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Von Hans-Gerd Öfinger 23.10.2009 / Gewerkschaftliches

Was bleibt vom Strike Bike

Vor zwei Jahren ging das Fahrradwerk »Bike in Nordhausen« in Selbstverwaltung

Das Fabrikgebäude an der Bundesstraße 80 in Nordhausen, in dem vor genau zwei Jahren 135 Arbeiter ein Stück Sozialgeschichte schrieben, wirkt an trüben Herbsttagen besonders trostlos und leer. Wenig erinnert noch daran, dass hier vom 22. bis 26. Oktober 2007 die aufmüpfige Belegschaft der damaligen Bike Systems GmbH als Höhepunkt und Abschluss einer viermonatigen Betriebsbesetzung in eigener Regie 1837 Exemplare des legendären knallroten »Strike Bikes« herstellte.
André Kegel steht zwischen funkelnd neuen Rädern.
André Kegel steht zwischen funkelnd neuen Rädern.

Das Tor, das die Fahrradwerker aus Angst vor einer Demontage der Produktionsanlagen ab Juli 2007 fast vier Monate lang besetzt hielten, ist derzeit durch Tiefbauarbeiten zur Untertunnelung eines bisherigen Bahnübergangs ohnehin für den Straßenverkehr unzugänglich. Sollte sich nicht bald ein neuer Mieter finden, so ist der Gebäudekomplex, in dem in den 80er Jahren noch mehrere tausend Arbeiter der VEB IFA Motorenwerke Nordhausen in Arbeit und Brot standen, dem Verfall preisgegeben.

Schwieriger Neuanfang

Bis Pfingsten 2009 beherbergte das Gelände die Strike Bike GmbH – einen Manufakturbetrieb, der als zartes Pflänzlein der Hoffnung ein Jahr zuvor die Fahrradproduktion wieder aufgenommen hatte. Die Strike Bike GmbH ist ein Kind des Belegschaftsvereins »Bike in Nordhausen«, der aus dem Abwehrkampf im Sommer und Herbst 2007 heraus entstanden war und als juristischer Träger für die selbstverwaltete Produktion fungierte.

Mit dem Umzug in eine andere Gewerbeimmobilie in Nordhausen bekundete der harte Kern, der die Strike Bike GmbH derzeit gegen alle Widrigkeiten am Leben hält, Zuversicht und eisernen Willen. Ohne den ging es auch nicht, seitdem die Belegschaft am 1. November 2007 die Besetzung aufgegeben und dem Insolvenzverwalter die Schlüssel übergeben hatte. Sie wollten es aller Welt zeigen, dass die Fahrradproduktion in Nordhausen nicht tot zu kriegen ist.

Das ist ihnen auch gelungen. Doch der Neuanfang gestaltet sich wesentlich schwieriger als erhofft. Nach ursprünglichen Planungen sollte der Betrieb ab Mai 2008 für 20 ehemalige Bike Systems-Arbeiter eine neue Existenzgrundlage bieten. »Wir waren am Anfang zu blauäugig«, resümiert der Vereinsvorsitzende André Kegel die Entäuschungen mit einem Großhändler, der die Abnahme von 2000 Fahrrädern in Aussicht stellte und dann absprang. Auch die aktuelle Wirtschaftskrise hat Hoffnungen zerstört.

Vom einstigen Industriebetrieb übrig geblieben ist eine Manufaktur mit einem fünfköpfigen Team um die Arbeiter-Geschäftsführer André Kegel und Steffen Aderhold, die selbst mit anpacken und von der Hand in den Mund leben. Sie wollen sich nicht dem Schicksal vieler Ex-Arbeitskollegen fügen, die bei einer Leiharbeitsfirma oder irgendwo im Westen tätig sind oder immer noch zu Hause sitzen.

Das Strike Bike lebt – trotz aller Widrigkeiten. Der Betrieb arbeitet kurzfristig die eingehenden Aufträge ab, bietet in einem Onlineshop verschiedene robuste Räder mittlerer Preislage sowie Zubehör an und pflegt Beziehungen zu Händlern bundesweit. Weitere Projekte sind ein Elektrofahrrad und Leihfahrräder für Hotels.

Dass das Strike Bike Geschichte gemacht hat und diese Erfahrungen wertvoll sind, erfährt Kegel immer wieder, wenn sich etwa Doktoranden aus Marburg oder Dozenten und Studierende der Industriesoziologie aus Jena melden und vor Ort informieren. Regelmäßig rufen auch Beschäftigte anderer Betriebe an, die Rat im Widerstand gegen Rationalisierung und Betriebsschließungen suchen.

Nicht ohne Grund. Denn das Strike Bike wurde zum Symbol des Widerstands gegen »Heuschrecken-Gebaren« und einer selbstverwalteten Produktion. Damit zeigten die Fahrradwerker aller Welt, dass es auch ohne Bevormundung geht – von der Planung bis zur Produktion, von der Kundenakquise bis zum Versand. Astrid Schwarz-Zaplinski von der IG Metall Nordhausen resümiert, dass ehemalige Bike Systems-Beschäftigte jetzt »nicht mehr so duckmäuserisch im neuen Arbeitsverhältnis« seien.

Kali-Werk als Vorbild

»In jener Woche hatten wir einen Zusammenhalt in der Belegschaft, Einheitslohn für alle, keine Rivalitäten, keine Grüppchenbildung, dafür super Stimmung und ein entspanntes Arbeiten«, schwärmt André Kegel noch zwei Jahre später. Rückblickend sieht er es aber auch als Fehler an, dass die Belegschaft im Sommer 2007 anfänglich noch zuließ, dass Lastwagen teures Produktionsmaterial abtransportierten: »Wir hätten es drauf ankommen lassen sollen. Ich würde den Hof generell abriegeln und nichts mehr rauslassen.«

Den Anstoß zur Werksbesetzung hatte im Sommer 2007 ein Anwalt gegeben, der die Belegschaft an die Besetzung eines Kali-Bergwerks im 30 Kilometer entfernten Bischofferode Anfang der 1990er Jahre erinnerte. »Er empfahl es nicht, er riet uns aber auch nicht davon ab«, berichtet Kegel.

Zur Produktion in Eigenregie ermunterten Berichte aus Südamerika und praktische Vorschläge der anarchosyndikalistischen Freien Arbeiterunion (FAU) und der Radspannerei in Berlin-Kreuzberg.

So wurde Bischofferode zum Vorbild für Nordhausen. Das Strike Bike wiederum könnte nun selbst ein Ansporn für andere Belegschaften werden, die sich nicht abservieren und in die Arbeitslosigkeit abschieben lassen wollen.

Mehr Infos im Netz unter: www.strike-bike.de

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