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Von Walter Willems 26.10.2009 / Umwelt

Jüngste Erderwärmung beispiellos

Kein ähnliches Klima während der vorigen 200 000 Jahre auf Nordhalbkugel

Der Temperaturanstieg der vergangenen Jahrzehnte ist in der jüngeren Erdgeschichte beispiellos. Während der vergangenen 200 000 Jahre gab es nie eine vergleichbare Wärmeperiode, wie die Analyse von Bohrkernen aus der Arktis belegt. »Diese historische Aufzeichnung zeigt, dass wir die Ökosysteme, von denen wir abhängen, dramatisch beeinflussen«, mahnt der Umweltbiologe John Smol von der Queen’s Universität in Kingston in der kanadischen Provinz Ontario.

Forscher von fünf nordamerikanischen Hochschulen untersuchten an der Ostküste der kanadischen Baffin-Insel nahe des Ortes Clyde River die Schichten, die sich im Lauf der Jahrtausende unter einem kleinen See abgelagert hatten. Mithilfe von Bohrkernen förderten sie Sedimentproben zutage, die – aufgrund der eingeschlossenen Pflanzen, Tiere und chemischen Verbindungen – Einblick geben in die klimatischen Verhältnisse der letzten 200 000 Jahre. Damit reichen sie um 80 000 Jahre weiter zurück als frühere Bohrkernuntersuchungen in der Arktis. Die Zeitspanne umfasst zwei Eiszeiten und drei Wärmeperioden. »Die Seesedimente sind natürliche Archive von Klima- und Umweltveränderungen«, sagt Cheryl Wilson. »Sie bewahren vergangene geochemische und physikalische Bedingungen ebenso wie wichtige biologische Indikatoren.«

Eigentlich müsste die Erdtemperatur in jüngster Zeit minimal sinken, denn die Erde entfernte sich während der letzten beiden Jahrtausende tendenziell von der Sonne. Zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende auf der nördlichen Halbkugel befindet sie sich derzeit etwa 600 000 Kilometer weiter weg von dem Zentralgestirn als noch zur Zeit um Christi Geburt.

Tatsächlich kühlte sich die Erde leicht ab – bis ins vergangene Jahrhundert. »Unsere Resultate zeigen, dass die vorigen Jahrzehnte während der letzten 200 000 Jahre ökologisch einmalig sind«, sagt der Biologe Neal Michelutti von der Queen’s Universität. Die Wissenschaftler nennen im Fachjournal »Proceedings of the National Academy of Sciences« (vorab online, DOI: 19.1073/pnas. 0907094106) konkrete Beispiele für die Veränderungen: Die Sedimentanalysen ergaben, dass mehrere Mückenarten, die bei niedrigen Temperaturen florieren, jahrtausendelang in großer Zahl in dem Areal gediehen. Erst ab etwa dem Jahr 1950 begannen die Populationen stetig abzunehmen, und inzwischen sind zwei Arten ganz verschwunden. Dagegen breitet sich in dem See nun eine Kieselalge rasant aus, die früher nur sporadisch auftrat.

»Unsere Ergebnisse zeigen, dass der menschliche Fußabdruck langdauernde natürliche Prozesse selbst in entlegenen arktischen Regionen überlagert«, sagt Smol. »Wir haben auf diesem Planeten ein unkontrolliertes Experiment gestartet und unbekanntes Territorium betreten. Die Situation ist weit schlimmer, als wir dachten, und das ist erst der Anfang.«

Zugefrorener See auf der kanadischen Baffin-Insel. Die Sedimente auf dem Seegrund blieben besonders lange ungestört.

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