Seinem Credo ist Reynaldo Bignone bis heute treu geblieben: »Die nationalen Werte Argentiniens müssen mit dem Kreuz und dem Schwert verteidigt werden.« Seit Montag muss sich Argentiniens bis dato letzter Juntachef für seinen mutmaßlichen Anteil an den Verbrechen der Diktatur (1976-1983) vor Gericht verantworten. 30 000 Menschen verschwanden in dieser Zeit spurlos oder wurden nachweislich ermordet – Bignone sprach kurz vor seinem Prozess von »nur 8000«.
Auch 26 Jahre nach dem Ende der Diktatur tauchen dank der unermüdlichen Arbeit der Großmütter der Plaza de Mayo immer noch vermisste Enkel auf. Erst vor wenigen Tagen wurde das 98. Kind verschwundener Mütter identifiziert. Das Verschleppen hunderter Kinder von Regimegegnern, um sie in Junta-nahen Pflegefamilien unterzubringen, ist einer der Anklagepunkte, für die sich der 1928 in Moron in der Provinz Buenos Aires geborene Bignone verantworten muss. Die Hauptanklagepunkte lauten auf Menschenrechtsverletzungen, Entführung und Folter von 56 Menschen.
Mit seinen Taten befindet sich der Sohn italienischer Einwanderer in schlechter Gesellschaft. Neben dem 81-Jährigen stehen fünf weitere ehemalige Generäle und ein Polizeioffizier vor Gericht. Die Verbrechen ereigneten sich in der berüchtigten Kaserne Campo de Mayo, auf deren Gelände sich das größte illegale Gefangenenlager in der Provinz Buenos Aires befand.
Bignones Aufstieg an die Spitze der Militärregierung im Juli 1982 ging die Niederlage im Krieg gegen Großbritannien um die Falkland-Inseln, die in Argentinien nur als »malvinas« bekannt sind, voraus. Damit hatte die Junta sämtlichen Kredit auch in ihr bis dahin gewogenen Bevölkerungsteilen verloren. Bignone, der schon mit 30 Jahren in den Generalstab berufen wurde, kam die Rolle des Abwicklers zu – 1983 gab er die Macht an den frei gewählten Raúl Alfonsín von der Radikalen Bürgerunion ab. Dessen erste Versuche, die Verbrechen der Diktatur juristisch aufzuarbeiten, wurden von den Militärs schnell ausgebremst. Erst im August 2003 unter der Regierung von Néstor Kirchner hob der Kongress die zwei Amnestiegesetze auf, die die Militärs weit gehend straffrei ließen. Damit ist jetzt endlich Schluss.
Aktuelle Ausgabe: 24.05.2012
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