Thilo Sarrazins Thesen über »Kopftuchmädchen«, Vermüllung und den Lebensstil der sogenannten Unterschicht haben die Republik aufgewühlt. Diverse Umfragen belegen, dass die Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, der unter anderem Türken und Arabern eine mangelnde Integrationsbereitschaft vorwirft, von einer Mehrheit der Bundesbürger geteilt werden.
Verführerisch an Sarrazins Äußerungen ist, dass sie auf der Erscheinungsebene Probleme benennen, die tatsächlich existieren. Natürlich kann man konstatieren, dass 50 Jahre nach den ersten Anwerbeabkommen für sogenannte Gastarbeiter die Integration vieler Einwanderer nicht geglückt ist. Wer als Lehrer, Sozialarbeiter oder Polizist in den »Problemquartieren« der Ballungsräume arbeitet, dem begegnen selbstverständlich all jene Probleme, die Sarrazin beschreibt. Inzwischen haben sich hier Teile der Unterschicht und der Migrantenpopulation ihr eigenes Wertesystem geschaffen. Religiöse Engstirnigkeit, extensiver Medien- und Drogenkonsum und ein eigenes Mode- und Schönheitsideal sind Ausdruck einer immer größer werdenden Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten. Und freilich lassen sich Familienbiografien aufzeigen, in denen Armut – auch Bildungsarmut – scheinbar naturwüchsig über mehrere Generationen »vererbt« wird. Ein weniger bedarfter Beobachter könnte daher durchaus den Eindruck gewinnen, es handele sich hier um ein genetisches Problem, das sich biologisch fortpflanzt.
Dies lenkt die Frage auf die Ursachen. Es ist festzustellen, dass der öffentliche Diskurs in Deutschland sich seit den siebziger Jahren von einer sozialökonomischen hin zu einer biologistischen Erklärung sozialer Phänomene verschoben hat. Mit dem Beginn der Massenarbeitslosigkeit Anfang der achtziger Jahre gab es noch zahlreiche Publikationen, die sich mit den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf Individuen beschäftigten. In Medienberichten wurde über den Verlust des Zeitgefühls und über die soziale Desintegration der Arbeitslosen berichtet. Solche Berichte sind weitestgehend verschwunden. Heute geht es nur noch um die Erscheinungsebene, über die zumeist in einer skandalisierenden Form berichtet wird, seien dies nun die unsäglichen Zustände an Hauptschulen oder die Tonnen von Müll, die grillende Migranten im Berliner Tiergarten zurücklassen. Dieser Diskurs zieht sich bis in die Linke. So war es Renate Künast, die vor Jahren die Fettleibigkeit von Unterschichtskindern anprangerte, und Harald Schmidt persiflierte den Diskurs über die gebärfreudige Unterschicht, indem er Karten für die Fußball-WM an Akademikerinnen auslobte, die eine Schwangerschaft nachweisen konnten.
All dies ist nicht neu. So gab es schon in den zwanziger Jahren eine vergleichbare Diskussion, die von den Nationalsozialisten freudig aufgenommen wurde und zum Kernprogramm ihrer Staatsideologie und Familienpolitik gemacht wurde. In den einschlägigen Publikationen dieser Zeit findet man genau die Argumentation wieder, die sich von Sarrazin über Ursula von der Leyen bis zu Renate Künast durchzieht, nämlich, dass die falschen Leute zu viele Kinder bekommen, dafür die richtigen zu wenig, dass das einfache Volk zu fett ist und dass der Untergang des Abendlands beschlossene Sache ist, wenn nicht schnell und durchgreifend gehandelt wird.
Auch die Sorge, dass andere Völker die »deutsche Lebensart« verdrängen, ist nicht neu. Staatsziel war und ist die »gesunde deutsche Familie«. Bestand die nach 1933 noch aus einer gebärfreudigen Mutter und einem wehrtüchtigen Familienvorstand, so ist das Ideal heute eher die deutsche Mittelschichtsfamilie. Hier aber treten die gesellschaftlichen Widersprüche klar zutage. Denn immer weniger Menschen sind heute in der Lage, diesem Bild zu entsprechen. Die von Harz IV Lebenden können eh nicht mithalten, denn ihnen fehlt es schlicht an Möglichkeiten, ihren Nachwuchs zum Nachhilfe-, Musik- und Reitunterricht zu schicken. Aber auch die schrumpfende Mittelschicht hat ihre Probleme. Nicht wenige Menschen aus dieser Schicht kämpfen damit, die Anforderungen, die das heutige Arbeitsleben an sie stellt, mit dem, was Beziehungs- und Familienarbeit bedeutet, unter einen Hut zu bringen. Die Soziologie konstatiert daher zunehmend auch eine »Wohlstandsverwahrlosung«.
All dies wird jedoch nicht benannt, denn es bedeutete aufzuzeigen, wie kapitalistisches Verwertungsinteresse zunehmend alle humanen Errungenschaften einzustampfen droht. Die Frage danach, warum eine Gesellschaft, die mit immer weniger Produktionskräften immer mehr Reichtum schafft, gleichzeitig solche materielle, kulturelle und geistige Ungerechtigkeit hervorbringt, wird nicht gestellt. Dabei kann jeder wissen, dass in Deutschland der Bildungserfolg eines Kindes wie in keinem anderen westlichen Land von der Bildung der Eltern abhängt.
Sarrazins Thesen schreiben die Ursachen all dieser Probleme den Symptomträgern selbst zu: Ihr seid nicht verwahrlost, weil ihr arbeitslos seid, sondern ihr seid arbeitslos, weil ihr verwahrlost seid. Kurt Becks Rat, sich doch mal zu rasieren, lässt grüßen.
All diese Diskussionen dienen dazu, die soziale Ungleichheit zu legitimieren und neue Kürzungen im sozialen Bereich vorzubereiten. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, und wer gar noch distanziert zum herrschenden System steht, erst recht nicht. Warum immer mehr Menschen sich auch vom sozialen, kulturellen und politischen System entfernen, wird nicht gefragt. Es geht darum, diese Bevölkerungsgruppe abzuhängen. Hierin zeigt sich die wahre Inhumanität. Die Herrschenden wissen längst, dass das untere Drittel der Gesellschaft ökonomisch nicht mehr gebraucht wird. Die Underdogs dienen höchstens noch dazu, den anderen zwei Dritteln vor Augen zu führen, wo man enden kann.
Brecht beschrieb in dem Stück »Flüchtlingsgespräche« einen Lehrer, der die Kinder »Reise nach Jerusalem« (Stuhltanz) spielen ließ. Das Kind, das am Ende keinen Stuhl fand, kriegte noch eine Ohrfeige vom Lehrer. Ungefähr so sieht die neue politische Didaktik für die Unterschicht aus.
Der Autor ist Lebenskundelehrer in Berlin-Neukölln.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
Preis: 11,95 €
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