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Von René Heilig 15.10.2009 / Titel

Deutschlands sibirische Atomkippe

27 300 Tonnen Nuklearmüll aus Nordrhein-Westfalen als »Wertstoff« in Russland endgelagert

Westeuropa entsorgt seinen Atommüll auf vielerlei Art. Nicht selten illegal. Während Italiens Öffentlichkeit gerade erst erfuhr, dass man dort die Mafia beauftragt hatte, im Mittelmeer komplette Schiffe mit Atommüll zu versenken, stehen nun Frankreich und Deutschland in der Kritik. Sie verschieben einen Gutteil ihres Strahlenmülls nach Sibirien.

Uranhexafluorid (UF6) ist eine leicht flüchtige, äußerst giftige, radioaktive und korrosive Verbindung aus Uran und Fluor, die in der Uran-Anreicherung eingesetzt wird. Sie verlangt also in jedem Fall eine besonders sichere Lagerung. Zumal dieses Uranhexafluorid bei Feuchtigkeit heftig reagiert.

Mangels heimischer Endlager und vermutlich weil die Methode Zusatzprofit versprach, hat man aus der Urananreicherungsanlage des Urenco-Konzerns im westfälischen Gronau seit 1996 etwa 27 300 Tonnen abgereichertes Uran – sogenannte Tails – nach Russland transportiert. Allein in diesem Jahr wurden nach ND-Erkenntnissen zwei Ladungen gen Osten geschickt. Im März wurde ein Schiff in Rotterdam mit 1250 Tonnen Uranhexafluorid beladen und Richtung Sankt Petersburg geschickt. Eine weitere Lieferung ging am 26. August auf die Reise. Auf Eisenbahnwaggons umgeladen, fuhr man den Atomabfall 4000 Kilometer in Landesinnere.

In Sibirien soll die als »Wertstoff« deklarierte Fracht angeblich von der Firma TENEX angereichert werden, um daraus wieder Uran für die Energieerzeugung zu gewinnen. Doch dieser Recycling-Prozess ist offenbar nur ein vorgeschobener. Schon aus ökonomischen Gründen wäre das nicht sinnvoll, versichern Fachleute. Nur etwa zehn Prozent des gelieferten Mülls gelangen – angereichert – zurück nach Deutschland. Der Rest wird unter anderem im Atomzentrum Sewersk – das als Tomsk-7 unrühmliche Schlagzeilen gemacht hat – »endzeitgeparkt«. Denn: In dem 1996 mit Russland geschlossen Vertrag ist klargestellt, dass all das, was nicht aufbereitet nach Deutschland zurückgeschickt wird, Eigentum des abnehmenden Staates ist. Klartext: Der Atommüll bleibt in Sibirien. Und damit das Endlagerproblem.

Verantwortlich für die sibirische »Entsorgungsmethode« ist in Deutschland die Urenco-Gruppe. Sie ist eine Gesellschaft britischen Rechts mit Hauptsitz in den Niederlanden. Die Stromkonzerne RWE und E.on halten über ihre Tochter Uranit je 16,6 Prozent an dem Joint Venture.

Relativ verschwommen sind die Genehmigungsverfahren, die es Urenco gestatten, das abgereicherte Uranprodukt außer Landes zu bringen. Das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle in Eschborn ist nur in bestimmten Fällen zuständig. Unter anderem dann, wenn die Gefahr von Proliferation besteht. Das ist im Fall der Atommacht Russland absurd. Auch aus atomrechtlicher Sicht braucht Urenco keine Eschborner Zusage, denn dazu ist der exportierte Stoff nicht radioaktiv genug. So bedarf es nur noch einer zollrechtlichen Abfertigung. Gleichfalls nicht zuständig ist das Bundesamt für Strahlenschutz, das sich nur um mittel- und starkradioaktive Dinge kümmern muss.

Der Trick mit dem Atommüll, der als Wertstoff in den Osten exportiert wird, funktioniert auch in anderen Ländern. Laut Greenpeace wurden bislang über 100 000 Tonnen UF6 aus Westeuropa nach Russland gebracht. Auch aus Frankreich. Seit Mitte der 1990er Jahre sind aus unserem Nachbarland jährlich rund 108 Tonnen abgereichertes Uran ins sibirische Sewersk verschickt worden.

Doch der sibirische Ausweg scheint bald versperrt. Russlands staatlicher Atomkonzern Rosatom erklärte, dass man die Verarbeitung ausländischer Uranabfälle ab 2011 einstellen wird. Urenco stört das nicht. Der Transport im August sei der letzte dieser Art gewesen. Künftig werde man »das abgereicherte Material nach Frankreich schicken, wo es dekonvertiert und in Uranoxid zurückverwandelt wird. »Das kommt dann in sichere Behälter und an den Standort nach Gronau zurück«, erläuterte Urenco-Sprecherin Antje Evers.

Ihre Firma boomt. Der Konzern, der die einzige deutsche Urananreicherungsanlage betreibt, hat gerade für seine parallele Produktionsstrecke im niederländischen Almelo eine Kapazitätserhöhung beantragt. Dort könnte so pro Jahr Uran für den Betrieb von 40 Atomkraftwerken bereitgestellt werden. Plus Abfall.

Aktuelle Proteste von Umweltschützern kommentierte die Konzernsprecherin schlicht mit dem Satz: »Wir müssen eben auf unserem Hof kehren ...«

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