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Konfrontiert mit Protest: Betriebsbesuch von Egon Krenz beim VEB Bergmann-Borsig in Berlin, 22. November 1989
Foto: ND-Archiv
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ND: Vor 20 Jahren wurden Sie zur Hauptperson beim Wechsel an der Spitze von SED und DDR. Ist das noch oft Gesprächsthema für Sie?
Krenz: Bei meinen Begegnungen unterwegs spüre ich, dass sich das Interesse daran, was damals mit Honecker, mir und anderen aus dem Politbüro war, inzwischen in Grenzen hält. Die meisten meiner Gesprächspartner fragen sich, ob sie mit dem Untergang der DDR mehr gewonnen als verloren haben. Ob die DDR besser war, als ihr heute nachgesagt wird, und die Bundesrepublik das hält, was ihre führenden Köpfe über sie behaupten. Und vor allem, was getan werden sollte, damit wir auf bestimmten Gebieten erreichen, was DDR-Bürger schon einmal hatten: in der Bildung und Ausbildung, bei der Arbeitsplatzsicherung, sozialen Sicherheit und Demokratie am Arbeitsplatz. Da Sie mich als Zeitzeugen für den Wechsel an der DDR-Spitze befragen, verstehe ich, dass Sie auf damalige Details Wert legen.
So ist es. Wann reifte die Absicht, Erich Honecker abzulösen?
Sie reifte in dem Maße, wie erkennbar wurde, dass Honecker den drängenden Problemen nicht mehr gewachsen war. Dass wir der Meinung waren, die entstandene Krise in der DDR ließe sich durch einen Personalwechsel lösen, steht auf einem anderen Blatt. Schon 1986 informierte mich Willi Stoph, dass er zur Vorbereitung eines Besuchs von Gorbatschow eine Analyse über die Lage in der DDR nach Moskau gegeben habe. Stoph sprach von der Gefahr, dass die DDR in Abhängigkeit zur BRD geraten könne, wenn sie sich von der UdSSR abkopple. Die Schuld dafür gab er Erich Honecker und Günter Mittag, die der Kohl-Regierung unnötige Zugeständnisse machen würden. In diesem Spannungsfeld zwischen Moskau und Bonn mussten wir aufpassen, dass wir nicht zerrieben würden.
Wie war Ihre Haltung dazu?
Dieses Problem bedrückte auch mich. Einerseits war ich Honecker gegenüber immer loyal, andererseits war mir klar, dass die DDR nur an der Seite der Sowjetunion eine Perspektive haben würde. Und das bedeutete auch: Schulterschluss mit Gorbatschow. In den folgenden Jahren habe ich darüber wiederholt mit Willi Stoph und anderen gesprochen. Entschlossen zum Handeln haben wir uns aber erst am 12. Oktober 1989.
Das war nach einer Versammlung des Politbüros mit den SED-Bezirkssekretären?
Die Beratung fand einen Tag nach einer zweitägigen Diskussion im Politbüro statt. Dazu hatte ich eine Erklärung zur aktuellen Lage der DDR vorgelegt. Sie sollte die Sprachlosigkeit der DDR-Führung beenden. In ihr ging es um so wichtige Fragen wie den Dialog mit allen Bürgern, die Mitarbeit der Bevölkerung, ein besseres Warenangebot, leistungsgerechte Bezahlung, lebensverbundene Medien und Reisefreiheit. Mit dieser Erklärung wurde die unsägliche Formulierung zurückgenommen, dass man denjenigen, die die DDR verlassen hatten, keine Träne nachweinen solle.
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Sechs Wochen im Herbst 1989, in denen die Politprominenz West sich darin gefiel, beim neuen Staatschef der DDR vorstellig zu werden (v.o.): Rudolf Seiters (CDU),
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Auf der Beratung legte der Potsdamer Bezirkssekretär Günther Jahn Erich Honecker einen »würdigen Übergang« nahe. War dieser Vorstoß zuvor in einem konspirativen Kreis abgesprochen worden?
Nein. Das war kein Putsch, wenn Sie darauf hinaus wollen. Bevor ich mich für seine Absetzung einsetzte, habe ich Honecker am 9. Oktober meine Haltung deutlich gemacht, dass es so wie bisher nicht weiter- gehen könne. Er war mit meiner erwähnten Erklärung nicht einverstanden, wusste daher aber, wie ich dachte. Nach der Beratung einigte ich mich mit Willi Stoph, dass er am 17. Oktober im Politbüro den förmlichen Vorschlag unterbreiten werde, Erich Honecker von seinen Funktionen abzulösen.
