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Von Stefan Thimmel 24.10.2009 / Ausland

Gute Chancen für einen Wahlsieg der Linken

Bei der Frente Amplio wächst von Tag zu Tag der Optimismus

In den letzten Tagen vor der Präsidentschaftswahl sind bei den Anhängern der Frente Amplio (Breite Front) das Wir-Gefühl und der Optimismus, schon im ersten Wahlgang zu gewinnen, zurückgekehrt.

»Wir sind die Frente«, skandierten 200 000 Menschen in einem Meer rot-blau-weißer Fahnen bei der Abschlusskundgebung des Linksbündnisses am Mittwoch in Montevideo. Endlich ist Euphorie aufgekommen und von dieser Welle lassen sich auch immer mehr Unentschiedene mitreißen. 2,5 Millionen Uruguayer haben am Sonntag die Wahl: Zur Abstimmung stehen für das Mitte-Links-Bündnis Frente Amplio mit José »Pepe« Mujica ein ehemaliger Stadtguerillero, für die rechtsliberalen Blancos mit Luis Alberto Lacalle ein neoliberaler Ex-Präsident und für die rechtskonservativen Colorados mit Pedro Bordaberry der Sohn eines Diktators. Die letzten Umfragen sagen 49 Prozent für die Frente Amplio, 32 Prozent für die Blancos und 15 Prozent für die Colorados voraus. Erreicht Mujica am Sonntag nicht die absolute Mehrheit, muss er am 29. November gegen Lacalle in die Stichwahl. Am 25. Oktober wird auch das Parlament neu gewählt. Und hier hat das Bündnis von Mujica gute Chancen, wiederum die absolute Mehrheit zu gewinnen. 48 Prozent der Stimmen reichen dafür aus.

Mujica, der die Nachfolge des seit dem März 2005 amtierenden Präsidenten Tabaré Vázquez antreten will, betont immer wieder die Erfolgsbilanz der ersten Linksregierung in der Geschichte des Landes. Das Bruttoinlandsprodukt stieg in den letzten vier Jahren um 35 Prozent, das jährliche Wachstum betrug acht Prozent. Die Arbeitslosigkeit sank von 16 Prozent im Jahre 2004 auf sieben Prozent Anfang 2009. Der Reallohn stieg um 30 Prozent, der Mindestlohn verdoppelte sich auf circa 140 Euro. 2004 lebten 32 Prozent der Uruguayer in Armut, 2008 waren es 20 Prozent. Für die bis dahin völlig rechtlosen Landarbeiter wurde der Acht-Stunden-Tag durchgesetzt.

Die Rechte der Gewerkschaften wurden deutlich gestärkt, vor allem durch die Wiedereinführung der Räte für Lohnfragen, in denen unter Beteiligung des Staates von den Gewerkschaften und den Unternehmensverbänden verbindliche Mindestlöhne ausgehandelt werden. Eine Steuerreform, durch die die unteren Einkommen entlastet wurden und eine Erhöhung des Bildungsetats stehen ebenfalls auf der Habenseite. Zudem wurde erstmals in der Geschichte ein Sozialministerium eingerichtet, das unter anderem einen Notstandsplan ins Leben rief, von dem zu Beginn der Regierung Vázquez circa 200 000 Uruguayer profitierten. Programme wie der Plan Ceibal, durch den über 360 000 Grundschüler einen Laptop aus dem Projekt OLPC (One Laptop per Child) erhalten haben, werden international anerkannt und hochgelobt.

