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Von Tom Mustroph 28.10.2009 / Berlin / Brandenburg

Flüchtlingsdrama auf Europaletten

Von Troja nach Lampedusa im Berlin-Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße

Die schöne Helena darf bei Berlusconi anlanden, Hekabe, Andromache und Kassandra hingegen nicht. Die deutsch-italienische Theaterproduktion »Aufbruch aus Troja« nimmt im Ballhaus Naunynstraße das Publikum auf eine gewagte Ausfahrt von der antiken Ägäis zur gegenwärtig immer wieder in den Nachrichten auftauchenden Mittelmeerinsel Lampedusa.

Sie entwickelt dabei eine komplexe, zuweilen auch verwirrte Erzählung über Migration, Krieg und Schlauheit im Überlebenskampf. Ausgangspunkt ist Euripides' Tragödie »Die Troerinnen«. Den Endpunkt bilden die Aktivitäten der Agentur Frontex, die die Sicherung der europäischen Außengrenzen organisieren soll.

Frontex findet in dem Abkommen über eine gemeinsam koordinierte Migrantenjagd auf hoher See, die der Medienpotentat Berlusconi – unter Beifall der anderen europäischen Regierungschefs – mit dem nachrevolutionären Herrscher Gaddafi getroffen hat, einen besonders bizarren Ausdruck. Und so beginnt die Inszenierung der italienischen Regisseurin Manuela Naso denn auch mit Berlusconis Verkündung der Bewältigung des kolonialen Erbes der Italiener in Libyen und dem Beginn einer frohen und gemeinsamen Zukunft beider Länder.

Vorher hatte Naso noch ein Herumwälzen der Leiber platziert, das das Schlachten und Leiden, Hauen und Trauern vor Troja symbolisieren sollte und ästhetisch einen Rückfall in esoterische Performance-Projekte der 70er und 80er Jahre darstellte. Dann aber stach das aparterweise aus Europaletten zusammengesetzte Floß mit der Griechin Helena und ihren königlich-trojanischen drei Begleiterinnen endlich in See. Stückautor Eckart Seilacher hatte sich gemeinsam mit der Regisseurin entschieden, diese weibliche Kriegsbeute der siegreich abziehenden Griechen in eine Fluchtgruppe aus Eigeninitiative umzuwandeln.

So ganz hielten Helena & Co. diesen thematischen Bruch nicht aus. Interessant wurde es aber immer dann, wenn die antiken Konturen verschwanden und die Figuren mit skizzenhaften biografischen Zügen von heutigen Flüchtlingen versehen wurden. Lässig durchleuchtete vor allem Kassandra (Antje Görner) den hierzulande vorherrschenden Anerkennungsmechanismus, der Migranten dazu zwingt, sich zum Opfer – auch wenn sie selbst sich als ein solches nicht unbedingt einschätzen – zu stilisieren, um bleiben zu dürfen.

Der männliche Konterpart Berlusconi/Schäuble (eine Rede des Innenministers zur Einwanderung wurde ins Stück integriert) hingegen griff im Versuch, seine vor allem durch Statistiken und Paragrafen geprägten Wahrnehmung dieses Problemkreisen ein wenig zu personalisieren, dankbar auf die edlen antiken Spuren zurück. An seinen Adlatus erging der Auftrag, Helena einreisen, den Rest aber verrecken zu lassen.

Mitten in Kreuzberg, dessen Migrationsbewegungen mehr von der Logistik von Öger Tours als von klapprigen Fischerbooten geprägt sind, mutete dieser Ausblick aufs Thema ein wenig fremd, aber auch überraschend erhellend an. Die simple Bühnenbildidee mit den Europaletten überzeugte. Gekonnt wurde auch das pseudo-klassizistische Ambiente des Ballhauses in die Inszenierung einbezogen. Schade nur, dass lediglich die Darsteller der Kassandra (Antje Görner) und ihres Gegenspielers aus der modernen europäischen Politik-Szene (Uwe Schmieder) ihren Helden eine Luzidität und Brüchigkeit verliehen, die sie als Bühnenfiguren interessant machten.

»Aufbruch aus Troja« ist ein ambitioniertes Projekt, das sich leider ab und an in den zahlreichen selbst ausgelegten Handlungs- und Inszenierungsfäden verhedderte.

28.-30. Oktober, 20 Uhr Ballhaus Naunynstraße, weitere Informationen im Internet unter www.ballhausnaunynstrasse.de

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