Mit seinen großen Kopfhörern, dem Pepito-Hütchen und dem ärmellosen T-Shirt unter der Trainingsjacke sieht Murat aus wie eine Mischung aus Ska- und Hip-Hop-Jünger. Jeden Tag verbringt der Sprücheklopfer mit seinem introvertierten Freund Hakan an derselben Ecke des »Kotti« genannten Kottbusser Tores in Berlin-Kreuzberg. Hakan ist zwar »Abi-Türke«, vermag seine Zeit aber auch nicht sinnvoller als mit Abhängen zu nutzen.
Der erste Teil des filmischen Berlin-Doppels »Kreuzkölln« ist Serdal Karaças halbstündiger Spielfilm »Moruk«. »Moruk« (was laut einem Internet-Forum mit »Los, Alter« oder »Hau rein, Alter« übersetzt werden kann) ist in stilvollem Schwarz-Weiß gehalten und begleitet seine beiden Helden konsequent durch ihren eintönigen Alltag: Gespräche, die meist ins Leere laufen, Anbaggern von Mädchen und Langeweile. Anleihen an Jim Jarmuschs erste Spielfilme sind bei Karaça nicht zu übersehen, doch wird hier die Handlung zugunsten einer stimmigen Milieuzeichnung zurückgestellt.
Ständig halten deutsche Jugendliche die beiden jungen Berliner Türken für Drogendealer, sehr zu deren Ärger. Und so schildert der Film die absurde Situation zweier melancholischer Clowns und deren wiederkehrenden Tagesablauf. Wie Vladimir und Estragon aus »Warten auf Godot« warten Murat und Hakan einfach. Worauf, sei dahingestellt.
Dagegen setzen die Regisseurinnen Eva Lia Reinegger und Anna de Paoli in ihrer 55-minütigen Dokumentation »24 Stunden Schlesisches Tor« auf die Beobachtung des Titel gebenden Kiezes – ab 6 Uhr morgens, 24 Stunden lang. Scheinbar willkürlich befragen sie Passanten zu Leben, Liebe und Arbeit. Außer einer tageschronologischen Anordnung der Kurzgespräche lässt der Film kein thematisches oder ästhetisches Konzept erkennen. Doch die Gegend um das Schlesische Tor bietet in ihrer Dynamik und Vielfalt genügend Stoff für aussagekräftige Begegnungen.
Rund um die Gleise der U-Bahn-Linie 1, die über den Köpfen der Passanten hinwegrattert, erzählen Menschen von ihrem Kiezgefühl: eine Plakatkleberin, die lieber in Mahlsdorf lebt, ein ortsansässiger Imbissbuden-Betreiber, aber auch ein rassistischer deutscher Penner. Während sich ein junger Deutschtürke mit gegeltem Haar mit den »Ladies« brüstet, die er erobert hat, weiht ein alteingesessener Kreuzberger den Zuschauer in die Historie des Bezirks ein. Früher sei hier nichts los gewesen, aber am 9. November dachte er »die Russen sind einmarschiert«.
Von der Lebendigkeit des Kiezes zeugen auch englischsprachige Touristen oder ein junger Graffiti-Sprüher. Alltäglichere Sorgen schildert ein türkischer Taxifahrer, der versucht, »Kontrolle über seine Familie zu haben«. Bei eintretender Dunkelheit kommen schließlich die Nachtschwärmer oder auch schräge Selbstdarsteller zu Wort.
So ganz zusammenpassen wollen der um Stil bemühte Vorfilm und die anschließende Dokumentation zwar nicht. Doch als Zeitdokument über ein bestimmtes Lebensgefühl in Kreuzkölln – der Gegend zwischen Kottbusser Damm, Sonnenallee und Maybachufer – taugt das Film-Doppel allemal.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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