Von Simone Schmollack
07.11.2009

Die Kaderschmiede

In »Klosterkinder« erzählt Knut Elstermann die Geschichte des »Grauen Klosters« in Berlin

Heute beherbergt das Haus in der Berliner Niederwallstraße
Heute beherbergt das Haus in der Berliner Niederwallstraße eine staatliche Hotelfachschule.

Wenn Kinder in der DDR etwas bis an ihr Lebensende konserviert haben, dann den Geruch der Schulküche. Die lag meist im Keller, und schon kurz nach zehn roch es im gesamten Haus nach der großen Pause. Das ist der Stoff, aus dem Schulgeschichten sind.

Jetzt gibt es ein neues »Schulbuch«. Knut Elstermann hat es geschrieben, es heißt »Klosterkinder« und erzählt vom »Grauen Kloster«, einem Elitegymnasium im Berliner Osten. Der Filmjournalist, Radio- und Fernsehmoderator war selbst Schüler dort, von 1975 bis 1979. Und natürlich kommt auch er nicht vorbei an Nostalgie und Reminiszenz an die eigene, vergangene Jugend. Das ist auch gut so. Denn man will sich ja wiederfinden in den Geschichten anderer. So erinnert sich Elstermann noch einmal an jene Mädchen und Jungen, mit denen er damals das Abitur machte: den lässigen Jan, die fröhliche Maja, die schöne Ina, die lebensleichte Biggi, den empathischen Matti.

Und an Mark. Marks Geschichte zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Was Mark widerfuhr, lässt Knut Elstermann bis heute nicht los. Mark ging in die Parallelklasse und war so etwas wie ein Überflieger und Gehirnakrobat. Einmal organisierte er eine Kulturveranstaltung. Dazu gab er eine Art Programmheft heraus, das einen kritischen Text über die Schule und die DDR enthielt. Für diese Zeilen wurde er vier Wochen vor dem Abi von der Schule geschmissen.

Als Elstermann jetzt frühere Lehrer dazu befragte, konnte (oder wollte) sich niemand mehr an die Sache mit Mark erinnern. Aber in den Schul- und Stasi-Akten fand Elstermann zahlreiche Details. »Die Schule hat versagt«, sagt er. Doch auch er und seine Mitschüler waren nicht besser. »Damals haben wir alle unsere Schnauze gehalten, niemand hat sich für Mark eingesetzt.« Mark selbst sieht die Vergangenheit relativ gelassen, seinen Mitschülern macht er keine Vorwürfe, er wusste ja, wie es war in der DDR. Vorwürfe macht er der Schule und seinen ehemaligen Lehrern. Er ist seinen Weg gegangen, hat Germanistik studiert und heute seinen eigenen Verlag, der in der Branche einen Namen hat.

Wie kommt einer wie Knut Elstermann, 49, überhaupt auf die Idee, ein »Schulbuch« zu schreiben? Es war ein Klassentreffen vor ein paar Jahren, das ihn dazu brachte, sich an einen Stoff zu wagen, der zunächst vor allem eines verspricht: aufwendige Archivarbeit und Aktenstudium. Kein Stoff, mit dem man schnell ein leichtes Buch fabriziert. Denn das »Graue Kloster«, das in der DDR schlicht die 2. Erweiterte Oberschule hieß und nie einen Namen verliehen bekam wie beispielsweise Hermann-Hesse-Oberschule oder Else-Lasker-Schüler-Schule, so wie die Abiturienten das gern gewollt hätten, gab es bereits viele Jahrhunderte. Die Bildungsstätte ist urkundlich 1250 zum ersten Mal erwähnt als »Grawes Kloster«, das damals tatsächlich ein Kloster war. In dem Gebäude wurde 1574 das Berlinischs Gymnasium zum Grauen Kloster angesiedelt. Später lernten dort unter anderen Karl Friedrich Schinkel und Otto von Bismarck. »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn war dort Sportlehrer. In der DDR ging auch Lothar de Maizière in diese Kaderschmiede, viele Jahre später wickelte er die DDR ab. Das alles erzählt »Klosterkinder«, das Buch sammelt alles ein und holt weit aus, es bietet Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten.

Anfang 2000 feierte die Schule ihr 425-jähriges Jubiläum, mit einer Festveranstaltung, die die Bundeszentrale für politische Bildung initiiert hatte. Mit dabei war damals zum Beispiel Hermann Simon, der 1967 das »Kloster«-Abi- tur ablegte. Heute ist der Historiker Direktor der Stiftung »Neue Synagoge Berlin«.