Warum raffte man sich erst so spät zum Handeln auf? Gab es zuvor keine Debatten?
Leider nicht in den gewählten Führungsgremien. Auf der Sitzung des Zentralkomitees am 18. Oktober, auf der ich gewählt wurde, hielt Professor Moritz Mebel eine ergreifende Rede. Er habe gegen den Faschismus gekämpft, war bereit, sein Leben zu geben. Und ausgerechnet im Zentralkomitee habe er seine Meinung nicht gesagt. Damit beschrieb er treffend die Atmosphäre im Führungsgremium der Partei.
Sie erwähnten Ihr enges Vertrauensverhältnis zu Honecker. Als er im Sommer 1989 seine Gallenoperation hatte, übertrug er Günter Mittag, dem ZK-Sekretär für Wirtschaftsfragen, die Amtsgeschäfte, nicht Ihnen. Sie galten doch als Honeckers Kronprinz?
Die Bezeichnung »Kronprinz« kam aus dem Westen. Im Politbüro hat dies nie eine Rolle gespielt. Auch die Einteilung der SED-Funktionäre in »Hoffnungsträger« und »Hardliner« war mir fremd.
Letzteres haftete auch Ihnen an. Mit Ihrer als Befürwortung verstandenen Äußerung zum Blutbad auf dem Tian'anmen-Platz in Peking hatten Sie sich als Verfechter eines harten Kurses gezeigt.
Meine Äußerungen stehen in einem anderen Zusammenhang. Ich war im Juni 1989 im Saarland, nahm dort an einem Seminar über europäische Sicherheit mit dem Parteivorstand der SPD teil. Dort antwortete ich sinngemäß auf die Frage eines Journalisten: Wenn in China ein Bürgerkrieg ausbricht, ist das für die ganze Welt gefährlich. Wenige Wochen danach las ich einen Bericht der Ständigen Vertretung der BRD in Berlin an die Bundesregierung, der uns zugespielt worden war. Darin wurde die Sprachregelung über mich vorgegeben: Krenz, so hieß es, werde nicht davor zurückschrecken, Gewalt gegen das eigene Volk einzusetzen. Angst sollte verbreitet werden. Eine Bundesministerin der Schröder-Regierung behauptete später sogar, ich hätte der Opposition mit dem Platz des Himmlischen Friedens gedroht. Eine Kammer des Landgerichtes Hannover hat ihr bei Androhung einer hohen Strafe verboten, diese mich diskriminierende Äußerung zu wiederholen, weil sie eindeutig falsch war.
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Johannes Rau (SPD),
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Offensichtlich passt manchen Leuten bis heute nicht, dass es die Schutz- und Sicherheitsorgane der DDR waren, die letztlich dafür sorgten, dass es im Herbst 89 keine Gewalt gab.
Ab wann war Ihr Verhältnis zu Honecker gestört?
Es begann Ende 1985, im August 1989 aber spitzte es sich zu. Als er aus seinem Urlaub zurückkam, legte ich ihm eine Analyse über die Gründe vor, warum so viele Menschen die DDR verlassen. Darüber gab es eine heftige Kontroverse. Während Honecker die Ursachen außerhalb der DDR sah, meinte ich, sie auch im Innern der DDR suchen zu müssen. Der Generalsekretär verschloss die Analyse in seinem Panzerschrank und verabschiedete mich in den Urlaub.
Den Sie auch antraten?
Ich wehrte mich. Honecker ließ aber durch das Politbüro beschließen, dass ich in Urlaub zu gehen habe.
Waren Sie gekränkt?
Gekränkt ist nicht der richtige Ausdruck. Ich ärgerte mich, dass ich in einer so komplizierten Zeit nicht auf meinem Posten sein würde. Mein Unmut richtete sich vor allem gegen mich selbst, dass ich mich habe wegschicken lassen.
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Wolfgang Mischnik (FDP).
