Bisher haben Ärzte die Neue Grippe in Deutschland bei über 22 000 Menschen festgestellt; tatsächlich dürfte es aber mehr Infizierte geben. Grund zur Panik besteht indes nichts. Lediglich ein Todesfall wurde in der Bundesrepublik registriert, bei dem ein Zusammenwirken von Vorerkrankung und H1N1-Virus vermutet wird. »Die so genannte Schweinegrippe verläuft in Deutschland nach wie vor in aller Regel klinisch milde«, schreibt das arznei-telegramm (a-t), das für seine kritische Haltung gegenüber der Pharma-Industrie bekannt ist, und fügt warnend hinzu: »Eine Massenimpfung mit den in Europa avisierten Impfstoffen könnte die größere Gefährdung bedeuten.«
Die a-t-Experten halten das Gesundheitswesen – und damit die Beitragszahler – auf jeden Fall für den Verlierer der Impfaktion, »da es auf jeden Fall mit mehreren hundert Millionen Euro für den überteuerten und riskanten Impfstoff aufkommen muss«. Gewinner sind die Pharma-Unternehmen, die für ihre Impfstoffe nicht einmal teuer werben mussten.
Heiß diskutiert wird die Frage, wie zuverlässig die bereitgehaltenen Impfstoffe wirken und welche unerwünschten Nebenwirkungen sie haben könnten. Interessant ist ein Vergleich mit der Lage in den Vereinigten Staaten: Dort sind seit Mitte September vier Impfstoffe gegen Schweinegrippe zugelassen, nämlich die Vakzine der Firmen CSL, MedImmune, Novartis Vaccines und Sanofi-Pasteur. »Alle vier Impfstoffe werden mit identischem und bei den saisonalen Vakzinen bewährtem Herstellungsverfahren auf Hühnereibasis produziert und enthalten keine Wirkverstärker«, heißt es beim arznei-telegramm.
In Deutschland wie auch sonst in Europa gibt es grünes Licht für drei Impfstoffe auf Hühnerei-Basis, die allerdings mit neuen Wirkverstärkern (Adjuvanzien) versetzt sind – darunter zwei Präparate der Firmen GlaxoSmithKline und Novartis. Diese Hilfsstoffe strecken das jeweilige Vakzin und gestatten es, unter Zeitdruck viermal so viele Menschen zu impfen wie ohne Wirkverstärker. Außerdem sollen die Zusätze eine Wirkung auch dann gewährleisten, wenn das H1N1-Virus mutiert – was Kritiker wie die a-t-Fachleute als unzutreffend bezeichnen.
Einen vierten, erst am 6. Oktober zugelassenen Impfstoff hat die Bundeswehr geordert – Celvapan von der Firma Baxter. Dieser enthält keine Zusatzstoffe und wurde mit Hilfe von Nierenzellen Grüner Meerkatzen angezüchtet. Pikant ist das schon deshalb, weil nicht nur etliche Mediziner, sondern auch die beim staatlichen Robert-Koch-Institut angesiedelte Ständige Impfkommission die Impfstoffe ohne Adjuvanzien für sicherer halten und sie für den Einsatz bei Schwangeren empfehlen, solange keine wirklich belastbaren Belege für die Verträglichkeit der drei anderen Vakzine vorlägen.
Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, die a-t-Experten und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stoßen in dieses Horn. Zudem fordert Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), für Kinder von sechs Monaten bis sechs Jahren ebenfalls nicht-adjuvantierte Impfstoffe.
In einem ersten Schritt sollen ab dem 26. Oktober in Deutschland 25 Millionen Bürger mit dem Pandemie-Vakzin Pandemrix von GlaxoSmithKline geimpft werden, der bisher in keinem Impfstoff zum Einsatz gekommen ist. Die Pharmafirma – wie auch die beiden Lieferanten der anderen drei Mittel – soll während des Einsatzes Erfahrungen mit möglichen Nebenwirkungen sammeln – ein Vorgehen, das einem Großversuch an der Bevölkerung gleichkommt, wie auch der pharmakritische Arzneimittelbrief befand. Zwar hat ein Test von Pandemrix an 5000 Probanden auf eine gute Verträglichkeit des Mittels hingedeutet, doch war dieser viel zu unscharf, um seltenere Nebenwirkungen aufzudecken, die nach einer Impfung von 25 Millionen Menschen sehr wohl zu zahlreichen Geschädigten führen könnten.
Agenturen/ND
Ständige Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut (RKI), Nordufer 20, 13353 Berlin, Tel. (030) 18 75 40, www.rki.de
Fachgesellschaft der Frauenärzte Deutschlands (DGGG), c/o MasterMedia GmbH, Dr. Eleonora Setiadi, Schulterblatt 120, 20357 Hamburg Tel. (040) 50 71 13 39, www.dggg.de
www.arznei-telegramm.de
www.neuegrippe.bund.de
Info-Hotline des Bundesministeriums für Gesundheit:
(030) 346 46 51 00, Mo. bis Fr., 8 bis 18 Uhr, 9 Ct./min aus dem Festnetz, Mobilfunk abweichend
Paul-Ehrlich-Institut: www.pei.de
www.aerztezeitung.de
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