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Von Irene Constantin
05.10.2009

Schwan, Wahn

Start« steht auf dem Programmheft. Sonst nichts. Dessau hat mit André Bücker aus Halberstadt einen neuen Intendanten, ein neues Tanztheater, und es hat nach dem dominierenden Johannes Felsenstein eine neue Chefregisseurin. Mit »Lohengrin«, ihrer dritten Opernregie, gab die vom Schauspiel kommende Andrea Moses ihren Einstand.

Die erste Probe in Wagners romantischstem Musikdrama müssen allerdings Dirigent und Violinen im Orchestergraben bestehen. Achtfach geteilt beginnen sie mit sphärischen Klängen – Montsalvat, heiliger Gral – die Ouvertüre. Und siehe, Anthony Hermus, der natürlich auch neue Orchesterchef, hatte die richtige Hand, den Geigern die nötige Sicherheit zu geben.

Auf der Bühne dösen derweil die Brabanter Volksvertreter vor sich hin. Als es jedoch losgeht mit dem Auftritt des Königs, kommt Spannung in die Menge. Noch spannender wird es mit dem angekündigten Gerichtstag. Freund Telramund mit blondem Extraklasse-Weib Ortrud klagt die leicht Pillen-beschackerte Tussi Elsa des Brudermordes an. Das wäre nichts weiter, aber Elsa ist Erbin von Land und Leuten. Elsa ist Brabant. Der König, stimmmächtig Pavel Shmulevich, hat vorgesorgt. Ein paar Worte ins Handy, Hostessen entern das Parlament, verteilen Broschüren mit Schwanensignet.

Auf der Videowand leuchtet ein weiterer Schwan auf, und dann kommt ER. Schön, strahlend wie ein Bollywood-Star und geheimnisumwoben, wie es sich für jeden evangelikalen Sektenführer gehört. Nie sollst du mich befragen. Alles liegt ihm zu Füßen, Elsa hängt an seinem Hals, alles singt die Verse aus der Schwanenbibel, Telramund wird erledigt, Konfetti, Luftballons, Vorhang, das Publikum ist platt. So hat man sich seinen blausilbernen Ritter nicht erwartet.

Die Demontage des sich willig und unverfroren dem Machtkalkül des Königs zur Verfügung stellenden Helden, die Desillusionierung Elsas, die sich endlich als instrumentalisiert begreift, der schmerzliche Triumph Ortruds, die sich als Einzige nicht einwickeln lässt vom Volksbesäufnis am Schwanenwahn und dafür mit dem Leben ihres Mannes bezahlt – das alles arbeitet Moses mit Kammerspielpräzision heraus. Zum Erstaunen, wie Sänger spielen können, wenn man es ihnen abverlangt – bewunderungswürdig wird es, kennt man die Mühen, die Wagner-Partien dazu der Stimme abverlangen.

Iordanka Derilova beherrscht die Riesenbühne. Die grazile Person gibt alles, um ihren Telramund von der Kapitulation vor dem Macht-Ideologie-Trust König/Lohengrin abzubringen, sich bei der Feindin Elsa einzuschmeicheln. Sie löst ihr Haar, zeigt Bein, beschwört, redet mit ihrer lodernden, strahlenden, schillernden und sanften Altstimme. Telramund, Ulf Paulsen eher markig als differenziert singend, tritt als Schwan auf, versucht Lohengrin mit Ballettschrittchen lächerlich zu machen.

Vorm Brautgemach, dritter Akt, gelingt Anthony Hermus ein Coup. So rasant, wie er die abgeleierte Hochzeitsschnulze vorbeirauschen lässt, hat man diese Vorspiel wohl noch nie gehört. Heiterkeit im Saal. Das von Christian Wiehle errichtete Hochzeitsbett im Wolkenstrom verdiente sie ebenfalls.

Der Lohengrin von Andrew Sritheran: als Typ blendend, mit vielen schönen Tönen, er bringt sich mit Anstand über die Riesenpartie. Bettine Kampp als Elsa: Mit anfangs glasheller Stimme und Mädchengebärde ringt sie sich zur Persönlichkeit durch.

Keine Romantik. Dafür diverse Buhs fürs Regieteam. Dabei blieb er unbeschädigt, Wagners Lohengrin, die Lichterscheinung bei den Menschen, wie eh und je an seiner eigenen Esoterik scheiternd.

Nächste Vorstellung: 22. 11.

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