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Kürzlich ging die Meldung durch die Presse, dass Honecker auf Wunsch von Moskau schon 1987 gestürzt werden sollte. Damals habe es in Dresden ein Geheimtreffen von KGB-Chef Krjutschkow mit SED-Bezirkssekretär Hans Modrow sowie mit Markus Wolf gegeben. Trifft es zu, dass Modrow der Wunschkandidat Gorbatschows für die Nachfolge Honeckers war?
Das sind nachträgliche Spekulationen, die am Gang der Ereignisse nichts ändern. Was die Meldung betrifft, so stimmen die Fakten nicht. Markus Wolf war schon 1986 aus dem MfS ausgeschieden. Nicht Wolf, sondern sein Nachfolger Werner Großmann begleitete Krjutschkow – damals noch KGB-Vize – nach Dresden. Krjutschkow sprach auch nicht mit Modrow, sondern mit dem 2. Sekretär der Bezirksleitung sowie mit Manfred von Ardenne, der zehn Jahre als Atomphysiker in der Sowjetunion gearbeitet hatte.
Also Radio Jerewan?
Im Prinzip Ja. Dem weltbekannten Wissenschaftler ging es in erster Linie um Veränderungen in der DDR-Wirtschaft. Wohl deshalb hat er Krjutschkow auch über einen Kontakt mit mir informiert, der mich wenig später am Rande einer Volkskammersitzung in gewisse Erklärungsnot bringen sollte.
Wie das?
Ich stand mit Manfred von Ardenne seit 1985 im Briefwechsel. Er übermittelte mir seine Gedanken über die Verbindung von sozialistischer Planwirtschaft und Marktwirtschaft. Als ich in einer Pause während der Volkskammersitzung gerade mit Erich Honecker und Günter Mittag zusammen stand, kam Professor von Ardenne, der auch Volkskammerabgeordneter war, auf mich zu und sagte: »Herr Krjutschkow hat sich nach Ihnen erkundigt …«
Honecker und Mittag dürften die Ohren gespitzt haben. Aber richtig ist, dass Moskau schon früher eine Ablösung Honeckers an der Partei- und Staatsspitze wollte?
Fast alle KPdSU-Führungen waren misstrauisch. Sie fürchteten, dass die DDR hinter ihrem Rücken mit der BRD kungeln könnte. Meines Wissens war dieser Argwohn unbegründet. Auf der anderen Seite war mir aber auch klar, dass es legitim war, wenn die Sowjetunion als Großmacht eigene nationale Interessen verfolgte. Hätten wir uns dies stärker bewusst gemacht, wäre wahrscheinlich manches Missverständnis ausgeblieben.
Das erwähnte Treffen im Frühjahr 1987 fand ein halbes Jahr vor seiner Reise nach Bonn statt.
So ist es, aber Honeckers Verhalten gegenüber der BRD stand lange vorher in sowjetischer Kritik. Die Protokolle der jährlichen Treffen von Breschnew und Honecker auf der Krim geben darüber Auskunft. 1984 wurde ich selbst Zeuge der sowjetischen Unzufriedenheit mit uns. Honecker hatte die Raketen in Ost und West als »Teufelszeug« bezeichnet, das weg müsse von deutschem Boden. Darin sahen die sowjetischen Verbündeten ein Abgehen von der gemeinsamen Politik. Als ich im Juli 1984 mit Honecker zu einer Beratung in Moskau war, sprach mich Ustinow, Marschall der UdSSR, an. Er sagte: »Sehen Sie, der Sie der Jüngste in Ihrem Politbüro sind, denn nicht, dass Ihr Generalsekretär ungerechtfertigte Zugeständnisse an Westdeutschland macht?« Das war zu gut deutsch eine Aufforderung, die Auseinandersetzung mit Honecker zu beginnen. Ich verteidigte ihn damals und sagte, dafür gäbe es keine Mehrheit.
Sie meinen, Honecker wurde vor Gorbatschows Antritt wegen einer Verständigungspolitik angegriffen, die Moskau später selbst betrieb?
