

Vor 35 Jahren wurde General Carlos Prats, Allendes treuer Gefährte, ermordet

Am späten Vormittag des 30. September 1974 zerriss eine Explosion die beschauliche Stille von Carmelita, einem Vorort von Buenos Aires. Eine ferngezündete Bombe hatte das Auto von Carlos Prats zerfetzt. Er und seine Frau waren sofort tot. Schnell wurde klar: dies war ein Racheakt des chilenischen Diktators Augusto Pinochet an einem seiner ärgsten Feinde. Prats hatte sich unmittelbar nach dem faschistischen Staatsstreich im September 1973 nach Argentinien ins Exil begeben. Er glaubte, damit vor dem Pinochetregime in Sicherheit zu sein. Ein Trugschluss. Prats hatte mehrere Warnungen erhalten. Und die DDR hatte bereits über das Ministerium für Staatssicherheit eine Aktion zur Ausschleusung des Ehepaares aus Argentinien vorbereitet. Der Anschlag war einige wenige Stunden zu früh erfolgt.

Prats galt in den 60er Jahren als einer der fähigsten Offiziere Chiles. Seine brillante Karriere gipfelte 1970 in der Ernennung zum Oberbefehlshaber der Armee. Vorbehaltlos stellte sich Prats hinter den gerade erst gewählten Präsidenten Salvador Allende und das Programm der Unidad Popular, welches eine radikale Umverteilung der ökonomischen und politischen Macht zu Gunsten der Besitzlosen vorsah. In den folgenden drei Jahren entwickelte er sich zum stärksten Rückhalt Allendes. Mehrfach berief der Präsident ihn zum Minister, 1972 sogar zum Vizepräsidenten. Damit wurde Prats zur Zielscheibe der Reaktion. Sie erkannte in ihm das entscheidende Hindernis für den Sturz der revolutionären Regierung.

Prats gehört zu den in der Geschichte seltenen hochrangigen Offizieren eines alten Regimes, die sich in gesellschaftlichen Umbruchzeiten selbstlos an die Seite des Volkes stellen. Mit ihren militärischen Kenntnissen und ihrer Kommandogewalt können sie entscheidend für den Sieg einer Revolution sein. Lateinamerika kennt solche Beispiele: den mexikanischen General Lazaro Cardenas, der später sogar Präsident des Landes wurde, den dominikanischen Oberst Francisco Camaño, den Brasilianer Luis Carlos Prestes und heute Hugo Chávez in Venezuela. All diese Männer waren getrieben von der Sorge um das Wohl ihres Volkes. Wie Prats waren sie fähig und mutig genug, mit dem militärischen Kastendenken zu brechen und sich auf die Seite der Revolution gegen die herrschenden Klassen zu stellen.

Das von Prats hinterlassene Tagebuch aus dem dramatische Jahr 1973 lässt erkennen, wie wenig er – im Gegensatz zu Allende – der Loyalität von Pinochet und anderen Generalen traute. Er wusste aber auch, dass er sich auf Offizierskameraden stützen konnte, die ähnlich dachten. Und er kritisierte die passive Haltung der Volksregierung. Am 1. Juli 1973 – zehn Wochen vor dem Staatsstreich – schrieb Prats: »Nur ein breites Bündnis der Streitkräfte mit der Volksbewegung kann den Frieden im Land sichern. Nur mit entschiedenem Vorgehen werden wir den Fortschritt unserer Heimat gewährleisten. Wer aus den Reihen der Regierung das nicht ver-steht, ist selbstmörderisch veranlagt, ist blind.«

Die Reaktion hatte Hassdemonstrationen vor seinem Haus organisiert. Weder die Kommunisten noch die Sozialisten – die beiden Massenparteien der Unidad Popular – standen Prats zu Seite. Schließlich sah dieser keine andere Möglichkeit mehr, als zurückzutreten. Die Bewohner der Elendsviertel Santiagos besuchten ihn auch weiterhin regelmäßig und redeten ihn mit der Ehrenbezeugung »General des Volkes« an.

Prats' Mörder haben bisher keinen Richter gefunden. Die Täter sind bekannt: Es waren chilenische Geheimdienstmitarbeiter in Kooperation mit der argentinischen Terrororganisation »Triple A« unter Leitung des ehemaligen CIA- Agenten Michael Townley. Auch die Befehlskette ist seit Langem offengelegt. Pinochet persönlich hatte dem Geheimdienstchef Contreras den Mordauftrag erteilt.

Es sollte Pinochet postume »Strafe« ereilen. Nach seinem Tod 2006 hatten dessen Anhänger eine öffentliche Aufbahrung organisiert und sich von ihrem »Führer« mit dem Hitlergruß verabschiedet. Als die Zeremonie ihren Höhepunkt erreichte, trat der Enkel von Carlos Prats an den Sarg. Er wünschte dem Mörder seines Großvaters eine schnelle Fahrt in die Hölle und spukte der Leiche ins Gesicht.

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