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ND: Herr Hein, welche Gedanken bewegten Sie, als vor zwanzig Jahren die DDR von der historischen Bühne verschwand?
Hein: Am 9. November 1989 war mir klar, dass die DDR verschwinden würde. Nur, wie dann tatsächlich so ein Staat aufhört zu existieren, der doch lange und weiträumig das Leben von Menschen bestimmt hat, das war schwer vorstellbar. Dass eine Weltmacht sich ohne Krieg und Gewalt von der Bühne verabschiedet, hat es bis auf das Römische Reich nie gegeben. Umberto Eco sprach davon, dass man die Auswirkungen des Zerfalls des Römischen Reiches noch 800 Jahre später verspüren könne. Er meinte, selbst den Zerfall der K.u.K.-Mo- narchie aus bestimmten Ereignissen des Zerfalls des Römischen Reiches herzuleiten. Ich weiß nicht, wieweit das korrekt ist. Aber der Zerfall dieses russischen Imperiums wird die nächsten 50, vielleicht sogar 200 Jahre bestimmen.
Friedrich Schorlemmer schrieb vor kurzem: »Mit Ende des Sowjetsystems verlieren die westlichen Demokratien immer mehr das Gleichgewicht zwischen bürgerlichen und sozialen Freiheitsrechten. Das rührt inzwischen an die Grundfragen des Rechtsstaates, der nicht zuletzt von der Akzeptanz seiner Bürger lebt.« Sehen Sie die Gefahr, dass sich die Erosion der Freiheitsrechte der Bürger fortsetzen wird?
Die Gefahr sehe ich und ich fürchte sie auch. Ich fürchte, dass sie Konsequenzen für die Demokratie haben könnte, gerade jetzt durch diese schweren Krisen, die erst angefangen haben. Dem Kapitalismus ging es wunderbar, als er auf der anderen Seite dieses sozialistische Weltreich hatte. Da befand er sich im Wettbewerb und der Wettbewerb war dem Kapitalismus immer sehr bekömmlich. Auf einmal aber brach dieses Reich weg und der Wettbewerb hatte sich erledigt. Der Kapitalismus konnte nur noch expandieren und machte es auch. Er wurde maßlos und Maßlosigkeit war immer – siehe Römisches Reich – der Anfang vom Ende. Das kann möglicherweise drohen. Dann wird es wieder eine Wirtschaftsordnung geben, die vermutlich nicht freundlicher wird, die sicher sehr kapitalistisch sein wird, aber mit fehlender oder mangelnder Demokratie sehr gut zurecht kommt. Wir erleben etwas Vergleichbares in China, wo es eine sehr rigide Partei- und Staatsführung gibt, die aber den Kapitalismus ungestört wirtschaften lässt. Da sind die bürgerlichen Freiheiten auf eine sehr brutale Art und Weise eingeschränkt. Diese Gefahr besteht auch für Europa.
Könnte es sein, dass die Bundesrepublik seit der Wiedervereinigung Deutschlands unter einer Art Legitimationsproblematik leidet und gerade deshalb jede möglicherweise positiv zu interpretierende Bezugnahme auf die DDR vergessen zu machen trachtet?
In dem Moment, da die Wirtschaft runtergeht und die Arbeitslosenzahlen hochgehen, ist der Verweis auf einen Staat, in dem es keine Arbeitslosigkeit gab und große soziale Sicherheit herrschte, besonders fatal und muss heftig zurückgewiesen werden. Der andere Punkt ist dieser Wettbewerb zum Kapitalismus, der zur Folge hatte, dass die DDR sehr viel liberaler war als die anderen sozialistischen Staaten. Sie konnte nicht so nach Belieben wie die Sowjetunion mit ihren Bürgern umspringen. Da gab es immer dieses Beispiel Bundesrepublik. Arno Schmidt, ein sehr geschätzter Kollege von mir, schrieb einmal in einem Essay, dass er jeden Morgen, wenn er aufstehe, Gott danke, dass es die DDR gebe und er hoffe, dass dann irgendein DDR-Kollege aufstehe und danke, dass es die BRD gebe, weil sich dadurch, dass es diese andere Seite gebe, beide Seiten ein bisschen zurückhalten müssten. Das fand ich eine den Kern treffende Formulierung.
