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Von Gerhard Hanloser 21.10.2009 / Außer Parlamentarisches

Deutung der Rauchzeichen

Vor vier Jahren brannten die französischen Vorstädte – ein Sammelband widmet sich den Ursachen

Dieses Buch ist wichtig. Der Sammelband »Banlieues: Die Zeit der Forderungen ist vorbei« versucht, die Rauchzeichen zu deuten, die vor vier Jahren, im Herbst 2005 über den französischen Vorstädten zusammenzogen. Und – um im Bild zu bleiben – es weiß, den Blick vom knisternden Feuer abzuwenden, um Brennmaterial, Wetterlage und auslösenden Funkenschlag ebenfalls zu begutachten. Damit bereichert der Herausgeberkreis, der sich »Kollektiv Rage« nennt, eine Debatte, die sich den schwierigen Klassenverhältnissen zu Beginn des 21. Jahrhunderts stellt. Eine gewisse Sprachlosigkeit war auf der Seite der traditionellen, aber auch radikalen Linken angesichts der französischen Revolte zu beobachten. Sie war schlicht überfordert von dieser zornerfüllten Bewegung, die keine politisch handhabbaren Forderungen erhebt. Was war passiert?

Immer kurz davor – alltägliche Unruhe

Ende Oktober 2005 waren in Clichy-sous-Bois, einer klassischen ehemaligen Arbeitervorstadt von Paris, zwei Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei in einem Umspannwerk ums Leben gekommen, ein dritter erlitt schwere Verbrennungen. Dieses Ereignis führte zu einem regelrechten Aufstand in dem Banlieue, der sich rasch über die Armutsviertel des gesamten Landes ausbreitete. Der damalige Innenminister und Präsidentschaftsanwärter Nicolas Sarkozy goss zusätzliches Öl ins Feuer, als er erklärte, er werde die Banlieues von den jugendlichen »Racailles« – dem »Gesindel« – befreien. Landesweit brannten etwa zwei Wochen die Vorstädte, was die Regierung sogar veranlasste, den Ausnahmezustand auszurufen.

Es waren nicht die ersten Jugendlichen aus den Vorstädten, die im Zuge einer Polizeiaktion zu Tode kamen. Die Geschichte der Vorstadt-Unruhen lässt sich bis ins Jahr 1971 zurückverfolgen, wie der Jurist und Journalist Bernhard Schmid kenntnisreich auflistet. Neue Ausschreitungen im Juni dieses Jahres in den Vierteln südlich und nördlich von Paris zeigen, dass Polizeirepression und Unruhe als Antwort darauf beständiger Alltag in den Vorstädten sind. Dennoch schlug im November 2005 die Quantität der Revolte in Qualität um. In sieben Departements kamen die Notstandsgesetze zur Anwendung, die 1955 während des Algerienkrieges geschaffen worden waren. Die Soziologin Ingrid Artus hält in ihrem Beitrag über die Novemberrevolte fest: »Das Gesetz ermöglichte es, die Banlieues praktisch in einen polizeilichen Belagerungszustand zu versetzen und wahllose Durchsuchungen vorzunehmen. Vorübergehend wurde sogar der Einsatz des Militärs zur Aufstandsbekämpfung erwogen.«

Der Sammelband interpretiert die Unruhen als Wiederauftauchen der sozialen Frage. Mit dieser Einschätzung steht das Buch quer zu all den Erklärungsversuchen, die die Unruhe auf die anthropologische Konstante der menschlichen Aggressivität zurückführen wollten, oder den verschwörerischen Islam und das ewige Kontinuum patriarchaler Gewalt verantwortlich machten. Die Artikel hüten sich vor zu raschen historischen Parallelisierungen und fordern auch die Linke auf, die November-Riots im Zusammenhang mit einer neuen Klassenzusammensetzungen zu analysieren.