Als Moskau 1982/83 die Abrüstungsgespräche verließ, hat Honecker für eine paktübergreifende »Koalition der Vernunft« geworben. Diese Linie wurde durch die Warschauer Vertragstaaten erst im Herbst 1985 gebilligt. Bis dahin stand das politische Schicksal Honeckers in Moskau zur Disposition. Er hat damals viel riskiert und auch viel erreicht. Gorbatschow stand schon damals gegen Honecker. Im Sommer 1984 veröffentlichte die »Prawda« zwei grundsätzliche Artikel über das Verhältnis DDR/BRD. Darin wurde die DDR-Politik gegenüber Bonn erstmals öffentlich angegriffen. Honecker bestand auf einer Aussprache in Moskau. Er, Günter Mittag und ich redigierten die Endfassung seiner Ausführungen, die er in Moskau zu machen gedachte. Plötzlich sagte er: »Eigentlich wollte ich ja mit euch beiden nach Moskau fahren, aber ich werde besser Hermann Axen, Kurt Hager und Erich Mielke mitnehmen. Die haben schon im Kampf gegen den Faschismus ihre Standhaftigkeit bewiesen. Denen kann man in Moskau nicht vorhalten, sie würden vor der BRD kapitulieren. Und falls ich nicht zurückkomme, müsst ihr beide eben hier die Arbeit machen.« Letzteres habe ich damals als Scherz empfunden.
Es waren doch nicht mehr die 30er oder 50er Jahre, wo unliebsame KP-Führer in sibirischen Weiten »verschwanden« oder in Schauprozessen verurteilt wurden.
Honecker wollte uns mit seiner Bemerkung bewusst machen, wie ernst die Lage war. Generalsekretär Tschernenko hielt dann auch eine messerscharfe Rede. Er attackierte den geplanten Staatsbesuch in der Bundesrepublik, unsere Haltung in der Raketenfrage und die Wirtschaftsbeziehungen zum Westen. Der erste Mann der DDR, der überzeugte Kommunist Honecker, wurde wie ein Renegat behandelt. Honecker hoffte in diesem Moment auf Beistand durch Gorbatschow, dem damals zweiten Mann hinter Tschernenko. Doch dieser zitierte stattdessen den Chefredakteur der »Bild«-Zeitung, der in einem Kommentar gesagt hatte, die deutsche Frage sei offen. »Und mit solchen Leuten, Genosse Honecker, müssten Sie bei Ihrem Besuch in Bonn reden«, erklärte Gorbatschow vorwurfsvoll. Das war unterste Schublade – können Sie sich vorstellen, welche Folgen das für die späteren persönlichen Beziehungen der beiden hatte?
Moskau sagte mehrmals Njet zu seinen Reisewünschen.
Das erste Mal verhinderte Franz Josef Strauß die Reise. Er nahm den tragischen Tod eines Bundesbürgers an der DDR-Grenze zum Anlass, der DDR Mord zu unterstellen. Daraufhin sagte Honecker: Unter solchen Umständen reise ich nicht. Strauß hat sich später bei Honecker für seine Entgleisung entschuldigt. Dann sollte der Besuch 1984 erfolgen. Er wurde abgesagt, weil Moskau ein Veto einlegte. So war es auch 1985. Gorbatschow kritisierte Honecker dafür, dass dieser am Rande der Trauerfeierlichkeiten für Tschernenko mit Helmut Kohl konferiert hatte. Im Jahr darauf fragte Gorbatschow während einer Sitzung mit dem SED-Politbüro, was er wohl seinem Volk sagen solle, wenn Honecker in die Bundesrepublik fährt und er nicht. Honecker entgegnete: »Und was sage ich unserem Volk, wenn ich nicht in die Bundesrepublik fahre?« Der Besuch fand schließlich 1987 statt, ohne Gorbatschow vorher zu fragen. Danach begann das doppelte Spiel Gorbatschows mit der DDR. Wie seinem neuen Buch zu entnehmen ist, will Gorbatschow damals gesagt haben: »Wir dürfen Honecker nicht allein die BRD überlassen.«
In seiner saarländischen Heimat erklärte Honecker, es werde der Tag kommen, an dem der Reiseverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten so einfach sei wie zwischen der DDR und Polen oder der CSSR.
Ja, er hatte es kaum gesagt, da meldete sich der sowjetische Botschafter und fragte mich im Auftrag seines Chefs, wie das zu verstehen sei. Die Äußerungen wären nicht mit Moskau abgestimmt. Die Differenzen zwischen Honecker und Gorbatschow resultierten nicht in erster Linie, wie meist behauptet wird, aus der Perestroika- und der Glasnost-Politik des KPdSU-Generalsekretärs. Für 1988/89 mag das zutreffen. Doch die Wurzeln der Meinungsverschiedenheiten liegen darin, dass Gorbatschow die flexible Politik der DDR gegenüber Bonn nicht wollte. Manchmal waren die Rollen vertauscht: Es war nicht immer so, wie es heute heißt, dass in Berlin der notorische Dogmatiker saß und in Moskau der stürmische Reformer.