Unmittelbar nach der Wende kam es zu einer Reihe merkwürdiger Vorgänge. Da wurden beispielsweise Bücher aus der Verlagsproduktion in abertausenden Exemplaren auf dem Müll entsorgt. Da geschah es aber auch, dass die Eröffnungsrede von Stefan Heym als Alterspräsident des Bundestages vom überwiegenden Teil seiner Mitglieder ostentativ nicht zur Kenntnis genommen wurde. Sehen Sie darin eine Art Menetekel für die Zukunft des wiedervereinigten Deutschland?
Es ist die Sicht der Sieger. Das ist sich durch die Jahrhunderte gleich geblieben. Vor einiger Zeit fand ich bei Theodor Mommsen in der »Geschichte Roms« den bemerkenswerten Satz, nie sei das Latein der Päpste so schlecht gewesen wie nach dem Zerfall des Römischen Reiches. Auch die Päpste konnten, weil der Staat obsolet geworden war, angeblich nicht mehr Latein sprechen. Das ist völlig normal. Der Sieger schreibt die Geschichte.
Sie haben kürzlich die Einladung der Bundesregierung zu einer Veranstaltung zum 60-jährigen Jubiläum des Grundgesetzes ausgeschlagen und dies in einem offen Brief mit der Ausgrenzung von DDR-Künstlern in der Ausstellung »60 Jahre – 60 Werke« im Berliner Gropius-Bau begründet. Steht hinter dieser Ausgrenzung eine politische Methode?
Ich denke schon. Es ist noch ein nachgetragener Kalter Krieg. Aber es ist eine Haltung von den Ideologen der Gesellschaft und nicht von der Gesellschaft selbst.
»Jede Fälschung der Geschichte zerstört Freiheit«, schrieben Sie an einer Stelle Ihres Buches »Aber der Narr will nicht«. Gilt das auch für die Unterdrückung oder Manipulation historischer Tatsachen?
Auf jeden Fall. Aber es besteht kein Grund für große Nervosität. Jeder Staat versucht zu zeigen, dass er der allerbeste ist. Diese Haltung hatte die DDR auch. Da tritt aber doch dieses Goethesche Diktum ein, dass alles, was auf dieser Welt entsteht, auch zugrunde geht. Wir erleben gerade durch die Globalisierung, welche enormen Veränderungen in der Welt stattfinden. Jeder, der vor 20 Jahren nur angedeutet hätte, dass die USA nicht mehr die Führungsmacht für alle Zeiten sein werden, wäre als Wahnsinniger verstanden worden. Heute deutet sich an, dass möglicherweise China oder Indien in sehr kurzer Zeit diese Rolle übernehmen werden. Vor 20 Jahren war das noch ein absurd fern liegender Gedanke. Die Welt dreht sich weiter und wir werden noch weitere Überraschungen erleben. Insofern kann man diese Versuche korrigierender Geschichtsschreibung mit historischem Verstehen aufnehmen.
Wie gehen Sie mit Ihren DDR-Erfahrungen um? Wirken sie in Ihr heutiges Leben hinein?
Das sind Erfahrungen, die wir als Sozialisierung beschreiben. Gesellschaften und Staaten prägen Individuen, auch wenn sie sich dagegen sträuben. Insofern sind die Prägungen, die mit den 50er, 60er und 70er Jahren der DDR zu tun haben, auch mit dem kleinen Ausflug nach Westberlin, wo ich drei Jahre das Gymnasium besuchte, schon bestimmend für mich, ob ich es will oder nicht.
Monika Maron hat kürzlich gefordert, wir sollten damit aufhören, von DDR-Literatur zu sprechen, sondern sie vor dem Hintergrund dessen, dass die DDR das Ergebnis der gemeinsamen deutschen Geschichte war, auch als deutsche Literatur akzeptieren. Teilen Sie diese Auffassung?
Ja, weil wir die Fontane-Literatur auch nicht dem regierenden Hohenzollern-Haus gleichsetzen und Flaubert nicht mit Napoleon III. Das ist eine Einschränkung, die etwas unsinnig ist. Aber sie stört mich auch nicht.
Haben sich Autoren in der DDR als deutsche Schriftsteller verstanden oder als DDR-Autoren?
Die Autoren, mit denen ich Umgang hatte, Heiner Müller, Peter Hacks, Christa Wolf, Stefan Heym, Günter de Bruyn, Volker Braun verstanden sich immer als deutsche Autoren. Einen Autor, der sich nur als DDR-Schriftsteller verstanden hätte, könnte ich nicht nennen.
