Von Reimar Paul
06.11.2009

Erinnerung auf dem Abstellgleis

Bahn zahlte Gewinne aus Todesfahrten nie zurück und behindert erneut Ausstellungszug

Der »Zug der Erinnerung«, der als rollende Ausstellung über die Deportationen vor allem von Kindern und Jugendlichen in der Nazi-Diktatur informiert, ist ein Streitfall ohne Ende.

Der Erinnerungszug hat am Mittwoch die niedersächsische Kleinstadt Walsrode angesteuert. Nach Konflikten zwischen den Organisatoren und der Deutschen Bahn AG konnte der Zug allerdings nicht wie zunächst geplant im Walsroder »Haupt«-Bahnhof halten. Stattdessen stoppte er auf einem Nebengleis des kleinen, am Stadtrand gelegenen Gewerbebahnhofs Vorwalsrode, der von einem privaten Bahnunternehmen betrieben wird. Von dort gab es einen Shuttle-Verkehr ins Stadtzentrum.

Das für die Region zuständige Bremer DB-Management habe dem »Zug der Erinnerung« die Bahnhofseinfahrt in Walsrode verweigert und dafür »wechselnde technische Begründungen« gegeben, sagte der Vorsitzen des Trägervereins, Hans-Rüdiger Minow. Unter anderem seien betriebliche Mängel der Gleisanlagen vorgeschützt worden. Auch in Schwarmstedt, wo der Zug am heutigen Freitag Station machen will, habe die Deutsche Bahn zunächst versucht, »das Gedenken an die Deportationsopfer zu behindern«.

Minow sagte, er unterstelle keinem Bahn-Mitarbeiter schlechte politische Absichten, wohl aber »betrieblich-technische Ignoranz«. Die Reichsbahn habe die Deportierten damals unter betrieblichen Aspekten transportiert. Heute behandele die Deutsche Bahn den Erinnerungszug ebenfalls unter rein betrieblichen Gesichtspunkten.

Ein Bahnsprecher in Berlin bedauerte die »Unstimmigkeiten«. »Wir haben kein Interesse an einem Konflikt«, sagte er auf Anfrage. Die Schwierigkeiten in Walsrode und Schwarmstedt rührten daher, dass es dort jeweils nur zwei betriebene Gleise gebe. »Wenn auf einem ein Zug steht, fallen die regulären Züge aus.« Nicht benutzte Nebengleise seien nur zu Fuß über die befahrenen Schienen und damit »unter einem gewissen Risiko« zu erreichen. Während sich in Schwarmstedt die Organisatoren des Zuges und die Behörden auf Absperrungen geeinigt hätten, habe die Initiative diesen Vorschlag in Walsrode abgelehnt.

Bereits im vergangenen Jahr, als der Zug erstmals durch Deutschland rollte, hatte es mehrmals Streit zwischen Initiatoren und Bahn AG gegeben. Teilweise forderte das Unternehmen die Zahlung von Nutzungs- und Bewachungsgebühren. Seit seinem Start im Frühjahr 2008 hat der Zug die Ausstellung schon in mehr als 100 Städten vor zehntausenden Besuchern präsentiert.

Unterdessen kritisierte der Trägerverein, dass die Reichsbahn mit den damaligen Massendeportationen hohe Millionenbeträge eingenommen, aber nie zurückgezahlt habe. »Obwohl die Bundesrepublik Deutschland juristische Erbin dieser Reichsbahn-Einnahmen ist, hat sie die abgepressten Transportgelder und zugefügten Deportationsschäden nie berechnen lassen«, sagt Minow.

Einem Gutachten zufolge – der »Zug der Erinnerung« will es heute offiziell vorstellen – erhob die staatliche Reichsbahn für die Fahrten nach Auschwitz und in die anderen Todesstätten pro Person und Kilometer zwei Pfennige, das sind nach heutigen Preisen etwa zwölf Cent. Ein Todestransport aus Berlin mit 1033 Deportierte in das Ghetto Lódz brachte der Reichsbahn nach heutiger Währung rund 63 000 Euro ein, für eine Massenabschiebung aus Hamburg – 1004 Deportierte nach Minsk – verbuchte die Reichsbahn Einnahmen in Höhe von rund 190 000 Euro. Die Fahrtkosten ließ sich die »Reichsbahn« von den Opfern bezahlen.

Wie das Gutachten weiter feststellt, wurden auch die Vergasungstransporte von 128 000 »Erbkranken« mit den üblichen Tarifen berechnet. Die Bahn-Deportationen in Polen beziffert die Studie mit einer zweistelligen Millionensumme. Für die Schleusung von KZ-Gefangenen, die zwischen den Lagern in Güterwagen verschoben wurden, berechnete die Reichsbahn ebenfalls hohe Beträge. Im Juli dieses Jahres spendete die Deutsche Bahn dem »Zug der Erinnerung« nach langem Streit um ihre historische Verantwortung 175 000 Euro für einen Hilfsfonds.

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