Gab es in den Jahren vor 1989 eine verpasste Chance für eine innere Reform der DDR?
Ich weiß es nicht. Ich suche selbst noch nach Erklärungen. Ulbrichts Bemühungen um ein neues System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft wurde ja abrupt abgebrochen. Das Schicksal der DDR war immer mit dem der Sowjetunion verbunden. Die DDR ist als Teil eines Ganzen untergegangen. Wer meint, die DDR hätte nur der Perestroika folgen sollen, übersieht, dass Gorbatschow mit dieser Politik im eigenen Land gescheitert ist. Das Resultat war der Untergang der Sowjetunion, die Präsident Putin später als globalpolitische Katastrophe bezeichnete. Was soll daran für andere Staaten beispielgebend gewesen sein? Die Zuspitzung der Situation im Herbst 1989 hatte viele Ursachen. Nicht alle liegen in der DDR.
In Ihrem neu herausgegebenen Buch »Herbst 89« verweisen Sie auf Rosa Luxemburgs Kritik am bolschewistischen Parteityp und schreiben, dass sich die SED-Führung damit nie ernsthaft auseinandergesetzt habe. Warum nicht?
Wir waren ab einem gewissen Zeitpunkt hochmütig geworden. Wir waren überzeugt, der Sozialismus werde gesetzmäßig siegen. Wir übersahen, dass wir das den sozialistischen Staaten aufgezwungene Wettrüsten auch verlieren könnten. Wir beachteten nicht, dass für einen Sieg über das andere System eine höhere Arbeitsproduktivität notwendig gewesen wäre. Und es ist uns leider nicht gelungen, die tatsächlichen ökonomischen und sozialen Errungenschaften der DDR so bewusst zu machen, dass sie jede und jeder Einzelne auch als individuellen und gesellschaftlichen Forschritt für sich begriff.
Hätten sich beispielsweise die DDR-Bürger wirklich als Eigentümer der Volkseigenen Betriebe gefühlt, dann hätten sie diese sicher nach 1990 vor den Zugriffen der Treuhand bewahrt.
Nach Ihrem Amtsantritt hielten Sie eine Ansprache im Fernsehen, die mit »Liebe Genossinnen und Genossen« begann. Selbst dort vermittelten Sie noch das Gefühl, die Bevölkerung gehöre der SED.
Ich weiß nicht, wie Sie darauf kommen, ich hätte glauben können, die Bevölkerung gehöre der SED. Die Rede war der damaligen hektischen Situation geschuldet. Ich musste viel Energie aufbringen, um die Personalfragen zu lösen und hatte kaum Zeit, mich inhaltlich auf meine Funktionen einzustellen. Aber keine Frage: Mit ihr begann ein Fehlstart.
Gehörte zum Fehlstart auch, alle drei Ämter Honeckers zu übernehmen: Generalsekretär der SED, Vorsitzender des Staatsrates und des Nationalen Verteidigungsrates? Es klang als Signal, dass sich wohl nicht viel ändern wird.
Ich weiß, dass dies viele so gesehen haben. Mir war aber spätestens im Zusammenhang mit der Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig klar, wie wichtig es in dieser kritischen Zeit war, dass politische, staatliche und militärische Verantwortung in einer Hand liegen. Für strukturelle Veränderungen, so dachte ich, würde es noch Zeit geben.
Bei Ihrer Antrittsrede im ZK benutzten Sie den Begriff »Wende«. Gauck und Eppelmann halten genau deswegen dieses Wort für den Herbst 89 für ungeeignet.