Mujica sieht sich zuallererst in der Kontinuität dieser Politik. Ob der wahrscheinliche Wahlsieg Mujicas einen Linksruck bedeutet, ist nicht ausgemacht. Dafür sind einerseits die konkreten Vorschläge des Kandidaten, der sich immer noch als Anarchist bezeichnet, und andererseits von Danilo Astori, der Vize-Präsident werden will, noch zu diffus. Im Wahlkampf haben beide eine geschickte Aufgabenverteilung vereinbart, um sowohl die linken Kritiker innerhalb der Frente zu beruhigen als auch die Mittelschicht auf ihre Seite zu ziehen. Der ehemalige Wirtschafts- und Finanzminister Astori, der in der Regierung Vázquez für eine sozialdemokratische Politik stand und der das Vertrauen der Wirtschaft und der Finanzwelt genießt, hat seinen Diskurs radikalisiert und warnt jetzt vor der Rückkehr des Neoliberalismus, während Mujica davon spricht, den Kapitalismus neu zu erfinden, das System aber nicht grundlegend verändern will. Eine Haltung, die von ehemaligen Weggefährten scharf kritisiert wird. Vor allem, weil in den letzten fünf Jahren die Kluft zwischen Arm und Reich größer geworden ist, trotz aller Sozialprogramme, Lohnzuwächse und der günstigen ökonomischen Daten. Und weil es keine Anzeichen gibt, dass eine Regierung Mujica den Ausverkauf des fruchtbaren Landes an ausländische Konzerne stoppen wird.

Außenpolitisch wird ein Präsident Mujica die Integration Südamerikas stärken und die Beziehungen vor allem mit seinen Kollegen Lula da Silva, Hugo Chávez und Evo Morales intensivieren. Und auch eine Verbesserung der Beziehungen zu Argentinien, die seit über drei Jahren wegen des Konflikts um die Ansiedlung einer Zellstofffabrik auf der uruguayischen Seite des Rio Uruguay nahezu paralysiert sind, wird unter Mujica nicht lange auf sich warten lassen.

Es ist möglich, dass es bei den Präsidentschaftswahlen, wie in der Qualifikation für die Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika, für Uruguay in die Verlängerung geht. Spätestens am 29. November wird José »Pepe« Mujica aber aller Voraussicht nach das gewählte Staatsoberhaupt der 3,4 Millionen Uruguayer sein.

Zahlen und Fakten

Paradies der Straflosigkeit?

Am Sonntag wird in Uruguay auch über die Abschaffung des »Gesetzes über die Hinfälligkeit des Strafverfolgungsanspruches des Staates« abgestimmt. Ohne Unterstützung der linken Regierung wurden von Menschenrechtsorganisationen in einer zweijährigen Kampagne 340 000 Unterschriften gesammelt, mehr als das notwendige Quorum für ein erneutes Referendum. Denn über die vom rechten Präsidenten Julio María Sanguinetti erlassene Amnestie von 1986, die allen Polizei- und Militärangehörigen Straffreiheit für während der Militärdiktatur von 1973 bis 1985 begangene Verbrechen zusichert, wurde schon 1989 abgestimmt. Damals scheiterte die Annullierung nur knapp, vor allem, weil die Angst vor einem erneuten Militärputsch geschürt wurde. Das internationalen Menschenrechtsabkommen widersprechende Gesetz untersagt die Verfolgung selbst schwerster Verbrechen wie Entführung und Mord, lässt allerdings der Regierung die Option offen, einzelne Fälle juristisch verfolgen zu lassen. Offiziell bestätigt sind 172 Fälle von »Verschwundenen«. Insgesamt wird von über 200 Personen ausgegangen, die verschleppt und ermordet wurden. Trotz einiger spektakulärer Verurteilungen hat eine öffentliche Debatte über die Diktatur fast 25 Jahre nach ihrem Ende nicht wirklich begonnen. Doch nun bewegt sich etwas. Sechs Tage vor der Wahl erklärte der Oberste Gerichtshof das Gesetz einstimmig für verfassungswidrig. Obwohl diese Entscheidung nur für den Fall der 1974 von Militärs ermordeten 24-jährigen Nibia Sabalsagaray, einer in der kommunistischen Jugend aktiven Lehrerin, gilt, ist es eine Grundsatzentscheidung. Am Donnerstag wurde der frühere Militärdiktator Gregorio Alvarez wegen Menschenrechtsverbrechen zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein prinzipielles Ende der Straflosigkeit bedarf allerdings der Abschaffung der Amnestie. ST

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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