Als Knut Elstermann sein Buch in einem Berliner Kino vorstellt, sind vor allem ehemalige Schüler da. Manchmal erkennen sie einander gar nicht. »Bist du nicht der Uwe?« »Der Uwe« nickt, aber er sagt nichts. Man sieht ihm an, dass er mit seinem Gegenüber nicht viel anfangen kann. Wer könnte das wohl sein? »Ich bin die Jutta, erkennst du mich denn nicht?« »Der Uwe« hebt ratlos die Schultern: »Nicht wirklich.«

Später, als Knut Elstermann aus seinem Buch vorliest, geht immer mal wieder ein kollektives Nicken durch die Stuhlreihen. Jutta mag vergessen sein, aber nicht, dass man aus den Klassenzimmern in der Niederwallstraße am Spittelmarkt auf der einen Seite die Leuchtreklame des Springer-Hochhauses lesen konnte und auf der anderen Seite auf das Gebäude des SED-Zentralkomitees blickte, in dem heute das Außenministerium untergebracht ist. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich die »Klosterschüler« bewegten: politischer Gehorsam und die Sehnsucht nach Freiheit. Und weil sich hier vor allem Kinder von Diplomaten, Künstlern und Ausländern trafen, umwehte die Schule stets ein Hauch von Exklusivität.

Dieser Ruf wurde zusätzlich genährt durch die Legende, dass einmal eine komplette Abiturklasse samt Lehrer in den Westen abgehauen sei und dort eine neue Schule gegründet haben soll. Das Gerücht hielt sich hartnäckig, aber es gab bislang niemanden, der das zweifelsfrei bezeugen konnte. Elstermanns genaue Recherche ergab: 1957 ist tatsächlich fast eine gesamte Klasse in den Westen gegangen. Aber die Schüler hatten ihr Abi längst in der Tasche und mussten drüben die 13. Klasse nachholen, weil es die im Osten nicht gab.

Etwas Besonderes war das »Graue Kloster« aber auch, weil an ihm Latein und Altgriechisch gelehrt wurde. Durch die bürgerlich-humanistische Bildungsausrichtung war sie »eine Oase im pädagogischen Einheitssystem«, wie Elstermann schreibt.

Elstermann ist Entertainer, die Buchpremiere fand nicht umsonst in einem Kino statt und nicht auf einer einfachen Lesebühne. Und er las nicht nur, sondern reicherte seine Texte an mit Fotos, Skizzen, Stadtplänen und Zeichnungen, die auf die Kinoleinwand projiziert wurden. Am Ende gab es noch einen Film über die Schule, von Evelyn Schmidt, die die Schule 1968 verließ und 1990 ehemalige Klassenkameradinnen vor die Kamera holte. »Rote Socken im Grauen Kloster«, so der Filmtitel, ist der Versuch, die Wende zu verstehen.

Das dunkelste Kapitel des »Grauen Klosters« war die Nazizeit. Noch 1933 feierten die Schüler ihr Abitur bei einer der drei jüdischen Mitschülerinnen. Doch schon zwei Jahre später musste Willy Lewinsohn, der letzte jüdische Lehrer, die Schule verlassen. Er wurde deportiert, in Minsk verlor sich jede Spur.

Nach dem Ende des Krieges begann für die Schule eine gänzlich neue Zeit. Unabhängig davon, dass sie sich nun unter sowjetischer Besatzung den sozialistischen Bildungsidealen anzupassen hatte, zog sie in ein neues Gebäude. Das altehrwürdige Haus war zerbombt, die Klosterruine steht heute noch in der Klosterstraße. Die Schule zog in die Niederwallstraße, in einen schlichten Bau mit einem quadratischen Schulhof unter einer Brandmauer.

Wer »Graues Kloster« googelt, wird sich wundern. Das Netz spuckt zwei Einträge aus: einen für die Schule in Mitte (Ost) und einen für ein Gymnasium in Schmargendorf (West). Die Schule im Osten verlor 1958 ihren Titel, den 1963 eine Evangelische Schule im Westen und damit auch die Tradition übernahm. Es war mehr oder weniger ein willkürlicher Akt, die neue Schule hatte mit der alten nichts zu tun. Die neue Schule existiert heute noch unter dem Namen »Evangelisches Gymnasium zum Grauen Kloster«, hier drückten unter anderen Prominente wie der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck (»Das Leben der anderen«) und der Schauspieler Ulrich Matthes die Schulbank.

Inzwischen gibt es einen Förderverein für den Wiederaufbau des (alten) »Grauen Klosters«. Das Ziel: Erinnerung an eine besondere Bildungseinrichtung und Rettung humanistischen Kulturgutes.

Knut Elstermann:. Klosterkinder. Deutsche Lebensläufe am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin. Bebra Verlag, Berlin, 2009. 320 Seiten, mit 35 Abb. 19,95 €.

TV-Dokfilm »Rote Socken im Grauen Kloster«, 1990, Regie: Evelyn Schmidt