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Fragwürdig

Kein soziales Bewusstsein?

Aldi-Discounter vertreibt Straßenzeitungsverkäufer in Berlin / Christian Ghattas ist im Vorstand des Vereins Obdachlose machen mobil (mob), der den »Strassenfeger« herausgibt

Stefan Otto
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ND: In der aktuellen Ausgabe des Berliner »Strassenfegers« drucken Sie einen Brief von Aldi an Ihre Redaktion ab, in dem sich der Discounter darüber beschwert, dass Straßenzeitungsverkäufer vor seinen Filialen stehen.
Ghattas: Uns verwundert der Brief, weil es dafür eigentlich keinen Anlass gibt. Die Verkäufer wurden von einigen Filialleitern aufgefordert, zu gehen, und dem sind sie auch nachgekommen. Das ist alles. Wenn sich irgendwo Probleme anbahnen, dann sprechen wir mit Geschäftsführern. Meistens lassen sich Missverständnisse aus dem Weg räumen.

Der »Strassenfeger« hat mit einen Offenen Brief geantwortet.
Wir haben unsere Bestürzung zum Ausdruck gebracht, dass eine so große Lebensmittelkette ein so geringes Bewusstsein zur sozialen Verantwortung hat. Zumal Einkommensschwache oftmals die besten Kunden der Discountermärkte sind und die Gebrüder Albrecht als Eigentümer von Aldi zu den reichsten Menschen der Welt gehören.

Sie appellieren an eine altruistische Haltung. Warum?
Ein soziales Verhalten hat in Deutschland eine lange Tradition. Über Jahrhunderte war das maßgeblich für das Ansehen eines Bürgers oder eines Fürsten. Sie hatten eine soziale Verpflichtung, die letztlich dazu führte, dass in den Städten erste Spitäler eingerichtet und Armenspeisungen durchgeführt wurden.

Das war aber vor langer Zeit ...
In der Gegenwart ist dieses Bewusstsein nicht mehr so ausgeprägt. Vielleicht liegt das an einer zunehmenden sozialen Abgrenzung. Die Lebensräume von Vermögenden und Bedürftigen überschneiden sich nicht mehr unbedingt. Die Reichen steigen nicht in die U- oder S-Bahn. Sie leben in einem Elfenbeinturm.

Sind Hilfeleistungen für Bedürftige auch Sinnstiftungen?
Diese Beobachtung machen auch unsere Straßenzeitungsverkäufer. Wenn sie Spenden bekommen, tut das auch den Gebern gut.

Wenn sich Wohlhabende weniger engagieren, bekennt sich dann jedenfalls die öffentliche Hand zur Hilfe?
Auch die zieht sich zusehends zurück. Interessant war bei der Kampagne »be Berlin«, was alles Berlin sein soll. Ich habe in dieser Selbstdarstellung keinen einzigen der über 10 000 Obdachlosen in der Stadt gesehen, obwohl auch die zum Stadtbild gehören, etwa als Straßenzeitungsverkäufer. Das gehört durchaus zum Flair Berlins, spielt aber in der öffentlichen Sicht keine Rolle. Dabei ist die Stadt dafür bekannt, dass hier auch ohne großes Einkommen vieles möglich ist. Das zieht Kreative aus der ganzen Welt an.

Was nicht zuletzt der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit mit seinem Ausspruch Berlin sei »arm aber sexy« geprägt hat.
Aber mit dem Satz ist es ja nicht getan. Außerdem hatte er damit wohl eher die öffentliche Kasse im Sinn und nicht die Armen auf der Straße.

Gab es schon eine Reaktion auf Ihren Offenen Brief an Aldi?
Nein, damit rechnen wir auch nicht. Wir haben Aldi Möglichkeiten aufgezeigt, sich zu engagieren. Indem der Discounter beispielsweise bei einer Stiftung, die wir gründen wollen, Zustifter wird.

Haben Sie Ihre Verkäufer angewiesen, Aldi künftig zu meiden?
Nein, wir machen den Verkäufern keine Vorgaben.

Fragen: Stefan Otto

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24.05.2012 | Katja Eichholz, David König und Olaf Präger

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