Der Roman hat vierundsechzig Kapitel, ebenso viele, wie ein Schachbrett Felder hat«, erklärt der in Rom als Bibliothekar lebende Sizilianer Fabio Stassi. Sein Roman »Die letzte Partie« handelt – fiktional erweitert und zu einer eigenen Lebensgeschichte gerundet – vom Leben des kubanischen Weltmeisters Capablanca und der Rivalität zu seinem Gegenspieler, dem Russen Alexander Aljechin. Zwei Genies, die schon als Kinder im Vorlesealter Schach spielen lernten, im zaristischen Petersburg einander begegneten und um dieselbe Adlige wetteten – um sich dann noch mehrmals am Brett gegenüberzusitzen.
1927 entthronte Aljechin den bis dahin für kaum schlagbar gehaltenen Capablanca und verweigerte ihm seitdem jede Revanche. Mitten im Krieg, am 11. März 1941, fand dann ein Duell im spanischen Rio Preto zwischen Capablanca und einem US-amerikanischen Herausforderer statt. Der Gewinner sollte endgültig gegen Aljechin um die Weltmeisterschaft antreten. Capablanca wollte seine späte Chance bekommen. Aber das ist alles schon im Kopf von Fabio Stassi entstanden. Die offizielle Schachgeschichte liest sich anders.
Der Autor entlehnt dem wirklichen Leben Capablancas den Grundriss seiner Biografie, sein Genie und sein leidenschaftliches Verlangen nach Revanche. Aljechin ist fantasievoll verfremdet, seine Nähe zu den faschistischen Machthabern ist aber belegt. Stassi flicht auf mehreren zeitlichen Ebenen erfundene Anekdoten aus Kuba, aus dem vorrevolutionären Russland und aus New York in die Tatsachen und erzeugt mit dramaturgischer Finesse eine Atmosphäre von Spannung und intelligenter Unterhaltung. Er erzählt elegant und nimmt empathisch Anteil an der Monomanie seines Helden.
Ein Glanzstück des Romans ist der Schlagabtausch zwischen Capablanca und seiner Mutter, die immer gegen sein Schachspiel war. Er endet mit einem alles sagenden Wortwechsel: »Ich habe nun mal einen schlechten Charakter, Mama.« – »Ja, und den hast du wahrscheinlich von mir.«
Hinreißend ist auch der längere Dialog, den der kubanische Diplomat, der Capablanca in Anerkennung seiner internationalen Ausstrahlung inzwischen ebenfalls geworden war, mit einer Georgierin namens Olga führt. Nach drei, vier Seiten ist aus der schönen Frau, die lediglich ein Visum für eine Freundin beantragen wollte, die Geliebte und spätere Ehefrau des Schachspielers geworden. So kultiviert können ein gepflegter Mann und eine selbstbewusste Frau in ihre gemeinsame Zukunft starten!
Der Roman bietet beste Unterhaltung auf hohem Niveau und endet ein wenig traurig mit den zwei toten Gegenspielern.
Fabio Stassi: Die letzte Partie. Roman. Aus dem Italienischen von Monika Köpfer. Kein & Aber. 236 S., geb., 19,90 €.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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