In der Darstellung der Vorgeschichte des Aufstands – von den Unruhen der 1970er und 1980er Jahre über die Reformpolitik unter Mitterrand bis hin zum Antiterrorismus als neuem sicherheitspolitischen Paradigma – wird deutlich, dass die Banlieues der zentrale Raum sind, wo eine neue als gefährlich erachtete Klasse mit polizeilichen Mitteln eingedämmt wird. Emmanuelle Piriot macht darauf aufmerksam, dass Frankreich mit seiner kolonialen Geschichte innerhalb seines eigenen Territoriums Zonen der Ausnahmepolitik geschaffen hat, Zonen, die sich nicht zufällig mit den von Arbeitsmigration am stärksten geprägten Gebieten decken. Die Unruhen griffen eine sozial und rassistisch ausschließende Gesellschaft an, waren im strikten Sinne aber keine »race riots«. Die Vorstadtjugendlichen definieren sich über den Ort, an dem sie leben, ethnische Kategorien oder Herkunft spielen keine Rolle. Deswegen machen auch Vergleiche der französischen Vorstädte mit schwarzen Ghettos und der Community-Bildung in den USA wenig Sinn.

Sprachlose Revolte

Besonders der informative Artikel von Max Henninger widmet sich der Situation der Jugend der Banlieues auf dem französischen Arbeitsmarkt. Diese seien in besonderer Weise dem neuen prekären Arbeitsregime zwischen Zeitarbeit, befristeten Arbeitsverträgen und illegalen Jobs ausgesetzt. In verschiedenen Beiträgen wird deutlich, dass das nachhaltig dem Elite-Gedanken verpflichtete französische Schulsystem den meist migrantischen Jugendlichen der Vorstädte keine Chance bietet. Bildung setzt sich nicht in sozialen Aufstieg um. Auch deswegen brannten die Schulen im November.

Die Herausgeber des Buches interessieren sich für die Aufständischen. Nach der stummen Revolte wollen sie den Lesern einige der aufmüpfigen Stimmen aus den Banlieues präsentieren. Dabei drücken sie sich nicht vor unangenehmen Fragen und sind so gefeit vor einer Idealisierung der aufrührerischen Gewalt. Die von der Polizei gefangenen Unruhestifter waren alles junge Männer, die Frauen blieben im Aufstand unsichtbar.

Ein Beitrag widmet sich dem RAP als musikalische Ausdrucksform der Revolte, in dem bereits das Sprengende wie das Regressive enthalten ist: Hyperpolitisierung, Unterklassen-Bewusstsein, eine neue aggressive Sprache, aber auch Homophobie und Frauenverachtung. Eindrücklich erzählen Vorstadtbewohner über Polizeiwillkür und prekäre Arbeit, aber auch von Versuchen, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Doch gerade das scheint eher eine Ausnahme zu sein. So blieben die Vorstadtaufstände vollständig getrennt von den Arbeitskämpfen, von den großen Schülerbewegungen und Kämpfen gegen die Aushebelung des Kündigungsschutzes in Frankreich. Der in einem Artikel zitierte Linkskommunist Charles Reeve hat mit seiner Einschätzung den Nagel auf den Kopf getroffen: »Diese Aufstandsbewegung kann als eine gewaltvolle Antwort ohne Parolen auf das Scheitern der alten Arbeiterbewegung und ihrer Institutionen (...) gelesen werden. Die Gewerkschaften und Linksparteien gibt es nicht mehr in den Stadtvierteln. Sie repräsentieren dort niemanden mehr.« Man muss das Verschwinden der klassischen linken Vermittlungs- und Repräsentationsinstanzen weder beklagen noch beklatschen. Was an ihre Stelle tritt, ist längst nicht ausgemacht. Und vielleicht regieren auch in Zukunft in den abgehängten Vierteln nur Elend und Hoffnungslosigkeit, die periodisch von den zornigen Freudenfeuern der Revolte für kurze Zeit verscheucht werden.

Kollektiv Rage (Hrsg.), Banlieues. Die Zeit der Forderungen ist vorbei. Assoziation A, Berlin/Hamburg 2009. 280 Seiten, 16 Euro.

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