Wie würden Sie die literarische Darstellung der DDR in der nach der Wende entstandenen Literatur bewerten? Vermittelt sie ein einigermaßen realistisches Bild dessen, was die DDR war?
In einigen Punkten schon. Es gibt unterschiedliche Bücher und unterschiedliche Sichten und ich will auch nicht verkennen, dass es Autoren gibt, die schon deswegen eine andere Sicht auf die DDR hatten, weil sie sie anders kennen lernten. Ich erlebte das auch selbst, als ich anfing. Es gab ältere Kollegen, die etwas erschrocken waren und mir sagten, sie hätten ein ganz anderes Bild. Ihnen sei die DDR viel freundlicher entgegengekommen als mir, dem Pfarrerssohn, der in den Westen abgehauen war. Das sind verschiedene Bilder, die mit Lebenserfahrungen zu tun haben. Da kann es nur hilfreich sein, wenn wir noch mehr Facetten dazubekommen, damit das Bild vollständiger wird.
Hans Mayer sagte über Ihren 1989 erschienenen Roman »Der Tangospieler«, aus ihm würden künftige Generationen sehen, wie man in diesem Land gelebt, gelitten und gelogen habe.
Ich würde keinesfalls ein einzelnes Buch als gültig für eine bestimmte Zeit oder eine bestimmte Region benennen. Wir haben es in der Geschichte der Menschheit nie erlebt, dass ein einzelnes Buch alles abgedeckt und ausgefüllt hat. Es gab immer noch ein paar Dinge, die von anderer Seite dazu kommen mussten. Erst die vielen unterschiedlichen und auch widersprüchlichen Facetten ergeben in ihrer Gesamtheit ein einigermaßen genaues Bild der Zeit.
1987 stellten Sie auf dem 10. Schriftstellerkongress der DDR fest, dass sich in den meisten westlichen Ländern eine Konzentration des Verlagswesens vollziehe. Inzwischen ist genau diese Situation im wiedervereinigten Deutschland eingetreten. Was bedeutet das für die Zukunft der deutschen Literatur?
Es wird so sein, wie es vor 100 oder 200 Jahren war. Ein paar Idealisten wollen sie trotzdem machen, sowohl was die Seite der Autoren betrifft, wie auch die der Verleger. Neben der Konzentration haben wir auch ein Anwachsen der Kleinstverlage, die auf Selbstausbeutung beruhen, in denen ein oder zwei Leute beschäftigt sind, die kaum davon leben können, aber eben aus Begeisterung für das Buch tätig sind. Indem auch die Buchkonzerne und großen Verlage durch das Internet Schwierigkeiten bekommen werden – wie wir das bei den Musikkonzernen erlebt haben –, kann es sein, dass das Publikum angesichts dieser Überfülle doch wieder zu den kleinen Verlagen geht. Die Geschichte kichert gerne und macht exotische Sprünge.
Steht zu vermuten, dass, wenn sich die gegenwärtigen, hauptsächlich politisch motivierten Hysterien um gewisse Erbteile der DDR erst einmal gelegt haben werden, die zu Zeiten der DDR entstandene Literatur eine andere, nämlich ruhigere, neutralere Wahrnehmung erfahren wird?
Da bin ich ziemlich sicher. Denn die Auseinandersetzungen mit diesem untergegangenen Staat bestimmen doch sehr das Leben, wenn auch nicht so stark, wie die emsigen Medien glauben. Und es kann sein, dass es nach ein paar Jahrzehnten ruhiger wird. Es kann aber auch noch länger dauern. In den USA war der Krieg zwischen den Nord- und Südstaaten relativ schnell vorbei. Aber noch 120 Jahre lang waren die Trennung und die Folgen dieses Krieges erkennbar. Wie mir Amerikaner sagten, sei heute noch die Kultur von diesem Krieg gekennzeichnet und es gebe nach wie vor im Süden eine Kultur, die sich deutlich absetze gegen die der früheren Nordstaaten. Als das Saarland 1955 zur Bundesrepublik kam, mit einer etwas anderen Kultur, erweiterte es doch Facetten des Landes und trug zu Bereicherung des Lebens bei. So kann es doch sein, dass dieser anders sozialisierte ostdeutsche Teil weniger als eine Belastung empfunden wird, sondern als hinzugekommener Reichtum.
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