Ich wollte eine Wende in Richtung einer veränderten DDR. Mir ging es darum, das verloren gegangene Vertrauen der Bürger wieder zu gewinnen, die Krise, in der die DDR steckte, zu überwinden, ohne die DDR aufzugeben. Dass dies nicht gelang, schmerzt mich bis zu meinem Lebensende. Ich habe den Eindruck, Gauck und Eppelmann erinnern sich nicht mehr genau, was die Demonstranten damals tatsächlich wollten. Weder am 9. Oktober noch am 4. November waren Forderungen nach Abschaffung der DDR zu hören. Am 9. Oktober waren in Leipzig 70 000 Menschen auf der Straße. Die Mehrheit von ihnen fand sich bald auf den Arbeitsämtern wieder. Das hat wohl niemand von ihnen gewollt. Und die große Reiselust der DDR-Bürger nach dem 9. November war auch kein Blankoscheck für die Zustimmung zur politischen Ordnung der Bundesrepublik. Noch im Oktober 1989 hatte Herr Eppelmann in einem Brief an mich bekundet, es ginge auch ihm »um Demokratie und Sozialismus in unserem Lande«. Da Gauck und Eppelmann inzwischen etwas ganz anderes tun, haben sie ihre Probleme mit dem Wendebegriff. Ich kann verstehen, dass sie mit mir nicht einmal Begriffe teilen wollen. Ich aber auch nicht mit ihnen.
Fühlten Sie sich von der Wende eingeholt, als die Parteibasis am 2. Dezember vor dem ZK-Gebäude gegen Sie demonstrierte?
Dem 2. Dezember ging viel Unehrlichkeit in den eigenen Reihen voraus. Erst über Medien der alten Bundesrepublik erfuhr ich, dass Roland Claus, SED-Bezirkssekretär von Halle, mich öffentlich aufgefordert hatte, von meinen Funktionen zurückzutreten. Derselbe, der sich später als Fraktionschef der PDS im Bundestag bei Präsident Bush dafür entschuldigte, dass Mitglieder seiner Fraktion mit einem Transparent gegen den Irakkrieg protestiert hatten. UdSSR-Botschafter Kotschemassow hatte mich schon im November vor »falschen Freunden« gewarnt. Ob er von der sogenannten »Lutsch-Gruppe« wusste, die als KGB-Gruppierung tätig war, um die »deutsche Perestroika« voranzubringen, weiß ich nicht.
Sie empfanden Ihren erzwungenen Rücktritt als Intrige?
Was heißt Intrige? Friedrich Engels schrieb in »Revolution und Konterevolution in Deutschland«, wer von Verrat spreche, müsse sich auch fragen, warum man sich verraten ließ. Ich hatte im Oktober 1989 die Illusion, dass wir mit der Ablösung Honeckers die Initiative zurückgewinnen könnten. Diejenigen, die den Parteiputsch am 3. Dezember initiierten, dachten vermutlich, ohne das ZK und ohne mich die Umgestaltung zu schaffen. Als ich im Januar 1990 von der PDS aus der SED ausgeschlossen wurde, geschah dies mit der Begründung, ich hätte es unterlassen, die DDR und die Partei zu erneuern. Ob all diejenigen, die nach mir kamen, in dieser Hinsicht erfolgreicher waren, ist keine theoretische Frage mehr: Nicht einmal ein Jahr später war die DDR verschwunden.
Wann war Ihnen klar, dass die DDR nicht mehr zu halten war?
Gorbatschow hatte mir Ende November 1989 mitteilen lassen, er wolle bei seinem Treffen mit Bush auf Malta den Kalten Krieg für beendet erklären. Da habe ich mir die Frage gestellt: Was wird aus der DDR? Sie war ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und des folgenden Kalten Krieges. Wenn eine Seite eine paritätisch geführte Auseinandersetzung für beendet erklärt, ist das eine politische Kapitulation. Die NATO steht heute an den Grenzen Russlands, während sich der Warschauer Vertrag aufgelöst hat. Die Welt und Deutschland sind weder sicherer noch gerechter geworden. Nachdem es die Sowjetunion nicht mehr gab, wurde auf dem Balkan geschossen. Und auch Deutschland führt wieder Krieg. Das wäre seinerzeit undenkbar gewesen. Es ist damit ein historisches Faktum: Die DDR ist der einzige deutsche Staat, der nie Kriege führte. Angesichts solcher Tatsachen halte ich es für einen Skandal, wie die Bundesrepublik mit der DDR-Geschichte umgeht. Kein Tag ohne Miesmache der DDR, das ist kein Weg, damit zusammenwächst, was nach Willy Brandt zusammengehört.
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